Jungs bleiben Jungs

Zungenkuss als Leitmotiv. Der Comic-Autor Riad Sattouf versucht sich in Sachen Coming-of-Age auf Französisch.

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Wie immer ist die Kamera ganz nah dran. Eine Zunge berührt eine andere, umschlingt sie, als hätte sie ein Eigenleben. Benetzt von weiß glänzender Spucke, bahnt sie sich ihren Weg zu einem Ohrläppchen, leckt über einen Nasenrücken, begleitet von schlürfenden Geräuschen. Der filmische Blick dringt förmlich in die Poren ein.

Jungs bleiben Jungs (Les beaux gosses) ist ein Film der Zungenküsse. Schon in seiner ersten Szene transportiert er süffisant das pubertäre Fremdeln im eigenen Körper. Der Gegenschuss zeigt zwei  Jungs auf einem Schulhof, erschrocken und fasziniert zugleich vom Tanz der Zungen. Gesichter, die in ihren schiefen Zügen einem Comic entstammen könnten und die doch ganz aus dem Holz des banalen Alltags geschnitzt sind.

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Da ist Hervé (Vincent Lacoste), 14 Jahre, mit einer großen Nase und Zahnspange und einer unförmigen Haarpracht bestückt. Er übt das Küssen nicht etwa mit den Mädchen, die ihn nach ungelenken Aufreißversuchen immer wieder zurückweisen, sondern lässt seine Zunge leidenschaftlich über den Badezimmerspiegel gleiten. Er beobachtet per Fenster zum Hof das Liebesleben seiner Nachbarin, masturbiert in einen Strumpf und wird immer wieder von seiner penetrant zuneigungsvollen Mutter auf den Arm genommen. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel, dem romantischen Camel (Anthony Sanigo), lebt Hervé den schmerzhaften Alltag eines Losers  – bis sich Aurore (Alice Trémolière), eines der schönsten Mädchen der Klasse, in ihn verliebt.

Jungs bleiben Jungs, die erste Berührung des Comic-Autoren Riad Sattouf mit dem Kino, ist ein erfrischend schroffer Gegenentwurf zu den amerikanischen Hochglanzvarianten des Coming-of-Age-Genres. Die Kamera wagt sich mit Weitwinkelobjektiv auf nächste Nähe an die Gesichter und Zungen der Laiendarsteller heran. Der Realismus wird durch die große Tiefenschärfe und das weich flutende Licht noch verstärkt. Kein Pickel wird vertuscht. Sattouf sieht genau da hin, wo es weh tut, und trotzdem spürt man, dass er hinter seinen Figuren steht. So einfältig das Grinsen, so lächerlich die Situationen, in die sich die blödelnden Jungs auch verstricken: Bloßgestellt werden sie nicht. Wirklich komisch ist aber Jungs bleiben Jungs mit seinem auf derben, trockenen Wortwitz angelegten Situationshumor nur selten. Nämlich dann, wenn Hervé mit seiner alleinerziehenden Mutter aneinander gerät. Noémie Lvovsky, derzeit einer der besten französischen Komödienschauspielerinnen, verkörpert unwiderstehlich diese zwischen Depression und Euphorie schwankende Frau, die sich mit unerschöpflicher Neugierde für das Liebesleben ihres Sohnes begeistert und ihn damit immer wieder zur Verzweiflung treibt.

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Jungs bleiben Jungs mag in mancher Hinsicht originell erscheinen, wie in der Vermeidung des typischen Coming-of-Age-Dramas zugunsten einer episodischen Ansammlung von comichaft übersteigerten Situationen. Gleichzeitig aber wirken viele Szenen, getrieben von der pumpenden elektronischen Musik, holprig im Timing. Einige Sequenzen sind schlichtweg zu kurz geraten, werden dann durch einen harten Schnitt beendet, wenn die Situationskomik gerade erst beginnt, sich zu entfalten. Ein bisschen ähnelt Sattoufs Debütfilm Hervés ersten Kussversuchen: bemüht und energisch, aber etwas ungelenk.

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