10 Leitsätze der Filmkritik

  1. Filmkritik ist ein Akt der Liebe. Ohne Filmkritik ist Film weder greifbar noch erneuerbar. Filme werden zu selten als Filmkritik verstanden.

  2. Erst die souveräne Emphase und eine selbstvergessene Distanz zum Werk ermöglichen die Filmkritik. Es bedarf einer doppelten Übung, im gegenwärtigen Augenblick, im lebensweltlichen Kontext von diesem abzusehen, um in einer anschließenden Selbstbefragung seinen Standpunkt zu rekonstruieren.

  3. Jede einzelne Filmkritik ist nur ein kleiner Teil einer größeren Auseinandersetzung, sowohl des Autors mit dem Kino als auch der Öffentlichkeit mit dem spezifischen Werk. Neben dem Verhältnis von Autor zu Film nimmt Filmkritik noch etwas Drittes in den Blick: die Beziehung beider zur Welt.

  4. Filmkritik biedert sich nicht an, weder an Werke, noch an Filmemacher und erst recht nicht an ihre Leser.

  5. Filmkritik folgt keinem Schema.

  6. Nicht jeder Film hält der bohrenden Neugierde der Filmkritik und ihrer fiebrigen Assoziationsfreiheit stand.

  7. Filmkritik will nicht ausgewogen sein, sondern der Reihe nach ergebnisoffen, differenziert und eindeutig.

  8. Kategorien werden zur Beschreibung verwendet, nicht zur Bewertung. „Mainstream“ ist eine soziologische, keine ästhetische Kategorie. In der Form liegt die Tugend.

  9. Filmkritik braucht Haltung. Haltung vermeidet Starrsinn. Abgebrühtheit ist ein Elend.

  10. Filmkritiken muss man nicht lesen, sondern schreiben.


„Wenn sie in der Lage ist, das offenzulegen, was das Kunstwerk notwendig macht, das heißt, die Bildungsformel, das Erzeugungsprinzip, den Daseinsgrund, [dann liefert sie] der künstlerischen Erfahrung wie dem mit ihr einhergehenden Vergnügen die beste Rechtfertigung und reichsten Stoff. Über sie kann die sinnliche Liebe zum Kunstwerk sich in einer Art amor intellectualis rei vollenden.“

Bourdieu: Die Regeln der Kunst