Dr. Ketel

Linus de Paoli schickt in seinem Langfilmdebüt den selbsternannten Arzt Ketel durch die Straßen eines Neuköllns der nahen Zukunft. 

Dr. Ketel 2

Es steht nicht gut um Deutschlands Zukunft, wenn man die Visionen aktueller heimischer Spielfilmdebütanten betrachtet. Tim Fehlbaum inszenierte vor kurzem in blendend hellen Bildern die ökologische Katastrophe (Hell, 2011), Linus de Paolis Dr. Ketel legt nun in abgemilderter Form die soziale nach. In der nahen Zukunft versagt das Sozialsystem in Deutschland immer mehr, ärztliche Versorgung ist nur noch für Wohlhabende gewährleistet. Im Berliner Stadtteil Neukölln zieht Ketel (Ketel Weber) als eine Art Robin Hood in Weiß durch die Straßen. Er stiehlt Medikamente aus Apotheken und Krankenhäusern und behandelt damit ohne Lizenz alle diejenigen, die es sich sonst nicht leisten könnten.

Dass mit Amanda Plummer ein international bekannter Name für den Cast verpflichtet werden konnte, ist der vermeintlich größte Coup des jungen Filmemacherteams Linus und Anna de Paoli. Neben Begeisterung für deren vorangegangenen Kurzfilm The Boy Who Wouldn’t Kill, den die amerikanische Schauspielerin auf dem spanischen Sitges Filmfestival zu sehen bekam, dürfte vielleicht auch die Gelegenheit, eine eher unübliche Rolle zu spielen, für ihr Engagement ausschlaggebend gewesen sein. Plummer arbeitete schon mit Größen wie Peter Greenaway, Terry Gilliam oder Quentin Tarantino zusammen und stellte in ihren bekanntesten Rollen Frauen dar, deren Leben immer irgendwie neben der Spur verlief. In de Paolis Film gibt sie nun die erfolgreiche und anerkannte Profilerin Louise, die Ketel, anstatt ihn zu überführen, dabei behilflich ist, die richtigen Entscheidungen für seine weitere Zukunft zu treffen. 

Dr. Ketel 1

Was Dr. Ketel vor allem ausmacht, ist die karge Atmosphäre, ein Gefühl des Verlorenseins.  Der Film ist komplett in Schwarzweiß gehalten. Dies sorgt nicht nur für eine Entzeitlichung, sondern untermalt auch die Schattenwelt, in der Ketel sich bewegt. Der Stadtteil Neukölln, ausschließlicher Handlungsort des Films, wird explizit als der desolate soziale Brennpunkt inszeniert, als der er bekannt ist. Die Handlung beschränkt sich auf einige immer wiederkehrende Orte, was trotz der Großstadtanonymität teilweise den Eindruck einer dörflichen Gemeinschaft entstehen lässt. Vieles spielt sich im öffentlichen Raum ab. Auch wenn Ketel „seine“ Patienten, die Kranken des Viertels, also all die mittellosen Familien, Junkies und Kriminellen, behandelt, geschieht dies meist auf der Straße, auf den Stufen von Hauseingängen oder in dunklen Ecken.

Dr. Ketel spielt viel nachts, wo Dunkelheit und Nebel die Figuren umhüllen. Die Anknüpfungen an die Bilderwelten des Film noir sind offenkundig, auch in den Innenräumen wie Ketels kalter Kellerwohnung oder einem etwas heruntergekommenen Nachtclub, in dem sich eine Varieté-Tänzerin räkelt. Viele Szenen sind in ihrer Ausstattung minimalistisch und gleichzeitig mit Blick fürs Detail gehalten. Im Kontrast zu dieser dunklen Welt kommen Bessergestellte wie Louise und die von ihr auszubildenden jungen Mitglieder eines privaten Sicherheitsdienstes in vom Tageslicht erhellten Räumlichkeiten in erhaben scheinenden Höhen der oberen Etagen zusammen.

Auch die Inszenierung von Körpern trägt zur intensiven Atmosphäre des Filmes bei. Einige der Wunden, deren sich Ketel selbstverständlich annimmt, sind wahrhaft ekelerregend. Ketels Gewissenszwiespalt gegenüber seinen meist illegalen Aktionen wird ebenso primär über das Körperliche dargestellt. Trotz einer kurzen Liaison mit einer Apothekerin ist auch der helfende Engel Ketel eine sehr einsame Figur, und Weber bringt dies schon durch seine Körperhaltung zum Ausdruck. Trotz seiner hünenhaften Erscheinung bewegt er sich zwischen den Menschen verhalten und stets etwas gebeugt. Schließlich erkrankt er selbst immer mehr an seiner misslichen Lage. Mit dem Erbrechen eines großen schleimigen Klumpens wird sein Konflikt, sein innerer Schmerz plastisch nach außen getragen.

Die Geschichte, zu der die beiden de Paolis, wie sie sich mit Künstlernamen nennen, durch biografische Faktoren angeregt wurden, besticht zunächst in ihrem originellen Ansatz. Leider fehlt es dem Plot dann doch zu sehr an Pointierung, sodass er in seiner Gesamtkonstruktion nicht ganz überzeugen kann. Dennoch ist De Paolis Langfilmdebüt vor allem dank der stimmigen Atmosphäre und des effektvollen Einsatzes der wenigen Mittel, die den Nachwuchsfilmern zur Verfügung standen, einen Blick wert.

Trailer zu „Dr. Ketel“


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