Underdog – Kritik

Anhand von Vierbeinern zeigt diese surreale Parabel, wie es gesellschaftlichen Randgruppen im rechtskonservativ geführten Ungarn geht: hundsmiserabel.

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Budapest, mitten am Tag: Einsam rollt ein Mädchen auf seinem Fahrrad durch die komplett verlassenen Straßen. Hier steht ein leeres Auto mit weit aufgerissenen Türen, dort versperrt ein liegengebliebener Bus den Weg. Die Kamera gleitet sanft mit dem Mädchen einher, ein paar Saiteninstrumente spielen zarte Töne, die Bilder verlangsamen sich zu Zeitlupen. Das Mädchen wendet den Kopf und blickt über die Schulter zurück. Dann ein Paukenschlag, dramatischer Bläsereinsatz, Zoom-in, Schnitt, Perspektivwechsel: Ein riesiges Rudel, ach was!, eine ganze Rotte von Hunden biegt rennend um die Ecke und rast dem Mädchen hinterher, kommt ihm immer näher. Majestätisch dröhnt und stampft das Orchester. Abblende.

Was für ein Beginn! Überhaupt erweist sich Regisseur Kornél Mundruczó in Underdog (Fehér isten) als Meister des Tempo- und Genrewechsels. Sein Drama entwickelt sich zwischendurch immer mal wieder zum Thriller oder sogar zum Horrorfilm – ein Genre, mit dem Mundruczó bereits in Johanna (2005), einer großartigen Neuinterpretation des Johanna-von-Orléans-Mythos in Opernform, eindrucksvoll gespielt hatte. Doch zuvorderst ist Underdog eine Parabel über die politische Lage im heutigen Ungarn.

Mischlinge bellen nicht auf Ungarisch

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Lili (Zsófia Psotta) – das Mädchen aus der Eingangssequenz – zieht für ein paar Wochen zu ihrem alleinlebenden Vater. Mit dabei: ihr Hund Hagen (gespielt von zwei verschiedenen Hunden). Der strenge Vater duldet das Tier nicht, bei einer Autofahrt schmeißt er Hagen raus. Von hier an geht es in Underdog vordergründig darum, wie das Mädchen und Hagen wieder zueinander kommen. Dieser Weg führt über staatliche Hundefänger und einen illegalen Hundekampf-Ring sowie ein Tierheim, das mit seinem Euthanasieprogramm an ein KZ erinnert. Außer Lili meint es so ziemlich niemand in diesem Film gut mit Hunden.

Dass es Mundruczó aber keinesfalls um Hunde geht, wird spätestens klar, wenn der Vater schimpft, Hagen sei „kein ungarischer Hund", sondern „ein Bastard". Das entspricht in etwa der Rhetorik der aktuellen ungarischen Regierung unter dem rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, die insbesondere mit Obdachlosen und Asylanten wenig zimperlich umgeht (mit künstlerisch und politisch ambitionierten Filmemachern übrigens auch nicht). Die Hunde sind in Underdog das Symbol für alle Ausgegrenzten im heutigen Ungarn – und wenn sie aus ihren Zwingern ausbrechen, nimmt Mundruczó eine mögliche Folge dieser Ausgrenzung vorweg: die Rache der Entrechteten.

Revenge-Horror doggystyle

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Im Finale zeigt der Film den Weg zur Versöhnung zwischen Ausschließenden und Ausgeschlossenen auf – Lili als Repräsentantin der Jugend wird dabei zur Hoffnungsträgerin für die Zukunft. Filmisch spannender als die recht pathetischen Schlussminuten ist aber die Art und Weise, wie Mundruczó aus der erzählerischen Basis eines Mädchen-und-Haustier-Dramas eine surreale Hunderevolution in teils apokalyptischen Revenge-Horror-Bildern heraufbeschwört. Besonders beeindruckt dabei, dass bei den Bewegungen der Hunde offenbar relativ wenig mit CGI-Effekten nachgeholfen wurde. Erstaunlich ist etwa die Sequenz, in der Hagen von Lilis Vater ausgesetzt wird: Wir sehen den Hund auf einer Verkehrsinsel inmitten einer vierspurigen Straße stehen, immer wieder versucht er verzweifelt, die Straße zu überqueren. Zögerlich geht er ein paar Schritte vor, springt wegen der heranrasenden Autos wieder zurück und probiert es kurz darauf erneut. Geschickt ist dabei, dass die Kamera – wie im gesamten Film – immer wieder die Perspektive des Hundes übernimmt und wir so die Vielzahl bedrohlich vorbeizischender Autos aus seinen Augen sehen.

In anderen Szenen setzt Mundruczó die Hunde mit Humor ein – mal spielerisch, wenn sie heimlich, still und leise durchs Bild laufen, kaum dass die Hundefänger, vor denen sie sich eben noch versteckten, abgezogen sind. Mal aber auch mit etwas böserem Witz, etwa als sich der Rachezug der Hunde zum Splatter entwickelt. Unter anderem in einer Tunnelszene, in welcher der  Ausnahmezustand der Hunderevolte sich imposant Bahn bricht, wird dann sogar echter Horror draus – und so drohen die Sympathien sich langsam wieder zu den Menschen zu verschieben.

Bewegend und klug zugleich

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Doch natürlich lässt sich Mundruczó seine politische Parabel nicht entgleiten. Klar, die dramatische Musik und das erzählerische Pathos sind mitunter recht dick aufgetragen und ein paar charakterliche Wandlungen verlaufen etwas zu schnell. Aber dass Underdog seine Doppelbödigkeit über die gesamte Spielzeit durchhält – also einerseits narrativ und affektiv mitreißt und andererseits gesellschaftliche Analysen künstlerisch umsetzt – ist dem Filmteam hoch anzurechnen. Zumal es dabei eben munter zwischen verschiedenen Genres umherspringt ohne an Glaubwürdigkeit und Tempo zu verlieren. Und nicht zuletzt ist die immer wieder verblüffende Führung der vierbeinigen "Schauspieler" eine singuläre Leistung. Dass der Film die Tiere dabei gelegentlich anthropomorphisiert, ist in diesem Fall kein sinnvoller Einwand: Schließlich sind sie ja innerhalb des Skripts nichts anderes als Menschen im Hundepelz.

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