Straßen in Flammen

Funkelnde Lichter im Asphalt-Dschungel. Die deutsche Wiederveröffentlichung von Walter Hills Straßen in Flammen lädt zur Wiederentdeckung eines fast vergessenen Meisterwerks ein.

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Der Name Walter Hill steht seit den frühen 1980er Jahren für innovatives, wegweisendes Actionkino. Der Regisseur erschuf Klassiker des Genres wie Driver (1978), Nur 48 Stunden (48 Hrs., 1982) und auch Straßen in Flammen (Streets of Fire, 1984). Dieser Film markiert in seiner Karriere einen Bruch, da er bei der Erstveröffentlichung ein kommerzieller Misserfolg war, während alle Filme davor ein festes Kinopublikum für sich beanspruchen konnten. Dabei hielt sich Hill auch hier an sein künstlerisches Credo: stilistische Perfektion. Straßen in Flammen ist ein Musterbeispiel für visuelle Konsequenz, von dichter Atmosphäre und wie nebenbei voller Grundelemente des hard-bodied-Actionfilms, den Hill in dieser Phase mitbegründete.

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Zunächst glaubt der Zuschauer, ein modernes Rock’n’Roll-Video der High-Tech-Ära zu sehen: Funkelnde Neonlichter sprühen aus dem Dunkel der städtischen Nacht. Ein Tanzclub am Ende einer Seitenstraße zieht das wache Publikum wie einen Insektenschwarm in sein Inneres. Angekündigt ist der Star der Szene: die dynamische Ellen Aim (Diane Lane). Sie tanzt und singt, als gäbe es kein Morgen mehr. In ihren Texten und Melodien schwingt dabei merkliche Melancholie, ja Verletzlichkeit mit. Der Zuschauer erkennt, dass sie das Kernstück des Films ist. Doch nach der anfänglich temporeichen, exakt zum Rhythmus der Musik getimten Bildmontage, die den weiblichen Star offensiv in Szene setzt und den Discobeat als Herzschlag der urbanen Nacht stilisiert, schlägt Straßen in Flammen um und besinnt sich älterer, klassischer Motive des Films, um uns die Figuren und die Welt, in der sie leben, näher zu bringen.

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Der einsame Tom Cody (Michael Paré) kommt in die nächtliche Stadt. Seine Schwester bat ihn mittels einer (erneut synchron zur Filmmusik getippten) Telegramm-Nachricht nach Hause. Die Hilfe und das Recht, auf das sie durch Tom hofft, ist das Faustrecht einer vergangenen Zeit Amerikas: Der Wilde Westen hält wieder Einzug in die Stadt. Fäuste ersetzen Kanonen, und die Selbstjustiz scheint allgegenwärtig. Weder Schauplatz noch Handlungszeit werden dabei näher bestimmt – „another time, another place“ heißt es im Vorspann. So unnahbar wie sein Umfeld bleibt auch der Protagonist. Tom wird den ganzen Film über den Einzelgänger geben und dabei sein (beschützendes) Macho-Image ausspielen.

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Die Action ist dabei den stilistischen Regeln der Musik untergeordnet. Straßen in Flammen ist in erster Linie ein Musical, unterfüttert vom Westernrock-Score des berühmten Ry Cooder und immer bestimmt vom Rhythmus und Wechselverhältnis hör- und sichtbarer Eindrücke. So ist es beispielsweise weniger der hard-bodied-typische und knochenbrechend inszenierte finale Schlagabtausch zwischen Cody und seinem Widersacher Raven (Willem Dafoe), der als Klimax eines Bandenkriegs – Ellens Entführung und anschließende Rettung – in Erinnerung bleibt, sondern es sind die Figuren, wie sie selbst ihren Platz in dieser Welt einnehmen. Jedem der Charaktere wird ein Auftritt – einer Bühnenshow ähnlich – zugestanden, einschließlich eigenem Musikthema. Es ist die Erscheinung, die mehr über die Figuren aussagt als ihre Handlungen.

Willem Dafoe hat beispielsweise die geringste Screentime, wird aber gleich zweimal „eingeführt“, einmal als zunächst unbekannte Nemesis im Licht- und Schattenspiel des Discointerieurs und nach etwa der Hälfte des Films erneut, als grotesk gekleideter Revierherrscher, der aus der Flammenhölle emporsteigt, die sein Widersacher Cody heraufbeschworen hat. Raven ist eine Figur von fiebriger Eindringlichkeit, ein Mann der Lust, einer, der „in Gegenwart hübscher Frauen einfach scharf wird“, und selbst „eigentlich kein übler Kerl“, wie er meint. Für Willem Dafoe bedeutete diese Rolle den internationalen Durchbruch, seinem Gegenüber Paré gelang leider keine ähnliche Karriere.

