Love & Engineering

Algorithmus statt Amor – ein Computerfreak will vier anderen zum Liebesglück verhelfen.

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Love & Engineering also: Vermutet man im Et-Zeichen eine Programmatik – nämlich das Feld der Liebe an die Zunft der formalen Sprache und der strengen Logik heranzuführen –, so stellt sich beim Sichten schnell heraus, dass der Dokumentarfilm einen weiteren Antagonismus vorführen möchte: die Idee, dass Informatikern die Liebe fern sei. Sie kennen die Gesetze des Programmierens, nicht aber die der Liebesbeziehung, so der Tenor. Was also läge näher, als das populäre Nerdklischee zu bedienen und vier willige Informatiker einem haarsträubenden Versuch zu unterziehen, an dessen Spitze selbst ein Informatiker steht? Atanas, der als Ehemann und Familienvater für die Überwindung des Gegensatzes zwischen Liebe und Technik bürgt, verspricht eine „Formel der Liebe“. Der Wissenschaftler mit Guru-Allüren schart die vier Jünger um sich und lotst sie nach seiner Façon zum Ziel: der Frau, oder besser gesagt, zum Server, denn das Thema wird, um greifbarer zu werden, durch den Soziolekt der Männer geschliffen und in einer sterilen Sprache auseinandergenommen, die bisweilen abstrus anmutet und den Charme eines twitternden Werthers hat.

Frauen als exotische Lockvögel

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Andon, Markus, Todor und Tuomas sind allesamt über 30 und gelten, um in der Sprache des Films zu bleiben, als schwer vermittelbar auf dem Liebesmarkt, wobei sie so rührend demütig sind, dass man ihnen das auch lediglich eingebläut haben könnte. Wie alle Märkte gehorcht jedenfalls auch der Liebesmarkt einer Logik, weshalb die Versuchskaninchen, so ihr Mentor Atanas zu Beginn des Experiments, keine Claudia Schiffer erwarten dürfen. Jeder Gedanke an geistige Nähe oder intellektuelle Augenhöhe als anzustrebendes Ideal fällt unter den Tisch. Das würde nicht in die schöne heteronormative Welt passen, die der Film aufspannt und aus der Atanas vertrautes Terrain für seine vier Schützlinge machen will. Durchweg wird die Frau zum exotischen Lockvogel stilisiert, hinter dem eine milliardenschwere Industrie der Verführung steht; ein kostbares, prachtvolles Tier ist das andere Geschlecht, das es zu bewundern und zu fangen, nicht aber zu begreifen gilt. Der vermeintliche Geschlechtergraben zieht sich durch den Film, auf beiden Seiten tummeln sich Klischees auf Beinen, und dass die ganze Farce keinem einzigen der vier Männer zu einem nennenswerten Erfolg verhelfen wird, überrascht nicht.

Männer, die bangen, allein sterben zu müssen

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Verfolgte man in den ersten Minuten noch mit einer gewissen Neugier, welche Antworten die Wissenschaft auf die Frage nach der gegenseitigen Anziehung und der langfristigen Bindung zu liefern vermag, so hört man bald auf, den Film ernst zu nehmen. Die Versuche werden immer komischer, beanspruchen aber stets das Geheimnis der Liebe für sich. Wären da nicht vier Männer, die bangen, allein sterben zu müssen, und sich deshalb in einem Akt fragwürdiger Demut vor der Kamera und für eine vermeintlich in ihrem Dienste arbeitende Wissenschaft entblößen, könnte man Spaß haben und zum Beispiel darüber lachen, dass sich ein Doktorand, der über die sexuelle Selektion bei Insekten promoviert, dem losen Team der selbsternannten Liebeswissenschaftler anschließt. Man wähnt kurzerhand die Stimme der Vernunft in der einzigen weiblichen Wissenschaftlerin des Films, die sich gegen die Reduzierung der Liebe auf chemische Vorgänge im Körper und zwischen den Körpern sträubt, leider kommt sie in nur etwa einer halben von 84 Minuten zu Wort und ins Bild, vermutlich, weil sie die für den Versuch konstitutive These vom hübschen weiblichen Dummchen gefährdet.

Die Liebe in den Zeiten des Computers

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Regisseur Tonislav Hristov, selbst alleinstehender Ingenieur und mit dem Versuchsleiter Atanas befreundet, versieht seinen Film mit einigem Augenzwinkern, lässt aber nie erkennen, ob er einen besonders originellen oder einen besonders fragwürdigen Versuch dokumentiert. Gewollt oder ungewollt führt er jedoch eine Praxis vor, die sich wissenschaftlich nennt und sich dabei als grotesk entlarvt. Grotesk sind auch die Vorstellungen von Beziehung und Liebe, die dem Versuch zugrunde liegen und deren visuelle Inszenierung dermaßen nach Werbung aussieht, dass man nur den Zeitpunkt abwartet, zu dem inmitten der pastellfarbenen Slow-Mo-Nahaufnahmen von halboffenen Mündern und verliebten Blicken die Gesichtscreme aufpoppt. Letztlich vergreift sich der Filmtitel Love & Engineering in der Wortwahl. Was wir sehen, ist: Effekt & Pfuscherei. Die Liebe muss nicht vor dem Siegeszug der Technokratie geschützt oder gar verteidigt werden – ihr Wesen selbst sträubt sich gegen jedwede Entzauberung. Wehe dem, der versucht wäre, Love & Engineering als ein Dokument über Liebe in Zeiten des Computers zu lesen.

Trailer zu „Love & Engineering“


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