Ich habe sie gut gekannt

„Kannst du tanzen?“ „Nein.“ „Kannst du schwimmen?“ „Nein.“ „Na, was kannst du dann?“

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Die Kamera fährt zu beschwingter Musik einen Strand entlang und landet bei dem leicht bekleideten Körper einer attraktiven jungen Frau. In der restaurierten Langfassung des Films liegt diese Frau, Adriana (Stefania Sandrelli), in einer Bikinihose auf dem Bauch, in der freizügigeren deutschen Kinofassung dagegen auf dem Rücken, und ihre Brüste sind nur spärlich von ein paar Muscheln bedeckt. Das klingt nach Urlaubsstimmung und Dolce Vita, doch der Strand sieht verdreckt und verlassen aus, Adriana ist dort vollkommen allein, und die Art, wie die Kamera auf gleichzeitig voyeuristische wie distanzierte Weise ihren Körper darstellt, weckt Unbehagen. Der Kamerablick wirkt lüstern und respektlos und ist bezeichnend für die Sicht der meisten männlichen Protagonisten auf das Mädchen vom Land, das während des Wirtschaftswunders der 1960er Jahre nach Rom gekommen ist, um als Schauspielerin reich und berühmt zu werden, und bis dahin als Friseurin, Kosmetikerin und Platzanweiserin in einem Kino arbeitet. Auf dem Weg vom Strand nach Hause lässt sich Adriana von einem Eisverkäufer das Bikinioberteil schließen und von einem Gärtner zur Abkühlung mit Wasser bespritzen. Hier scheint eine schöne junge Frau die Männer zu ihrem Vorteil zu nutzen, im Verlauf von Ich habe sie gut gekannt (Io la conoscevo bene, 1965) stellt sich jedoch das Gegenteil heraus.

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Adriana tänzelt mit ständig wechselnden Perücken von einem falschen Mann zum nächsten, verliebt sich jedes Mal, und ihre Auserwählten reagieren so: Adriana: „Wenn ich dir schreiben würde, würdest du dich dann freuen?“ Mann: „Natürlich!“ Adriana: „Würdest du mir auch antworten?“ Mann: „Oh – jetzt fängt es an, schwierig zu werden.“ Ihr Verlobter ist nach einer gemeinsamen Nacht in einem Hotel am nächsten Morgen vom Erdboden verschwunden – seine Rechnung muss die sitzen gelassene Verlobte bezahlen. Trotzdem findet sie ihn immer noch „wundervoll“. Adriana ist nicht dumm, aber gutgläubig, sie wirkt kindlich, verträumt und verspielt, die Männer sehen in ihr die Unbeschwerte und Unkomplizierte, ein Schriftsteller (Joachim Fuchsberger) behauptet, sie besitze „keine Ambition und keine Moral“. Doch wenn sie für eine Nacht an einen reichen alten Mann oder an einen Schauspieler verkuppelt/verkauft werden soll, zeigt sie durchaus Prinzipien, denn sie will Liebe und Geld nicht „vermanschen“, und mit der Zeit offenbart sich immer deutlicher ihre große Einsamkeit.

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Die Erfahrungen von Frauen in einer Männergesellschaft sind ein dominantes Thema im Werk des italienischen Autors und Regisseurs Antonio Pietrangeli (1919–1968), der als Filmkritiker arbeitete und als Drehbuchautor unter anderem an Luchino Viscontis Ossesione – Von Liebe besessen (Ossesione, 1943) und Roberto Rossellinis Reise in Italien (Viaggio in Italia, 1954) mitschrieb. In Adua und ihre Gefährtinnen (Adua e le compagne, 1960) lässt Pietrangeli eine Gruppe Prostituierte ein Restaurant eröffnen, mit dem Wunsch, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, doch die Männer können über ihr soziales Stigma nicht hinwegsehen, erpressen sie damit oder lassen sie im Stich. Wie die weibliche Hauptfigur in Der Ehekandidat (La Visita, 1964), die wie Adriana vom Land stammt und durch eine Kontaktanzeige an einen dubiosen älteren Herren aus der Stadt gerät, sind Pietrangelis Protagonistinnen auf den ersten Blick häufig „einfache“ Frauen, die im Handlungsverlauf jedoch einen gesünderen Menschenverstand und mehr moralischen Anstand als die Männer demonstrieren.

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Komödie und Melodram, Leichtigkeit und Melancholie, Triumph und Niederlage gehen bei dem Regisseur, der mit 49 Jahren bei Dreharbeiten ertrank, fließend ineinander über. Besonders die deutsche Kinofassung von Ich habe sie gut gekannt erscheint mit ihrer schlichten Synchronisation, der quietschigen Schlagermusik und den wiederholten Tanzeinlagen zunächst ein wenig belanglos und banal. Der Erzählton der restaurierten Langfassung ist dagegen durch zwei frühe zusätzliche Szenen auffallend ambivalenter und düsterer: in der ersten wird Adriana von einem Mann körperlich bedrängt, in der zweiten wird sie Zeugin eines Verkehrsunfalls mit tödlichem Ausgang – eine Begegnung, die ihr eigenes Schicksal ebenso voraussagt wie eine Einstellung, in der ein großes „Fine“ auf einer Kinoleinwand ihr Ende prophezeit. Bei genauerer Betrachtung ist Pietrangelis gesellschaftskritisches Frauenporträt keinesfalls eindimensional und oberflächlich, genauso wenig wie Adriana. Immer wieder zoomt der Regisseur auf das Gesicht seiner Protagonistin, die selbst beim Tanzen nicht frei und sorglos wirkt, die sowohl ihre Freude als auch ihre Traurigkeit in Spiegeln inszeniert, anstatt sie zu leben, und die, wenn sie ohne männliche Gesellschaft ist, wie ein kleines Mädchen gepunktete Kleidung trägt und einmal wie unter Zwang einen Türknauf schrubbt, als arbeite sie daran ihren Schmerz ab.

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Ich habe sie gut gekannt – das scheinen die Männer im Film zu glauben, vor allem der Schriftsteller, der über Adriana geschrieben und kein sehr schmeichelhaftes Bild von ihr entworfen hat. Tatsächlich scheint es vielmehr so, als hätte sie niemand gut gekannt, als wäre sie in der Gegenwart von anderen Menschen in unterschiedliche Rollen geschlüpft, um die passende für sich zu finden oder um sich vor Verletzungen zu schützen. Sogar wenn sie allein zu Hause ist, spielt sie noch, zum Beispiel mit einer zur damaligen Zeit sehr modernen Trockenhaube, die wie ein riesiges Kondom auf ihrem Kopf thront. Pietrangeli inszeniert eine Reihe von Figuren in Spiegeln, als Reflexion in einer Fensterscheibe oder einem Glastisch – Sinnbilder einer allzu substanzlosen Gesellschaft und eines unsicheren Milieus, dem Adriana mit ihrer Naivität und Beeinflussbarkeit zum Opfer fällt. Ähnlich wie das Ende von Adua und ihre Gefährtinnen ist auch das Finale von Ich habe sie gut gekannt ein zutiefst pessimistisches. Doch während die Prostituierte Adua auch noch auf dem Straßenstrich von besseren Zeiten als Gastronomin träumt, platzt Adrianas Wirtschaftswunderseifenblase unwiderruflich. Die letzte Szene ist eine der wenigen, in der sie nicht spielt und eine ihrer zahlreichen Perücken endgültig ablegt.

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