Schnee von gestern

Gefängnis, Wohnsitz, Zuhause – Eine Israelin erforscht die Möglichkeit deutscher Heimat.

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Das Schöne am Dokumentarfilm ist oft, dass nicht nur der Zuschauer, sondern auch der Filmemacher selbst jederzeit überrascht werden kann und diese Überraschungen dann erst in der Montage zu bewussten Entscheidungen werden, die schließlich die Haltung des Künstlers definieren. Die Regisseurin Yael Reuveny wollte eigentlich einen Film über die Geschichte ihrer Großmutter und deren verschollenen Bruder drehen. Außer dem Geschwisterpaar überlebte niemand der Familie Schwarz den Holocaust – umso größer das Bedürfnis, sich nach dem Krieg wiederzufinden, würde man meinen. Doch zu dem Treffen der beiden kam es nie. Die Suche nach den Gründen gerät in Schnee von gestern schon bald in den Hintergrund, denn ihre Recherche führt Reuveny zu universelleren Fragen nach Heimat und der damit verbunden Identität, deren Verknüpfung sich seit dem Zweiten Weltkrieg zwar für viele verändert hat, sich aber doch nicht ganz abschütteln lässt.

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Passenderweise beginnt der Film nicht in Deutschland, wo die Regisseurin mittlerweile lebt und das auch weiterhin tun will, sondern in Israel, wo sie von ihren Eltern im Alltag schmerzlich vermisst wird. Die können nicht verstehen, wie ihre Tochter es auf „verfluchtem“ deutschem Boden aushält. Die Frage wirft ihre Schatten voraus, und als wir mehr über den Verbleib des Bruders der Großmutter erfahren, wird ihre Wichtigkeit für die Entstehung des Films bewusst. Nachdem Feiv’ke Schwarz die Zeit im Konzentrationslager im ostdeutschen Schlieben überlebte, machte er sich auf den Weg nach Vilnius, wo sich die verbliebene Familie treffen wollte. Er kam jedoch nur bis nach Łódź und kehrte dann in das Dorf zurück, wo er noch kurz vorher in Gefangenschaft lebte. Feiv’ke machte sich selbst zu Peter, gründete mit einer Deutschen eine Familie und sah zu, wie die ehemaligen KZ-Baracken zu neuen Wohnorten wurden und er nun Menschen als Nachbarn hatte, die scheinbar teilnahmslos täglich an den hungernden Insassen vorbeigegangen waren.

Der Zuschauer als Eindringling

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All diese Fakten, um die man für einen klassischen Spannungsaufbau auch länger hätte ein Geheimnis machen können, werden schnell preisgegeben, denn sie bilden die Grundlage für die Frage nach dem „Warum“ und die sehr verschiedenen Arten, wie die Familienmitglieder damit umgehen. Schnee von gestern ist formal in drei Abschnitte unterteilt. Jeder davon steht für eine der Generationen der Familie seit 1945, die die Folgen des Krieges auf unterschiedlichste Art und Weise spüren. Die Regisseurin beginnt mit der Ältesten und filmt Freunde und entfernte Verwandte ihrer Großmutter, die diese, wie es scheint, um ihren Bruder betrogene Frau näher beleuchten sollen. Die Interviews finden in den heimischen Wohnzimmern statt, die voll von Bildern, Figuren, Stofftieren und anderen Artefakten sind, die eine schützende Aura um ihre Besitzer zu spannen scheinen und den Begriff „Zuhause“, der sich eben oft auch durch Materielles definiert, allgegenwärtig machen. Die Kamera bleibt dabei starr und in sicherer Entfernung. Die Distanz, die dadurch entsteht, lässt sich den Zuschauer noch mehr als Eindringling fühlen und wird erst gebrochen, als die Regisseurin selbst ins Bild tritt und sich zu einem aktiven Teil des Geschehens macht.

Der Zwang der Aufarbeitung

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Trotz der Erzählungen der älteren Frauen, denen bei der Erinnerung an gemeinsames Hüpfspielen noch heute die Augen leuchten, bleibt die Figur der Großmutter sehr undurchsichtig, vor allem weil ihre Tochter offenbar ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihr hatte. Über die persönliche Beziehung von Reuveny und ihrer Großmutter, die sie in ihrer Kindheit offensichtlich extrem beeinflusst hat, lässt die Filmemacherin uns weitgehend im Dunkeln. Trotzdem lebt Schnee von gestern von der Entschlossenheit seiner Regisseurin, Vergangenes aufzuarbeiten und einen Familienbegriff zu definieren, der einen Weg in die Zukunft zeigen soll. Im zweiten Teil des Films setzt sie sich mit ihrem Cousin, also dem Sohn von ehemals Feiv’ke Schwarz auseinander, der vor Jahren den Kontakt zu ihr fand und dem sie offensiv ein klares Bekenntnis zu ihrer Familie abverlangt, das für ihn und den Zuschauer längst selbstverständlich ist. Spätestens ab diesem Zeitpunkt beginnt man die Not zu spüren, die diesen Film ins Leben gerufen hat. Für jemanden, dem Familie so sehr am Herzen liegt, ist die Vorstellung schwer zu ertragen, eine halbe verloren zu haben. Der Gewissenskonflikt, den diese Einstellung und ein eigentlich erfülltes, aber eben familienloses Leben in Deutschland mit sich bringt, wird auch visuell zum Ausdruck gebracht. Geschwungene Bahnfahrten durch ein karges Berlin und warme Aufnahmen von Geselligkeit in Bars und bei Treffen mit Freunden wechseln sich ab. Israel findet dagegen nur in den Räumen der elterlichen Wohnung und auf dem Friedhof statt, von Reuveny selbst oder ihrer dort verlebten Kindheit ist nichts mehr zu spüren.

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Die dritte Generation besteht neben Reuveny selbst noch aus ihrem Bruder und Feiv’kes Enkel, der sich auf schwer nachvollziehbare Art nach seinen jüdischen Wurzeln sehnt, die in seiner Kindheit und Erziehung eigentlich nie eine Rolle gespielt haben. Verloren steht er in einer riesigen Synagoge in Deutschland und spricht mit starkem deutschem Akzent über seinen Traum von Israel, wo er gerne mal leben möchte. In seinem Zimmer steht ein Bild des Großvaters im KZ zwischen Nirvana-Poster und Spongebob-Figur. In all ihrer Absurdität nehmen diese Szenen aber auch ein Stück der Schwere, die die Regisseurin selbst nur so schwer loslassen kann, und geben Hoffnung für die Generationen, die jetzt nachkommen – nicht auf ein zwangloses, aber doch ein weniger schmerzhaftes Verhältnis zu der Vergangenheit ihrer Vorfahren und auf ein selbstbestimmtes Leben, in dessen Definition von Familie und Heimat Pflicht und Schuld nicht mehr die wichtigsten Faktoren sind.

Trailer zu „Schnee von gestern“


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