Jupiter's Moon – Kritik

Flieg, Flüchtling, Flieg: Kornél Mundruczó treibt dem Migrationskino seine Bodenhaftung aus. Nur worauf hebt er damit eigentlich ab?

Jupiter s Moon  3

Sowohl dem Flüchtlingsdiskurs wie dem sozialrealistischen Kino wird ja oft eine Geste der Reduktion vorgeworfen. Ersterem, weil man da Menschen nicht als Individuen, sondern als bloße Träger kollektiver kultureller Merkmale bespricht, die Vielfalt je einzelner Schicksale in Begriffen von Krise und Phänomen, in Bildern von Wellen und Massen zusammenfasst, die sich vor die konkrete Realität schieben. Dem Kino dagegen, das sich dieses Krisenphänomens derzeit so gern annimmt, lässt sich in der Regel weniger die Verzerrung dieser Realität vorwerfen als die Hörigkeit ihr gegenüber. Aus Mangel an Fantasie übt man sich in Verdopplung, sperrt die, denen man Gehör verschaffen will, in ihre eigene Erfahrung ein, unterwirft sie denselben Gesetzen, von denen sie ohnehin schon drangsaliert werden. Steht das Bild im einen Fall der Realität im Weg, so die Realität im anderen Fall dem Bild.

Hoch hinaus

Jupiter s Moon  2

Aki Kaurismäki hat jüngst in seiner anderen Seite der Hoffnung (Toivon tuolla puolen, 2017) dieses Dilemma recht genial aufgelöst, das Bild immer wieder ins Reale strömen lassen und andersherum. Auch Kornél Mundruczó will mit seinem Film Jupiter’s Moon hinaus aus dem Gefängnis des Themenfilms, neue Bilder schaffen. Und sogar hoch hinaus: Mitten in der Anfangssequenz, die einen gefährlichen Grenzübertritt einer Gruppe von Flüchtlingen eher noch hyperrealistisch erfahrbar macht, wird auf den Syrer Aryan (Zsombor Jéger) geschossen – und anstatt zu sterben, schwebt er dem Himmel entgegen, kann von nun an fliegen und übernimmt das Protagonistenamt, das er sich allerdings bald mit dem nicht mehr praktizierenden Arzt Dr. Stern (Merab Ninidze) teilen muss, der von Aryans Gabe mitbekommt und sie zu seinem finanziellen Vorteil nutzen will. Manchmal auch nur, um Furcht einzuflößen: Dann schwebt Aryan nicht nur einfach nach oben, sondern bringt mit seinen schwerelosen Bewegungen gleich den ganzen Raum ins Wanken und lässt seine Bewohner die Wände hinabrutschen.

Kosmos und Mythos

Jupiter s Moon  1

Ein Kino also, das fliegen kann, nimmt sich des aktuellen Zeitgeists an, stürmt die Sackgassen festgefahrener Debatten und spendet der Krise nicht nur neue Perspektiven, sondern gleich völlig neue Dimensionen – hebt die Welt aus den Angeln? Ganz so einfach ist die Sache leider nicht. Denn anzufangen weiß Mundruczó mit seiner Prämisse, sieht man mal von den visuellen Schauwerten ab, erstaunlich wenig. Der theoretische Unterbau des Ganzen ist eher ein kosmo- bzw. theologischer: Der Film beginnt mit dem Hinweis darauf, dass einer der Monde Jupiters doch tatsächlich den Namen Europa trägt und potenziell lebensspendend ist; die ikonografische Einordnung der Höhenflüge Aryans dagegen geht eher in Richtung Erlöserfigur – was Dr. Stern dann auch explizit macht, wenn er gegenüber anderen von einem Engel und einem Wunder spricht. Ein Anekdötchen aus der Astronomie, ein Wunsch nach Erlösung: Das Fantastische strömt hier nicht aus der Realität, ist vielmehr schon längst immer dort, wo diese gerade ankommt.

Außer Atem in der Luft hängen

Jupiter s Moon  5

Jupiter’s Moon entwickelt sich dann zu einem Quasi-Genrefilm mit Drohnen- und CGI-gestützten Hinguckern, die mitunter tatsächlich ziemlich spannend aussehen. Erzählerisch wandelt der Film dagegen ganz klassisch auf E.T.s Spuren. Dr. Stern versteckt Aryan und seine Gabe, so gut es geht, und muss sich vor allem mit der Migrationsbehörde in Gestalt von László (György Cserhalmi) auseinandersetzen, die ihrerseits scharf auf Aryan sind. Irgendwann wird der junge Mann sogar für einen Terroranschlag in der Budapester U-Bahn gesucht, und ein wenig hat man das Gefühl, Mundruczó wollte damit vor allem die längst zur YouTube-Realität geronnenen Terrorbilder wegrennender Menschen nochmal ins Filmische überführen. Vollgestopft ist dieser Film, ständig auf Achse, dystopisch dynamisiert wie Blade Runner (1982), aber dabei eben auch ziemlich ziellos durch die Gegend irrend, und wenn er dann doch mal innehält, gerät er direkt ins Wanken – oder besser: hängt er ziemlich in der Luft. Dann geht’s um Dr. Sterns großes Trauma am OP-Tisch, und es fallen Sätze wie: „There is no safe place for the injuries of history“.

Überheblich erhaben

Mundruczó machte vor drei Jahren Furore, als sein Underdog (Fehér isten) den Hauptpreis der Un-Certain-Regard-Sektion in Cannes erhielt. Schon in diesem Film, dessen Höhepunkt ein wahnwitzig gefilmter Massenaufstand der Straßenhunde darstellte, war deutlich, wie sehr sich der Ungar mit aufwändig choreografierten Actionszenen wohlfühlt. Auch in seinem neuen Film gelingen ihm brachiale Clashs – hier zwischen Staatsmacht und Refugees –, wimmelt es von Verfolgungsjagden, spektakulären Plansequenzen – horizontale den Wald entlang, durch den die Flüchtenden rasen; vertikale eine Häuserfassade entlang, die Aryan hinunterschwebt, während wir in diverse Fenster auf diverse Alltage sehen können – und natürlich von Drohnen-Shots, in denen Aryan hoch über Budapest schwebt.

Gerade Letztere allerdings kommen in ihrer gewollten Erhabenheit meist eher überheblich daher. Vor allem gibt es da einen (nicht mal produktiven) Dissens zwischen diesen ambitionierten Miniaturen und dem Film selbst. Waren die Hundesequenzen in Underdog noch organisch aus der Konstellation des Films heraus entwickelt, der Aufstand der Köter konsequenter Ausbruch der zuvor angestauten animalischen Energien, scheint Mundruczó hier immer wieder selbst ganz froh darüber zu sein, aus seinem Film ausbrechen zu dürfen, zeigen zu können, was er inszenatorisch alles so drauf hat. Da kommt einem dann immer wieder der Verdacht, dass sich der Ungar eben doch mehr für seinen Film interessiert als für seine filmische Welt. Und an diesem Film wiederum scheint ihn das Fliegen (und seine filmische Umsetzung) und der Flüchtling (und sein Realitätseffekt) für sich genommen jeweils mehr zu interessieren als die Figur des fliegenden Flüchtlings. Der damit der nächsten Geste der Reduktion unterworfen wird, dem Realen nur entschwebt, um Symbol, um Engel werden zu können.

Trailer zu „Jupiter's Moon“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.