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Doch der eigentliche Protagonist ist, wie in den meisten Filmen Hills, einmal mehr die Stadt. Waren die nächtlichen Straßen in Driver wie ein unüberschaubares Netz aus Asphalt-Linien gestaltet, die ihre Organe, die urbanen Architekturgebilde, wie ein künstliches Adersystem umspannten, so gelangten die Warriors (1979) auf den nonstop fahrenden S-Bahn-Zügen pausenlos von einem Ort zum nächsten, nur um die Vergangenheit immer schnellstmöglich hinter sich zu lassen. Die Stadt, das zeigen uns Hills frühe Filme, gebiert ihre ganz eigenen Charaktere, solche, die zwar immer wieder in Anleihen an frühere Genres – neben dem Western vor allem der Film noir – gestaltet sind, aber ihrer künstlerischen Ausarbeitung jeweils eigene Facetten abgewinnen. Neben Michael Mann blieb Hill in dieser Phase der wohl wichtigste Auteur des Actionkinos, wie Ivo Ritzer ihn in seiner Monografie definiert. Hills Fähigkeit, aus bekannten Mustern etwas gänzlich Eigenes zu erschaffen – Southern Comfort (1981) orientiert sich stark an Boormans Deliverance (1972), ebenso gilt Last Man Standing (1996) als weitere Neuauflage von Kurosawas Yojimbo (1961) – spiegelt sich dann auch in einem Dialog zwischen der Sängerin und einem Fan: „Ich habe die Songs nicht selbst geschrieben.“ – „Aber wenn du sie singst, dann werden sie deine eigenen.“

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Hill ist vor allem interessiert an der Erschaffung eines unverwechselbaren filmischen Kosmos. Immer wieder taucht er mit der Kamera ein in ein nächtliches Gebilde voller Farben und Texturen. Mehrmals hintereinander wird gezeigt, wie der einsame Tom, ob nun zu Fuß oder mit geklauter „Kutsche“, durch urbane Architekturen schreitet, die durch grün und blau schimmernde Beleuchtung ähnlich aufgehellt und verziert werden wie früher das Ford’sche Monument Valley im Rot der Abendsonne. Und ähnlich wie im Western, wo die Story geradlinig und von Bewegung geführt verläuft, bietet auch der durchaus simple Plot von Straßen in Flammen keinen Anlass zu Abweichungen. Auffällig ist hier immer wieder die Inszenierung der örtlichen Polizeikräfte, die nie wirklich intervenieren können, einschließlich einer selbstdenunzierenden Erkenntnis des Chief Inspector, der folglich Cody die finale Aktion – ein Duell – überlässt.

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Am Ende sehen wir den Protagonisten, der, ähnlich wie damals John Wayne in Der schwarze Falke (The Searchers, 1956), im Rahmen einer Türöffnung steht und merkt, dass die Welt, für die er gekämpft hat, niemals sein Zuhause sein kann, auch wenn sie es durchaus wert ist, immer wieder zurückzukehren. So zieht er weiter und verlässt die Straßen des Feuers und der Musik ebenso schnell, wie er sie betreten hat. Ellen jedoch verweilt als wiederauferstandener Star im Rampenlicht und singt bereits über ihn. Der Rhythmus des Films lässt nicht nach. Der treibende Discorock-Beat begleitet uns noch weit über den Abspann hinaus und vermittelt uns, soeben Besucher einer ganz eigenen filmischen Welt gewesen zu sein.

Ausstattung und Extras (insgesamt 120 Min.): Making-of-Featurette zur Erstveröffentlichung (8 Min.), bei der der zeitgemäße Werbeeffekt für den Film durchscheint. Als Zusammenschnitte des Hauptfilms kann man drei verschiedene Musikvideos anwählen, die in den 1980er Jahren als Auskopplungen bei Musiksendern liefen (je ca. 5 Min.). Zudem gibt je es einen deutschen und englischen Originaltrailer (je 2 Min.) sowie eine schöne Bildergalerie (12 Min.). Doch das Herzstück der Extras ist die neue, 80-minütige Dokumentation Rumble in the lot – Walter Hill’s Streets of Fire revisited, bei der eine Einordnung des Films in Hills Gesamtwerk vorgenommen wird, die verschiedenen Erzählelemente des Films besprochen werden und viele Cast- und Crewmitglieder zur Sprache kommen. Der Bildtransfer des Hauptfilms stammt vom 35mm-Originalnegativ und ist von brillanter Schärfe, Ton in 2.0 und 5.1 HD-Master-Audio, mit deutschen und englischen Untertitel.

Trailer zu „Straßen in Flammen“


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