Hessen katapultiert sich in die Mitte der deutschen Filmödnis

Kino- und Kulturabbau bei der hessischen Filmförderung: Minister Boris Rhein verplant aus Versehen ein Drittel des kulturellen Etats für Fernsehproduktionen und dreht sich die Wahrheit zurecht. Was passiert, wenn wirtschaftliche und kulturelle Filmförderungen zusammengelegt werden, lässt sich in Hessen gerade in absurdester Form verfolgen.

Hessen Teaser

Hessische Landespolitiker und Bürokraten unter Führung des Kunstministers Boris Rhein sollen dem Hessischen Rundfunk in einer geheimen Nebenabrede ab 2016 eine Abzweigung von jährlich mindestens 700.000 Euro aus der Filmförderung zugesagt haben – so bestätigten es critic.de mehrere unabhängige Quellen. Diese Mittel werden demnach künftig direkt in Fernsehproduktionen fließen. Ziel des Versprechens: Der Sender soll sich an der neuen GmbH beteiligen, unter deren Dach die drei bisher getrennten Filmfördertöpfe zusammengeführt werden. De facto läuft die Neuordnung somit auf eine Reduzierung des kulturellen Etats um etwa ein Drittel hinaus.

Mehr Fernsehen, weniger kulturelle Filmförderung

Wie dieselben Quellen aus dem Umfeld der Verhandlungen berichten, ist dieser massive Eingriff in die zuvor mit der Branche vereinbarten Ziele den Politikern aus Versehen passiert. Es wäre lustig, wenn es nicht so bitter wäre: Offenbar haben die Verantwortlichen nicht überblickt, dass die dem HR gegenüber zugesagten TV-Mittel sich nicht aus der wirtschaftlichen Förderung speisen können, weil Fernsehfilme dafür in aller Regel gar nicht antragsberechtigt sind – denn sie erfüllen in den seltensten Fällen die Auswertungsbedingungen, durch die das vorgeschriebene Recoupment möglich wird. Diese Details zeigen eindrücklich, wie ungeschickt in Hessen operiert wird. Und das, obwohl die Filmförderung dort bisher von einer vorteilhaften rechtlichen Konstruktion profitiert, die den Hessischen Rundfunk zur Filmförderung verpflichtet – in Höhe von 750.000 Euro. Geld, das aktuell nach kulturellen Gesichtspunkten von einer Jury vergeben wird, just aber nicht an Fernsehproduktionen. Die anstehende Reform wird nach derzeitiger Planung diese Besonderheit kippen. Wie andernorts in Deutschland soll künftig auch hier das Prinzip greifen, dass Fernsehsender, so gut es geht, die Mittel wieder herausbekommen sollen, die sie in die Filmförderung stecken. Selbst wenn nicht HR-Produktionen alleine von dieser Reservierung der Mittel profitieren werden, erhöht sich der Nutzen fürs Fernsehen dramatisch.

Ob sich an all diesen Verschlechterungen nun noch etwas ändern lässt, ist vor allem vor dem Hintergrund fraglich, dass Minister Rhein ohnehin keinen Unterschied zwischen künstlerischen Ambitionen und Fernsehwirklichkeit macht. So behauptet er, der von ihm gewählte neue Geschäftsführer der Hessen Film und Medien GmbH, Hans Joachim Mendig, habe „neben einer künstlerischen Ader auch unternehmerische Kompetenz“. Das ist ideologischer Sprech für: Er wird sich nicht von künstlerischen Fragen aufhalten lassen. Ein Blick auf Mendigs Filmografie gibt einen Vorgeschmack darauf: Verantwortlich zeichnet er ausschließlich für Fernsehserien wie Ein Fall für zwei, Der Staatsanwalt oder Die Kommissarin und einen Fernsehfilm. Die Filme, für die er als Kino-Koproduzent mitverantwortlich gewesen sein soll, führen ihn laut IMDB allesamt nicht im Abspann auf – auf Wikipedia ist seine Beteiligung entsprechend als „uncredited“ ausgewiesen. Seine Kinoproduktionserfahrung dürfte insofern deutlich bescheidener sein als behauptet. Mit der internationalen Kino- und Festivallandschaft, wo sich ambitionierte Filme behaupten müssten, scheint er kaum in Kontakt gekommen zu sein. Dreister ist aber noch, wie sich Minister Rhein sogar schriftlich die Wahrheit zurechtgedreht hat: Auf die Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Janine Wissler hat er geantwortet, die Entscheidung für den Geschäftsführer sei dadurch erfolgt, dass sich „die Mehrheit der Findungskommission einvernehmlich für den Bewerber M. ausgesprochen hatte“. Eine Beschreibung, die offenbar verschleiern soll, dass die Entscheidung gar nicht innerhalb der Findungskommission, sondern im Ministerium gefallen ist. Immerhin haben dieser Darstellung des Hergangs bereits im Vorfeld Branchenvertreter und der HR widersprochen.

