Still

Nichts ist still: Mit meditativer Ruhe erzählt Matti Bauer vom Zwiespalt einer jungen Bäuerin und erschafft dabei doch einen aufwühlenden Dokumentarfilm.

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Ob er einen Film über ihr Leben auf der Alm machen dürfe, hat er sie gefragt. Wenn er zeigt, was eine Sennerin alles zum Erhalt der Almwiesen und des Bergwalds tut, dann schon, hat sie geantwortet. Es ist ein Satz, der sich in seinem vollen Reichtum dem Zuschauer nicht sofort erschließen kann. Es gibt einige solche Zeitzünder-Sätze in diesem Film, die ihre volle Wirkung erst viel später entfalten; die wir nicht auf Anhieb begreifen können; die sich vor einem Hintergrund abzeichnen, den der Dokumentarfilm erst aufspannen muss, langsam, behutsam. Still ist über fast zehn Jahre entstanden. Der Film flickt Bestandsaufnahmen zusammen; er altert mit denen, die er zeigt und die sich ihm zeigen; er reflektiert sich selbst und die Brüche, die er dokumentiert. Peu à peu erklärt er auch, was in der Lücke zwischen zwei Einstellungen, die mehrere Jahre trennen, passiert.

Zehn Jahre später: der letzte Sommer

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Seinen Motor und sein Zentrum findet der Film in Uschi, einer zu Beginn des Langzeitprojekts 22-jährigen Landwirtin. Die junge Frau lebt mit ihren Eltern im bayerischen Oberland, gemeinsam bewirtschaften Vater, Mutter und Tochter den Familienhof. In diesem Sommer, in dem der Film seinen Anfang nimmt, wirkt Uschi unbeschwert. Sie wird den Sommer auf der Alm verbringen, als Sennerin; für einige Monate werden die Eltern im Betrieb auf sie verzichten müssen. Uschi hat vom Antlitz der Welt mehr gesehen als ihre Altersgenossen, sie hat andere Kontinente bereist, aber es ist die heimische Alm, die es ihr angetan hat und die zur ersten Initiationsreise wird; sich abnabeln, um besser zurückzukehren. Wir sehen eine stolze, ein wenig aufmüpfige junge Frau, die erhobenen Hauptes spricht; der Verzicht auf Farbe sublimiert das anmutige Gesicht. In diesem Sommer gibt sich Uschi gern der Kamera hin, sie spielt mir ihr, sie lacht, sie möchte erzählen, sie ist inbrünstig Sennerin. Die Inbrunst ist auch im zehnten Jahr der Dokumentation ungebrochen; eine solche Fröhlichkeit wie in diesem ersten Sommer wird die Kamera aber nicht mehr einfangen. Die Eltern sind müde, wollen ihr Lebenswerk in anderen Händen wissen, den Hof an die Tochter übergeben. Uschi aber „ist noch nicht so weit“.

Intensive Klarheit im Blick, die Symphonie des Handwerks im Ohr

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„Die Alm ist wie eine Sucht. Wenn man das einmal gemacht hat, zieht’s einen immer wieder hin“, sagt Uschi. Matti Bauer geht das Wagnis ein, das Objekt dieser Sucht zu zeigen und dem Zuschauer dabei Farbe und Musik zu verweigern. Lasst euch nicht vom saftigen Grün der Wiesen und dem satten Blau des Himmels berauschen, lasst euch nicht trügen, meint man zu hören. Seht lieber in die Gesichter, schaut auf diese Hände. Und tatsächlich: Es braucht nicht mehr, um am eigenen Körper den Sog zu erfahren, der Uschi allen Widrigkeiten des Bauernlebens zum Trotz erfasst hat. Eine monochrome, intensive und konzentrierte Bildsprache, so klar, wie es das Gedachte, das Gesagte eben nicht ist. Nur widerstrebend kann man Matti Bauers Film minimalistisch nennen; denn dieser Minimalismus produziert einen Maximalismus. Auch mutet es seltsam an, Still als einen „Film ohne Musik“ zu bezeichnen; denn der Film findet eine eigene Musik. Da ist zunächst die bairische Sprache; durchweg werden deutsche Untertitel eingeblendet. Der so oft gescholtene Dialekt wird aber nicht als Gag eingesetzt, soll keine Punkte einfahren mit charmanter Eigentümlichkeit; er ist hier schlicht Ausdruck einer Lebenswelt, gespickt mit ausdrucksstarken Wendungen und Wörtern. Es wird wenig gesprochen, still ist es aber nie: Wir lauschen einer Symphonie des Handwerks, die jeden Gedanken an Filmmusik für diesen Film unerträglich macht: die grobe Bürste auf dem verdreckten Kuhfell, das klackernde Messer auf dem Schneidebrett, das Tropfen der frischen Sahne. Dazwischen das Mampfen der Geiß und der zerschellende Regen.

