Father Mother Sister Brother – Kritik

Und das war dann das: Drei schweigsame Familienkonstellationen vereint Jim Jarmusch in seinem neuen Film Father Mother Sister Brother. Wenn nicht gerade Françoise Lebrun durch die Tür tritt, gerät das leider etwas arg bemüht lakonisch.

Wenn die Kinder kommen, muss der Vater (Tom Waits) erst ein bisschen Unordnung machen. Decke über die Couch, ein Bücherstapel hier und da. Der Vater lebt draußen, irgendwo im Staate New York, ein Haus am See, kein anderes in der Nähe. Es ist Winter. Der Vater ist über siebzig, er lebt allein. Der Sohn und die Tochter nähern sich im Auto, er (Adam Driver) am Steuer, sie (Mayam Biyalik) auf dem Beifahrersitz. Sie reden, dann schweigen sie, dann reden sie, über den Vater, man merkt, dass sie nicht oft über ihn reden, der Sohn erwähnt Gelegenheiten, bei denen er dem Vater beträchtliche Summen gezahlt hat. Jarmusch-Standardsituation: frontal gefilmt, Close-Up auf ihn, Close-Up auf sie, dann beide im Bild, die Autofahrt als Bewegung, die zugleich etwas Statisches hat, drinnen sind Gesichter und Dialog, draußen ist Welt.

Die Pointe ist ein Problem

Viel zu sagen haben sie einander nicht, der Vater, der Witwer ist, und seine Kinder. Jarmusch setzt das beredt ins Bild, einerseits, die Tochter mehr aggressiv, der Sohn mehr um Vermittlung bemüht, die Schweigepausen sind cringe. Andererseits schneidet er, bevor es richtig schlimm wird, weg. Es entwickelt sich wenig, Schnitt-Bewegung nach draußen, drinnen ist Statik. Draußen der See, die Landschaft im Winter. Man trinkt, stößt an, fragt sich, ob man mit Kaffee anstoßen kann. Einmal wird es etwas bedrohlich mit einer häuslich geschwungenen Axt. Das Tischschen wird von oben gefilmt, das Gedeck sortiert sich zum Muster, ein filmischer Schritt heraus aus der Szene. An einer Stelle fällt die im amerikanischen Kontext wirklich ungewöhnliche Redewendung “and Bob’s your uncle”, was ungefährt heißt: Und das war dann das.

Mit diesen drei Dingen, dem Anstoßen, dem Blick von oben, der Redewendung bereitet Jarmusch, der die Begegnung der drei durch eine Anfahrt vorbereitet hat, die zwei weiteren Episoden, die folgen, schon vor. Hier weiß man das noch nicht. Und erst kommt noch die Pointe, die man vielleicht schon geahnt hat. Die Pointe dieser ersten Episode, der Begegnung,und sie ist ein Problem, weil sie das Verhältnis zwischen Vater und Kindern, das man ohnehin schon deutlich begreifen gemacht worden ist, nun ganz zusammenschnurren lässt auf den nachträglichen Witz.

Skater rollen vorbei

Ein Sprung. Nach Dublin, wo eine Mutter (Charlotte Rampling) im recht noblen Vorort schon wartet. Sie macht Ordnung, sie deckt den Tisch. Hier ist, anders als beim Vater aus der ersten Geschichte, sichtlich Geld vorhanden, die Mutter schreibt Bestseller, die Exemplar sind in einer Kiste versteckt. Die eine Tochter ist mausgrau, schon wieder eine Pointe, denn sie wird von Cate Blanchett gespielt, die noch in der Verkleidung alles ist, aber nicht mausgrau. Ihr Auto bleibt stehen, dann fährt es weiter. Die andere Tochter (Vicky Krieps) lässt sich fahren, ihr Haar ist paradiesvogelrosa. Die Mutter und die Töchter sind zwar farbkoordiniert, haben sich aber nicht viel zu sagen, man macht Small Talk bei (und über die) Törtchen. Bevor es zu schlimm wird, schneidet Jarmusch weg. Und nun die erste Wiederholung der zuvor gesetzten Motive, das Anstoßen, das Filmen von oben, die Redewendung “and Bob’s your uncle”. Ein bisschen wie in den Vexier-Wiederholungsfilmen von Hong Sang-soo, nur um einiges plumper. Von den zeitlupenhaften Skateboardszenen zu schweigen, die alle Episoden ohne tieferen Grund, als bloßes Ornament der Straße, punktieren.

Auch die dritte Episode führt die Motivketten fort. Wieder ein geografischer Sprung: New York State, Dublin, Paris. Skater rollen vorbei. Father Mother sind hier nur als Tote präsent. Sister Brother (Indya Moore, Luka Sabbat) wieder im Auto, der Bruder manövriert durch die Pariser Enge, die, als Welt draußen, dem Auge immerhin einiges bietet. Die prächtige Altbauwohnung im Zentrum ist leer, die Reste der unkonventionell gewesenen Eltern sind schon verteilt. Der Bruder hat sich gekümmert, die Möbel und alles in eine Lagergarage geräumt, man sieht nur die Front, sie geht, wie er versichert, weit in die Tiefe. Sister Brother sichten Fotografien, das ist der andere Rest, den die Erinnerung lässt. Sie sprechen liebevoll spöttisch über die Eltern, da tritt als halb strenge Norne die große Françoise Lebrun durch die Tür. So bemüht lakonisch dieser Film insgesamt ist: Das ist sehr schön.

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