Irgendwann trifft's einen selbst – Notizen von der Berlinale (7)
Abschiede allerorten: Ein Jazz-Musiker aus Wien träumt sich zu seinen Heroen ins Mississippi-Delta und ein Hausmeister schaufelt tapfer Schnee, während seine Welt zusammenbricht. Doch dann lädt ein alter Festivalbekannter noch ein auf ein Bier.
Der parallel zur Berlinale stattfindende European Film Market ist am Mittwoch zu Ende gegangen und viele Fachbesucher haben sich deshalb schon aus Berlin verabschiedet. Das schafft ein wenig dringend benötigten Platz in den oft übervollen Kinosälen – und passt auch gut zum Programm, denn mehrere Filme der letzten Tage legen den Fokus auf Abschiede und Neuanfänge.

Alois Koch wohnt in Wien im dritten Bezirk und ist The Loneliest Man in Town (Wettbewerb). Eine Holding-Gesellschaft hat das Mietshaus mit seiner Wohnung übernommen und will es abreißen, Alois bleibt nur wenig Zeit, eine neue Bleibe zu suchen und sich von den für ihn so unschätzbar wertvollen Blues- und Elvis-Presley-Devotionalien zu trennen. Nach dem erzwungenen Auszug will er sich einen lebenslangen Traum erfüllen und das Mississippi-Delta besuchen, wo seine Helden wie Robert Johnson oder Ma Rainey lange den Blues geprägt haben. Das Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel vermischt in all seinen Filmen Dokumentarisches mit Spielfilm-Elementen und kreiert mitfühlende Portraits von gesellschaftlichen Außenseitern. Die Geschichte von Alois Koch alias Al Cook bietet für diese Herangehensweise den perfekten Rahmen. Covi und Frimmel begleiten Koch mit zarter Hand dabei, wie er in langen Szenen Abschied von Gegenständen nehmen muss, die ihm sein ganzes Leben bedeutet haben. Das ist oft lakonisch und humorvoll, nie hoffnungslos, aber immer tieftraurig. Man beobachtet still und leise die Abwicklung einer ganzen Existenz und hat Tränen in den Augen weil man weiß: Irgendwann trifft es einen selbst.

In Light Pillar/Han ye deng zhu (Perspectives) werden gleich mehrere Lebensgeschichten sowie ein ganzes Filmstudio in China abgewickelt. In dem Studio finden keine Filmdrehs mehr statt, Touristen bleiben ebenso aus. Die Belegschaft, unter ihnen ein mit einer Katze lebender Hausmeister, schaufelt Schnee, um noch irgend etwas zu tun zu haben. Abends flüchtet sich der Hausmeister in die bunte Welt einer virtuellen Realität, die wie ein unscharfes VHS-Bild ausschaut. Der Animationsfilm von Zao Xu übt leise, aber dennoch deutlich Kritik an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und der sozialen Kälte im heutigen China. Eindringlich wird gezeigt, wie enttäuschend, harsch, unversöhnlich und hart das Leben sein kann – und wie trotz allem manchmal und unerwartet Magie in die Tristesse hereinbricht und Trost spendet. Die Hoffnungsschimmer schmälern die Kritik an den Verhältnissen nicht, lassen aber ein Weitermachen zu. Ein wunderschöner Film und eine Entdeckung in der Perspectives-Reihe.

Animol (Perspectives), das Regiedebüt des britischen Schauspielers und Rappers Ashley Walters, ist einerseits ein Jugend- und Knastdrama, wie man es so ähnlich bereits oft gesehen hat. Andererseits punktet der Film durch sein überaus konzentriertes, auf das Wesentliche reduzierte Drehbuch, das alles, was es sagen und erledigen will, ohne Sperenzien in straffen 90 Minuten hinter sich bringt. Durch kleinere Akzentverschiebungen fühlt sich das Material immer wieder frisch an und der Zuschauer wird geschickt auf Trab und in steter Spannung gehalten. Ein attraktiver und talentierter Cast sowie akzentuierte Arbeit an der Kamera und am Schnitt tun ihr Übriges. Animol beweist, dass man das Rad nicht immer neu erfinden muss. Es reicht oft aus, wenn man es gut geölt zum Laufen bringt.

Hong Sangsoo ist jährlich Gast bei der Berlinale, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann es das letzte Mal einen Berlinale-Jahrgang ohne ihn gab. In The Day She Returns/ Geunyeoga doraon nal (Panorama) trifft eine Schauspielerin in den mittleren Jahren in drei Interviews auf jüngere Journalistinnen und wie immer bei Sangsoo entspinnen sich Gespräche voller genauer Alltagsbeobachtungen und zwischenmenschlicher Missverständnisse. Da die Location ein deutsches Restaurant in Korea ist, wird fleißig Bier getrunken. Sangsoo wählt in seiner neuen Arbeit ein besonders leises, introspektives Register, ohne die vordergründige Situationskomik der letzten paar Filme und nur mit einem Anflug meta-textueller Spielerei. In sich ruhend und gewohnt routiniert in Szene gesetzt, wirkt der Film dennoch eher wie eine Fingerübung auf dem Weg zum nächsten, ambitionierteren Projekt.
To be continued…














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