Die Kamera als Bedrohung

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Still ist trotzdem keine vergnügliche Landpartie; andererseits vergnügt sich der Film aber auch nicht damit, Vorstellungen eines ländlichen Idylls zu sprengen und sie durch Bilder des harten Bauernalltags zu ersetzen, durch Schweiß, Mist, Staub und Abgase. Überhaupt setzt der Film nicht auf die Darstellung krasser Gegensätze: Wir sehen keine Bauerntochter, die sich nach der Großstadt sehnt; auch keine Bauerneltern, denen es die Tochter nur als Nachfolgerin recht machen kann. Wir sehen eine junge Frau, die mit sich selbst ringt, mit dem Wissen um ein Leben voller Entbehrungen wie mit ihrer Liebe zur Landwirtschaft. Uschi ringt mit den eigenen Erwartungen, mit denen ihrer Eltern und, auch das wird deutlich, zunehmend mit Matti Bauers Kamera. Uschi, die raison d’être, die treibende Kraft des Hofes und des Films, entzieht sich im Laufe der Zeit immer wieder der Kamera, gibt weniger von sich preis, möchte dann gar nicht mehr gefilmt werden. Denn da ist Still längst nicht mehr nur das Porträt einer selbstbewussten Bäuerin, sondern eines bedrohten Mikrokosmos, familiär, wirtschaftlich, kulturell. Die Kamera wird zum Eindringling, zum Vielfraß, der notgedrungen das nimmt, was man ihm gibt, auch die Rückzieher, die Ablehnung, das Kopfschütteln, das Schweigen.

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Denn Matti Bauer kennt keine Bedeutungshierarchie. Er setzt nichts in Szene, er versieht seine Aufnahmen nicht nachträglich mit Bedeutung, vielmehr ist alles bedeutend, was in seine Kamera gerät, weil es in seine Kamera gerät. Und so fügen sich Bilder und Worte zu einem aufwühlenden Ganzen zusammen, Großes und Kleines, die wortkarge Auskunft neben der persönlichen Lebensweisheit, Bilder der Schnittkäseproduktion neben Aufnahmen des erstgeborenen Kindes. Auf manch einer Antwort bleibt man sitzen – insbesondere die politische Dimension der Wirtschaftlichkeit des Hofes hätte man gern vertieft –, aber das Gefühl, dass den Hofbewohnern nichts aus der Nase gezogen wird, betont den großen Respekt des Films gegenüber Uschi und den ihren. Auch auf großzügige Schwenks durch die Berge wartet man vergeblich. Die Landschaften sind meist erstarrte Hintergründe, vor denen sich die Menschen ganz klein abzeichnen; von der verführerischen Farbenpracht befreit, wirken Berge und Wälder oft bedrohlich, unnahbar. Ist Uschi darin gefangen? Der Film bleibt still. Still fällt auch die Reaktion auf den Film aus: Respekt vorm Lebenswerk der Eltern, vor Uschis Mut und vor einem berauschend schönen Dokumentarfilm.

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