Warum läuft Herr R. Amok?

„Im gewissen Sinne ein Individuum.“

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88 Minuten unerträgliches Geschwätz. Den Figuren in Warum läuft Herr R. Amok über die volle Filmlänge konzentriert zuzuhören, dürfte kaum ein Zuschauer durchhalten. Für ein Verständnis der Situation muss man das monotone Plappern aber auch nicht en detail erfassen; die emotionale Starre der Geräuschkulisse entspricht der der Inhalte. So oder so werden wir Zeuge, auf wie vielen Wegen ein Mensch von seiner Umwelt in seinen Bedürfnissen, Interessen und Gefühlen ignoriert werden kann.

Auch die Kamera interessiert sich nicht dafür, worüber die Figuren reden, und zwar demonstrativ nicht. Als unbeteiligte Beobachterin fährt sie – ohne dramaturgischen Druck, und innerhalb der Einzelsequenzen ohne Schnitt – vor und zurück, hin und her zwischen den Menschen an den Arbeitstischen und in diesen fürchterlichen Wohnzimmern, trennt die Figuren (oder hebt Trennungen hervor); bildet Untergruppen, teilt sie wieder, grenzt einzelne aus und ab ins Off, vor allem einen: Sie hilft minutenlang mit, die Titelfigur unsichtbar und vergessen zu machen – um dann wieder auf dem angespannten, traurigen, mal abwesenden, mal eifrig bemühten Gesicht zu verweilen. Herr R., technischer Zeichner in einer kleinen Firma und braver Vater und Ehemann, ist der erste in der Reihe gehemmter, verängstigter Kleinbürger, die niemand im deutschen Kino so eindringlich-schauerlich spielen konnte wie Kurt Raab.

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Auf dem Weg zur Katastrophe folgt der Film keiner Falllinie. Der Status quo bleibt von der ersten Minute an unverändert; kleine Sorgen und Nöte als kopfschmerzerzeugende Schwellen im Alltagsstrom: Herr R.s Sohn hat, obwohl intelligent, Schulprobleme, weil unkonzentriert. Der Chef (Franz Maron) ist mit Herrn R.s Arbeit noch nicht ganz zufrieden. Die Ehefrau (Lilith Ungerer) macht wegen der Beförderung Druck und verplant mit Herr R.s Mutter (in seiner Anwesenheit) sein Weihnachtsgeld. Herrn R.s Sohn büxt beim Waldspaziergang aus (der einzige nicht-destruktive Fluchtversuch im Film). Der Arzt rät Herrn R., das Rauchen einzustellen. Und so weiter. Der Moment, in dem er zum Kerzenständer greift und erst die Nachbarin (Irm Hermann) erschlägt, die mit dem Fernseher um die Wette brabbelt, und anschließend Frau und Sohn tötet, ist ein Moment wie jeder andere, der Film enthält sich jeder Vorgabe, wie wir auf den dumpfen, tödlichen Gewaltausbruch reagieren sollten; die Inszenierung bleibt so teilnahmslos wie die Entsetzens-Floskeln der Kollegen, als sie die Nachricht am nächsten Tag erfahren.

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Warum also läuft Herr R. Amok? Bei einer tapsigen Ansprache auf der Firmenfeier lobt der volltrunkene Angestellte allen Ernstes das Betriebsklima. Man runzelt die Stirn – man hatte Mühe, überhaupt übers Funktionale hinausgehende Bindungen zwischen den Figuren wahrzunehmen, oder nur ein Interesse daran. „Wir sind nicht ein Ganzes“, lallt Herr R., „sondern bestehen im gewissen Sinne aus Individuen.“ Dabei ist er der Einzige, auf den dies in Resten noch zutrifft; diesem in sich verkapselten Mann merkt man als Einzigem noch ein Unbehagen an, ein Unbehaustsein. Herr R. wirkt wie jemand, der erfolglos versucht, Verhaltens- und Sprechweisen zu imitieren, die sein Umfeld so perfekt wie gedankenlos beherrscht.

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Er bemüht sich redlich, aber es klappt nie so ganz. Und linkisch-schüchtern drückt sich dabei manchmal so etwas wie Sehnsucht aus. Zum Beispiel wenn er sich bei der Aussteiger-Schulfreundin (Hanna Schygulla) für sein spießiges Leben rechtfertigt. Oder beim Kauf der Schlagerplatte für seine Frau, bei dem sich die beiden jungen Verkäuferinnen über ihn lustig machen, als er den gewünschten Song anstimmt. Oder eben bei jener peinigend verkorksten Ansprache, bei dem sein Vorschlag, Brüderschaft zu trinken, vom Chef befremdet zurückgewiesen wird. Ganz bei sich und gelöst wirkt er nur an dem Abend, in dem er mit einem alten Schulfreund ein Kirchenlied singt: „Wohin soll ich mich wenden?“

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In seinem beinah dokumentarischen Stil hebt sich Warum läuft Herr R. Amok? stark vom restlichen Werk seines Regisseurs ab, ein Bruch, der sich auch aus der Entstehungsgeschichte erklärt: Das im cineastischen Gedächtnis als „Fassbinder-Film“ gespeicherte Werk trägt zum größeren Anteil die Handschrift von Co-Regisseur Michael Fengler, RWF war nicht einmal die volle Drehzeit anwesend. In jedem Fall versagt Warum läuft Herr R. Amok? Figuren wie Zuschauern den Ausweg in das stilisierte Schwarzweiß seiner Vorgängerfilme, und in Farbe kommt das Grau der BRD der frühen 70er viel ungeschönter zum Vorschein. Noch mehr Tristesse erzeugt dieser Stil auf akustischer Ebene: Das Deprimierendste beim Zuschauen ist die Gewissheit, dass zufällig mitgeschnittene Gespräche in realen Büros und Wohnstuben sich wohl ganz ähnlich angehört hätten.

Freilich, in vielem erscheint uns das bundesrepublikanische Kleinangestelltenmilieu vor vierzig Jahren wie eine versunkene Welt, und dies liegt nicht nur an Interieurs und Kleidung und daran, dass überall unablässig geraucht wird. Die Kommunikationsrituale in Büro und Familie haben sich gewandelt. Die Umgangsformen in Fassbinders und Fenglers Film, obwohl schon zeitgemäß aufgelockert, sind im Kern noch von alter, steifer Etikette geprägt, von Pflichtrollen, als das Zeigen von Gefühlen noch sozial unerwünscht war. Aus heutiger Sicht, zumal in der vernetzwerkten Arbeitswelt der flachen Hierarchien, der ganzheitlichen Vereinnahmung und des gefühligen Authentizitätsgebots für jedermann, erscheint dies fremdartig. Heute ist eher derjenige Sonderling, der mit dem Chef nicht auf gut Kumpel macht. Die Ausgrenzungsmechanismen sind heimtückischer geworden, das unerträgliche Geschwätz von mehr Verständnisfloskeln durchsetzt. Wenn da jemand wie Herr R. Amok liefe, wären wir alle ganz schön betroffen.

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