Blick in den Abgrund

Unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Orten rund um die Welt – mit einer Gemeinsamkeit: der täglichen Konfrontation mit Tod und Gewalt. Barbara Eder begleitet Profiler bei der Arbeit.

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Ob sie ein bisschen so sei wie Jodie Foster in Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991), fragt ein Taxifahrer Helinä Häkkänen-Nyholm, forensische Psychologin aus Finnland. Die Szene ereignet sich ziemlich zu Anfang von Blick in den Abgrund, Barbara Eders Dokumentation über Profiler, jenen Spezialisten, die helfen, Serienmördern und -vergewaltigern auf die Spur zu kommen, und sie ist wohl so etwas wie das mission statement des Films: Die Realität, so Häkkänen-Nyholm, sieht ganz anders aus, und Eder will sie zeigen.

Dazu begleitet sie sechs Profiler an verschiedenen Orten rund um die Welt bei ihrer Arbeit und privat. Natürlich ist unter ihnen kein unerfahrener FBI-Trainee wie Jodie Fosters Clarice Starling und schon gar kein beinahe-autistischer Super-Ermittler wie ihr „Nachfolger“, Hugh Dancys Will Graham in der NBC-Serie Hannibal  (2013). Nein, alle sind sie erfahrene, professionelle und gefestigte Persönlichkeiten, und auch ihr Alltag sieht, natürlich, nicht annähernd so spektakulär aus, wie Hollywood ihn darstellt – ja, manchmal, wenn beispielsweise Heather Morrison aus Chicago nicht an einem ungelösten Fall, sondern dem bürokratischen Apparat des Bundesstaates Illinois verzweifelt, beinahe enttäuschend banal.

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Nun ist dies natürlich nicht sehr überraschend. Die Erkenntnis, die man sich von einem Film wie Blick in den Abgrund erhoffen mag, liegt wohl auch weniger darin, wie die Arbeit von Profilern aussieht, als vielmehr, was sie mit (oder aus) Menschen macht. Wie belastend ist der Beruf wirklich? Verändert sich das eigene Verhältnis zu Gewalt und Tod – stumpft man ab, erkennt man vielleicht gar, wozu man selbst fähig wäre? Blickt der Abgrund tatsächlich zurück?

Es gibt immer wieder Momente in Blick in den Abgrund, die nahelegen, dass es sich gelohnt hätte, diesen Fragen nachzugehen: Häkkänen-Nyholm spekuliert, dass sie glücklicher wäre, würde sie einen anderen Beruf ausüben; Morrison erzählt ihrer Familie am Esstisch, wie ein Serienmörder einmal, lange vor Internet und Google, ihre Adresse herausgefunden und ihr eine Weihnachtskarte geschickt hat; Gérard Labuschagne aus Südafrika zeigt in einer PowerPoint-Präsentation seinen Studenten die Gesichtshaut eines Opfers, sauber abgezogen von einem Serienmörder, und kommt dabei offenbar nicht auf die Idee, dass zumindest eine Vorwarnung angemessen gewesen wäre.

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In solchen Szenen wünscht man sich gelegentlich, Eder hätte nachgehakt, Fragen gestellt. Doch die Regisseurin verzichtet größtenteils auf Interviews und beobachtet die Interaktionen ihrer Protagonisten in Arbeit und Alltag. Die Bilder und Szenen sollen für sich sprechen, was als Ansatz erst einmal nicht schlecht ist: Bilder, so die Philosophie hinter der oft zitierten „Show, don’t tell!“-Regel, haben eine größere oder zumindest direktere emotionale Wucht als mündliches Nacherzählen und Erklären. Auch bekommt Blick in den Abgrund so einen fließenderen Charakter als viele andere, konventionellere Dokumentationen, die oft eher journalistischer Beitrag als genuin filmischer Ausdruck sind.

Andererseits sind Eders Protagonisten aber eben darauf bedacht (und sehr gut darin), stets eine professionelle Fassade zu wahren und ihre Emotionen, auch ihre Zerbrechlichkeit, so wenig wie möglich zu zeigen. Wenn sie es doch einmal tun, dann meist in beiläufigen, nonchalanten Bemerkungen. Die geben nur einen kurzen, flüchtigen Einblick in eine komplizierte Gefühlswelt, die zumindest in den Bildern, die Eder in ihrem Film findet, nicht offenbar wird. Wenn Labuschagne seine Studenten mit dem Bild der abgezogenen Gesichtshaut konfrontiert, sehen wir, wie sie angewidert das Gesicht verziehen, eine von ihnen sogar den Saal verlässt. Aber wäre es nicht interessanter, zu erfahren, was Labuschagne selbst beim Anblick (und beim Zeigen) eines solchen Bildes fühlt?

Vielleicht wären konfrontative Gespräche hier doch ein möglicher Weg gewesen, mehr freizulegen. So viel auch für Eders szenischen Ansatz spricht (und, möglicherweise, für die bewusste Wahrung eines gewissen Mysteriums um den Beruf des Profilers): Das Bild, das Blick in den Abgrund von Profilern und ihrem Verhältnis zu ihrer Arbeit zeichnet, bleibt so ein recht oberflächliches.

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Ähnlich verhält es sich mit dem anderen großen Thema des Films: der Frage nach dem Ursprung des Bösen. Diese kristallisiert sich schnell als eine gemeinsame Motivation heraus, die fast alle vorgestellten Profiler antreibt, anscheinend weit mehr als das Bedürfnis, zur Aufklärung schwieriger Fälle beizutragen. In den seltensten Fällen, erklärt Morrison, findet man in der Biografie der Täter psychologische Traumata oder tragische Ereignisse. Sie ist überzeugt: Man wird mit dem Bösen geboren, es gibt – ihre Worte – tatsächlich ein Gen, das dafür verantwortlich ist. Labuschagne stellt fest: „Wir haben mehr mit Serienmördern gemein als nicht.“

Hier fällt auch das Vokabular der Profiler auf: Sie haben „mit Tätern gearbeitet“, nennen diese im Gespräch mit Partnern oder der Familie beim Vornamen wie Arbeitskollegen. Die Frage drängt sich auf: Ist es eine Art von Identifikation oder einfach Mitleid, was Profiler für Täter empfinden? Eine Antwort bleibt Eder schuldig – vielleicht eine bewusste Entscheidung, im Ergebnis aber etwas unbefriedigend.

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Ohne Frage gibt es jedoch in Blick in den Abgrund eindrucksvolle Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Besonders stark ist der Film immer dann, wenn er Einblicke in das Zusammenleben mit Profilern gibt. Wenn Häkkänen-Nyholm beim idyllischen Fischen mit ihrem Mann übergangslos zwischen Smalltalk über die angenehme Windstille und halben Selbstgesprächen über ihren aktuellen, verstörenden Fall wechselt und ihr Mann, offensichtlich ans Morbide gewöhnt, das seine Frau stets begleitet, nur schweigend den Arm um sie legt, dann ist das ein kraftvolles Bild, das durchaus für sich stehen kann.

Trailer zu „Blick in den Abgrund“


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