Zazy

Der Zwang zur Überlegenheit: M.X. Obergs Zazy bürdet seiner Hauptfigur eine Rolle auf, die sie nur widerwillig ausfüllt – ein innerer Widerstand, den der Film nie ganz zu fassen bekommt.

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Eigentlich macht Zazy (Ruby O. Fee) in M.X. Obergs gleichnamigem Film keinen sonderlich überlegenen Eindruck, eigentlich wirkt sie stets wie das der Pubertät noch nicht ganz entwachsene 18-jährige Mädchen, das sie ist. Ein ausdrucksloses Gesicht, oder vielmehr ein Gesicht, dessen Ausdruck stets noch unsicher und wankend ist, das Gesicht eines Menschen, für den die Welt noch zu neu ist, um ihr mit eindeutigen und klar entschiedenen Reaktionen zu begegnen. Die Lippen immer leicht schmollend, ein instinktives Signal der Harmlosigkeit, das als Schutzmechanismus noch aus einem früheren Kindesalter übrig geblieben ist – aus einer Zeit, als man tatsächlich noch hilflos und beinahe grenzenlos verletzlich war. Und eine stets monotone, stets dem Auseinanderbrechen nahe Stimme, als kämen Zazys Nerven immer nur gerade so mit den Eindrücken, Reizen und Anforderungen des Lebens zurande. Die tiefe Unbedarftheit, die Zazy ausstrahlt, sie wirkt nie wie ein souveränes Spiel oder eine scheinheilige Pose, durch die lediglich eine innere Härte und Durchtriebenheit verdeckt werden soll. Nein, die Unbedarftheit, so scheint es, macht den Kern von Zazys Wesen aus: schutzlos, unstet und noch nicht ausgeformt.

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Dennoch ist Zazy in der Lage, eine beinahe grenzenlose Macht über die ältere, verheiratete, sozial fest verankerte Marianna (Petra Hultgren) auszuüben. Vordergründig führt der Film diese Macht zwar auf eine schlichte Erpressungssituation zurück – Zazy weiß von einem heimlichen Spaziergang, den Marianna während ihres Urlaubs im Tessin mit dem Inhaber einer örtlichen Schneiderei gemacht hat und bei dem der Schneider tödlich verunglückte –, doch ist die Angst vor einem Ehekrach und vor öffentlicher Bloßstellung schon bald keine ausreichende Erklärung mehr für die willenlose Unterwürfigkeit, mit der Marianna jeden absurden und überzogenen Wunsch Zazys umgehend erfüllt. Zazy folgt Marianna aus dem Tessin zurück nach Deutschland, lässt sich von ihr Arbeit verschaffen, quartiert sich bei ihr zu Hause ein, und irgendwann mietet Marianna dann für Zazy und ihren Freund Tomek (Paul Boche) auch noch eine mehrstöckige Wohnung, kauft ihnen Designer-Möbel und Berge teurer Kleidung, lässt sogar die Schläge des jähzornigen und gewalttätigen Tomek schweigend und duldsam über sich ergehen. Mariannas Leidensbereitschaft hat bald etwas Irrationales, Absurdes, Überschüssiges an sich – eine Überschüssigkeit, die der Film immer dann aus den Augen zu verlieren droht, wenn er sich zu sehr einer reinen Eskalationslogik hingibt, wenn er lediglich auf die immer nächste Steigerung in Mariannas Kontrollverlust lauert und sich darauf beschränkt, eine immer bedrohlicher werdende Atmosphäre der Gewalttätigkeit genussvoll nachzuzeichnen.

Ein starres Machtgefälle, zugleich vertraut und unergründlich

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In dieser Abfolge der Erniedrigungen schimmert jedoch trotzdem immer wieder ein Machtgefälle hindurch, das keinerlei Eskalation erfahren kann, da es keine Abstufungen kennt und immer nur absolut zwischen Über- und Unterlegenen unterscheidet. Dieses Machtgefüge kündigt sich bereits in der Anfangsszene des Films an, lange bevor sich die Wege von Zazy und Marianna kreuzen: laut stöhnend, die Körper über die Lehne eines Sofas gekrümmt, schlafen Zazy und Tomek miteinander, während im Hintergrund eine grellbunte Musiksendung im Fernsehen läuft. Auch später und immer wieder werden die beiden ausgiebig beim Sex gezeigt, es sind dies stets zusammenhanglose Einschübe, die das Gefüge des Films energisch aufbrechen, weniger Ausdruck von Lust oder Zärtlichkeit als offensives Zurschaustellen der Fähigkeit, den eigenen Bedürfnissen Befriedigung zu verschaffen. Diesem Imponiergehabe hat Marianna wenig entgegenzusetzen: Sie muss ohne ihren Mann in den Urlaub fahren, ihre tastend sich anbahnende Affäre mit dem Schneider wird durch dessen tödlichen Unfall schon im Keim erstickt, und die Wunden, die Tomek ihr mit der Peitsche zufügt, muss sie gar nicht groß verbergen – denn dass Mariannas Mann ihren nackten Rücken zu Gesicht bekommt, scheint ohnehin von vornherein ausgeschlossen.

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In Zazy lassen sich die Menschen somit in zwei getrennte, deutlich voneinander verschiedene Arten einteilen: jene, die sexuell aktiv sind, und jene, die es nicht sind – und Letztere sind Ersteren immer hilflos ausgeliefert, egal was für Unterschiede an Lebenserfahrung, sozialer Stellung oder ökonomischer Macht sonst noch bestehen mögen. Krieg, so heißt es bei Thomas Hobbes, ist in erster Linie nicht die Abfolge tatsächlicher Kampfhandlungen, sondern ein Zustand, in dem die Bereitschaft zum Kampf für alle Beteiligten klar ersichtlich ist. Man kann also eine Auseinandersetzung bereits verlieren, noch bevor sie offen ausgebrochen ist, man kann seine Niederlage immer schon mit sich herumtragen, in der Haltung, die man ohne eigenes Zutun nicht nur zu anderen Menschen, sondern zu der Welt an sich einnimmt.

Das letzte noch verbliebene Idyll

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Eine grelle Dissonanz durchzieht infolgedessen den gesamten Film. Denn Zazy weist auf struktureller Ebene seiner Hauptfigur eine mühelose, sexuell grundierte Dominanz zu, die jedoch diese Hauptfigur in ihrer unsicheren, unsteten, unfertigen Erscheinung weder ausüben kann noch ausüben will. Ständig wird Zazy in irgendwelche Lolita-Posen hineingezwängt, gegen die ihr Körper inneren Widerstand zu leisten scheint, und es ist unklar, ob der Film sich dieser inneren Zerrissenheit tatsächlich bewusst ist. Erst als die latente Gewalttätigkeit, die in Zazy der Sexualität zu eigen ist, explizit von der Hauptfigur ausgelagert wird, erst als ihr Wille zur Unterwerfung allein auf einen brutalen Zwang vonseiten Tomeks zurückgeführt wird, kommt der Film innerlich zur Ruhe. Dann darf auch Zazy zu einer Form der Sexualität finden, die ihrem inneren Wesen gemäß zu sein scheint; das unschuldige, überschüssige, noch ungeformte Verlangen findet dann seinen wahrhaftesten Ausdruck in der grellbunten, überkandidelten Ästhetik des Musikfernsehens. Wenn sich die Sexualität der Erwachsenen immer nur zwischen erstarrter Lustlosigkeit und brutaler Unterdrückung bewegt, dann erscheint VIVA mit einem Mal als das letzte noch verbliebene Idyll.

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