20 Feet from Stardom

Morgan Nevilles Film bringt dem Zuschauer eine große Zeit der Rock- und Soulmusik nahe – nicht aber seine Protagonistinnen.

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Die voranschreitende Technisierung in der Kunstherstellung hat unbestritten einige Vorteile. Beim Film ist das allgegenwärtig und nur schwer vorm Zuschauer geheim zu halten. Jeder weiß, dass Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009) nicht wirklich in Pandora gedreht wurde, sondern in einem grünen Studio. Das kann und will man aber schnell vergessen, wenn die von CGI-Künstlern erschaffenen Welten einem den Atem rauben und zu einem zentralen Faktor einer kohärenten Geschichte werden. Wo aber die eine Riege der Kreativen an Bedeutung gewinnt, verliert oft eine andere, vor allem wenn es nicht nur um einen künstlerischen Mehrwert, sondern auch um das Einsparen von Kosten geht. In seinem oscarprämierten Dokumentarfilm 20 Feet From Stardom entführt uns Regisseur Morgan Neville in eine andere Kreativindustrie, die der Musik, wo Blicke hinter die Kulissen weitaus unüblicher sind und von Jahr zu Jahr weniger Umsatz gemacht wird. Auch hier führen die technischen Entwicklungen zu großen Umwälzungen der künstlerischen Arbeitsabläufe. Während beim Film ein Schauspieler plötzlich anstatt eines realen Gegenübers einen Platzhalter im Motion-Capture-Suit anspielen muss, werden bei der Musikproduktion ganze Positionen gestrichen, um teure Studiozeit zu sparen. Instrumente kommen aus dem Computer, und auch menschliche Stimmen werden reproduzierbar und je nach Belieben manipuliert.

Die Sehnsucht nach dem ungeteilten Rampenlicht

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Auch wenn sich dadurch die Identität einer ganzen Branche gewandelt hat, ändert das nichts daran, dass sie nach wie vor Mutterboden für unzählige Teenagerträume ist und Kids seit Jahrzehnten die Vorhallen von Castingshows strömen, um der eine Star zu werden, der von diesen Entwicklungen unangetastet bleibt. Um genau solche Träumer geht es auch in 20 Feet From Stardom, nur dass es vor fünfzig Jahren keine Castingshows gab und der Aufstieg zum Ruhm noch über einen Job gelingen konnte, der heutzutage immer weniger Bedeutung hat: Backgroundsänger, die sich bei Studioaufnahmen inzwischen nicht einmal mehr aufeinander einstimmen müssen, weil das nachträglich billiger digital geschehen kann, prägten in den 1960er und 70er Jahren den Sound von R&B-, Soul- und Rockmusik sowohl mit ihren außergewöhnlichen Stimmen als auch ihrer Bühnenpräsenz. In den eigenen Reihen als Stars verehrt und mit den besten Musikern ihrer Zeit auf Tour, sehnten sie sich gleichzeitig immer nach dem Spotlight, dem richtigen, in dem nur einer Platz hat. Dieser Meinung ist jedenfalls offensichtlich der Regisseur, denn in 20 Feet From Stardom werden ausschließlich Künstlerinnen mit dieser Einstellung präsentiert, obwohl verschiedene Kommentare von Menschen aus dem Business auch eine andere Sprache sprechen.

Das Ende einer musikalischen Ära

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In konventionellen Interviewsituationen lassen fünf Diven ihre erfolgreichen Backgroundjahre Revue passieren. Mal sprechen sie auch miteinander, vorrangig aber mit dem Regisseur, und wirken dabei stets inszeniert, sowohl von ihm als auch von sich selbst. Ein Gefühl für ihre Persönlichkeit entsteht erst, wenn sie anfangen zu singen, denn das tun sie ausnahmslos meisterhaft und mit unglaublicher Leidenschaft. Natürlich kann man sich an diesen Stellen fragen, wieso keine von ihnen den Durchbruch mit einer Solokarriere geschafft hat, denn versucht haben sie es alle. Aber eigentlich ist die Antwort immer klar und so simpel wie ernüchternd: Es gibt im Rampenlicht eben nicht genug Platz für alle talentierten Künstler – auch nicht für die, die offensichtlich alles dafür mitbringen.

Trotzdem sucht der Film ständig nach anderen Antworten. Fehlte ihnen vielleicht das Durchhaltevermögen? Wollten sie die Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht? War ihr Timing schlecht?  Berühmte Musiker wie Sting, Mick Jagger oder Stevie Wonder geben ihre Spekulationen dazu ab, doch letztlich bleiben die Aussagen eben nur genau das, und gehört haben wir sie alle schon. Das Thema Castingshows wird von Sting gegen Ende des Films noch einmal explizit angesprochen, indem er die fehlende Erfahrung und mangelndes Gefühl der Kandidaten für die Bühne kritisiert und explizit von den Qualitäten guter Backgroundsängerinnen absetzt. Ironischerweise versuchte Judith Hill, die letzte vorgestellte Protagonistin und Repräsentatin der jetzigen Generation von Backgoundsängerinnen, kurz nach den Dreharbeiten ihr Glück bei der amerikanischen Version von „The Voice“ – und wurde unter den letzten acht rausgewählt.

Scheitern auf hohem Niveau

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Generell wirkt 20 Feet From Stardom oft wie eine klassische Produktion des Musikfernsehens. Stars und Beobachter reihen sich aneinander und erzählen von alten Zeiten. Die Frauen, um die es eigentlich gehen soll, heben sich davon kaum ab. Man präsentiert sie uns im Studio, auf dem Interviewstuhl, auf der Bühne und beim Autofahren. Einblicke in ihr Leben, wie es heute ist, ihre Familien, ihre neuen Träume, gibt es dagegen kaum.

Es gelingt dem Film zeitweise, das Gefühl der musikalischen Jahre, die er thematisiert, wiederaufleben zu lassen, doch seine Protagonistinnen und ihre Geschichten spielen darin emotional nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind zwar Personifizierungen einer vergangenen Ära, doch das Mitgefühl, das dabei aufkommt, hat seinen Ursprung eher in der melancholischen Erinnerung an Musik und Künstler dieser Zeit und weniger im sogenannten Scheitern der Sängerinnen, die doch in weiten Teilen leben konnten, was stets als wichtigste Voraussetzung für ein Leben auf der Bühne deklariert wird: die Liebe zur Musik. Statt die zu ehren und eine vitale und mitreißende Zeit in der Musikgeschichte zu zelebrieren, hängt sich der Film aber viel zu oft an einem Begriff des Scheiterns auf, der nur sehr schwer nachzuvollziehen ist. Tatsächlich verloren hat nämlich am Ende nur die Sängerin, die die Musik komplett hinter sich gelassen hat und gar keine Bühne mehr betritt – egal wie klein oder groß die auch sein mag.

Trailer zu „20 Feet from Stardom“


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