Work in Progress: Lust und Pflicht der Filmkritik

Kinostarts machen uns nicht satt. Wieso sich critic.de wandelt.

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In unseren 10 Leitsätzen der Filmkritik bleibt ein Aspekt unterbeleuchtet, ein unentbehrlicher: Filmkritik muss dem Autor Lust bereiten, eine Lust an der Auseinandersetzung mit dem besprochenen Werk. Weil sie ein Erkenntnisziel verfolgt, für ihn selbst und für andere. Das heißt auch: sich immer wieder auf Filme einlassen, die einen erst kalt lassen, die man nicht versteht, die einem fremd sind oder allzu bekannt. Mit Muße Filme reflektieren, an denen man sich zunächst die Finger zu verbrennen droht. Letzteres ist selten, Ersteres an der Tagesordnung. Im Alltag ist das aufreibend, denn – das können sich auch Nicht-Kritiker denken – die allermeisten Filme regen den eigenen Geist und die Sinne nur wenig an. Umso tragischer, wenn man Filmkritik als Beruf versteht, gar als Job. Nun, das tun wir bei critic.de einerseits nicht: Keiner von uns ist „Berufskritiker“, wir verstehen uns als Kritiker aus Leidenschaft zum Kino. Broterwerb beißt sich mit der Prinzipientreue. Wir haben andererseits critic.de ins Leben gerufen aufgrund eines Mangels an Filmkritik im Netz, die den Begriff in all seiner Unnachgiebigkeit versteht. Will heißen: Ohne falsche Kompromisse, nicht käuflich, engagiert für eigene Entdeckungen, dennoch den „kleinen“ Filmen ebenso kritisch gegenüber wie dem Mainstream gegenüber offen, mutig in den Thesen, nachvollziehbar in den Argumenten. Wir hegen damit immer auch die Hoffnung, ausgehend von mediatisierten, präsenten, verfügbaren Filmen, Anstöße zu geben, Anschlüsse und Brücken zu bauen, über sie hinaus zu denken. Die Hollywood-Genre-Kritik gehört neben den philippinischen oder den südkoreanischen Filmemacher, dessen Werke nicht ins hiesige Kino kommen.

Heute, knapp acht Jahre nach dem Start, hat sich vieles verändert, das Netz ist reicher geworden, an Filmen, legalen wie illegalen, an Texten über Film, von jedem Ende des Spektrums. Die Kinosituation ist unübersichtlicher denn je: noch mehr Kinostarts, noch mehr Filmverleihe und Vertriebe und PR-Agenturen. Sie alle buhlen um Aufmerksamkeit. Nicht selten für ähnliche, austauschbare Konfektionsware, ganz gleich ob mit Label „Arthouse“ oder ohne. Was davon überhaupt noch gucken? Wir haben genug davon, Woche um Woche anzusehen, wie die deutsche Kinolandschaft verödet. Es genügt nicht, Filter eines ängstlich kalkulierten Marktes zu sein. Auch der Blick in die 3-Uhr-Morgens-Schiene der Öffentlich-Rechtlichen stillt das Bedürfnis nach Kino nicht. Eine Linderung versprechen immerhin eine Handvoll wagemutiger DVD-Labels in Deutschland und einige mehr in Import-Zonen.

Auftritt Filmfestivals. Es sind nunmehr Tausende Festivals, die zuerst Europa und dann die Welt umspannen, die schon jetzt eine Parallel-Infrastruktur des Zugangs zu Kino darstellen, nicht zuletzt durch Tourneen, Streamings und Franchises. Auch sie sind nicht frei von Kalkül und von Konvention. Die Möglichkeiten aber, dort etwas für die Lust der Kritik zu finden, sind ungleich größer. Die Filme, auch dank VOD und lokalen Filmreihen, geraten in einen ständigen, aber fragilen Umlauf, mal greifbar, mal nicht: ein Abenteuer der Filmselbstversorgung.

Chronisten-Pflicht ade? Nein, denn wir fühlen uns dem Film verpflichtet, besonders dem anregenden, ganz gleich welchen Ursprungs.

Die Neustrukturierung unserer Seite ist somit ein doppeltes Versprechen: dass wir unserem Verständnis von Filmkritik treu bleiben werden und deswegen zunehmend den Blick werden schweifen lassen. Die Reise beginnt heute in Cannes.

Kommentare zu „Work in Progress: Lust und Pflicht der Filmkritik“


Kritiker

Wie kann man soviel reden und so wenig sagen? Mal Butter bei die Fische! Was ändert sich?


Frédéric

Das steht doch alles da und spiegelt sich in unserer neuen Seitenstruktur wieder: Mehr Abseits von regulären Kinostarts, stärkerer Fokus auf Filmfestivals.


Sano Cestnik

Ich muss euch etwas verspätet auch nochmal für das wunderbare neue Design loben, und natürlich den Schritt in Richtung Vielfalt und historisches Bewusstsein. Meine Wahrnehmung von critic.de hat sich dadurch tatsächlich entscheidend gewandelt. War ich vorher nur zufällig über manche Autoren und Filme zu euch gekommen, werde ich mich in Zukunft nun auch bewusst dafür entscheiden eure Seite zu besuchen.

Bin selbst etwas überrascht, wie schnell sich die Wahrnehmung einer Plattform aufgrund einer auf den ersten Blick für manch einen sicher vernachlässigenswerten Prioritätenverschiebung doch grundlegend wandeln kann. Aber was der Text anspricht ist meiner Meinung nach essentiell: Wenn man nicht darauf angewiesen ist, erweist sich die Fokussierung auf deutsche Starttermine als unnötiges Korsett, das grundsätzlich eher dazu tendiert den Blick zu verstellen als ihn zu erweitern.


Frédéric

Danke, Sano.
Dem kann ich nur beipflichten. So sehr die Chronistenpflicht auf mich auch durchaus einen Reiz ausübt, so sehr sehe ich sie in der Beschränkung auf den hiesigen Markt als zum Scheitern verurteilt. Ich will nicht verzichten auf das Sich-Reiben mit Werken, denen man quasi zufällig begegnet und die sich einem widersetzen (auch das bietet so eine Auslieferung dem Markt gegenüber), aber das gleiche kann noch produktiver sein, und natürlich befriedigender, wenn die Werke nach einer eigenen Logik, etwa der Reise, des Surfens, der Weiterempfehlung, in den Blick geraten.
Wir stehen jedenfalls noch am Anfang dieser Öffnung, obwohl allein schon die Umstellung unserer Struktur zum Vorschein bringen lässt, dass in unserem Archiv so einige Beiträge schlummern, die bislang untergingen. Insofern ist allein schon das Tool der Publikation hilfreich für die neue Perspektivierung. Freut mich also besonders, dass Du das auch so von außen wahrnimmst.






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