Bereits früh wurde vermutet, dass bei der Wahl Mendigs persönliche Verbindungen eine Rolle gespielt haben, da bereits der Wunsch zur Einladung in die Findungskommission offenbar nur vom Ministerium ausging. Eine persönliche Verbindung des Ministers zu Mendig, der ein Freund des PR-Beraters Moritz Hunzinger ist, den wiederum Boris Rhein als Anwalt vertreten hat, verneint der Minister in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage allerdings. Interessanterweise war das aber gar nicht die Frage, sondern vielmehr, ob „ausgeschlossen werden [kann], dass etwaige persönliche Verbindungen des Kultusministers Boris Rhein bei der Auswahlentscheidung eine Rolle spielten“. Alles nur ein großer Zufall?

Die Interessen der Ministerialbürokratie

Was die Konflikte letztlich ausgelöst hat, ist ein Trauerspiel deutscher Filmpolitik und ein kurzsichtiges Gerangel um mehr Macht für den zuständigen Minister und seine Ministerialbürokratie unter Abteilungsleiter Günter Schmitteckert. Abzusehen ist laut den Vorgesprächen bereits jetzt, dass die neue GmbH und deren Geschäftsführer dem Land gegenüber viel direkter weisungsgebunden sein werden, als das bisher der Fall war. Das ist das, was man im Zuge der Neuaufstellung der meisten Filmförderungen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nach und nach beobachten konnte. Unter dem Diktum von Synergie und Effizienz und dem ideologischen Mantra, dass Film immer gleichzeitig Kultur- und Wirtschaftsfaktor sei, wurde die eigentlich vom Grundgesetz vorgeschriebene Neutralität des Staates in der Kunst aufgegeben.

Diskutiert wird auch über die künftige Besetzung der Jurys. Dass diese bei der kulturellen Filmförderung im Gegensatz zur wirtschaftlichen Förderung bislang ohne Bürokraten und Politiker auskamen, scheint ebenjenen ein Dorn im Auge. Auch hier soll der Einfluss des Landes steigen. Dies könnte sich an der bisherigen Jurypraxis bei der wirtschaftlichen Förderung orientieren. Deren letzte Entscheidungen fielen unter dem Vorsitz von Günter Schmitteckert.

Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich die Beschreibung des aktuell höchstgeförderten Projekts der HessenInvestFilm mit dem klangvollen Namen Fixi, laut Pressemitteilung der Förderer eine „High-Concept-Comedy“ mit folgender Story: „Auf dem Abi-Ball schenkt ihm sein Erzfeind eine Gummipuppe und macht Tom damit zum Gespött der Schule. Doch als die Puppe ‚Fixi‘ plötzlich über Nacht zum Leben erwacht, verändert sich alles schlagartig. Mit ‚Fixi‘ an seiner Seite ist Tom auf der Überholspur des Lebens, bis er merkt, was eigentlich wirklich wichtig ist.“ Fördersumme: 700.000 Euro von insgesamt 1,2 Millionen Euro. Regie führt Fünf Freunde- und Rock It!-Regisseur Mike Marzuk. Wenn das nicht nach filmischer Ödnis made in Germany klingt, was dann?

Einigkeit in der Branche?

Mit dem Deutschen Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt, der Caligari FilmBühne in Wiesbaden, engagierten Kinos wie dem „Mal Seh’n“ in Frankfurt oder kleineren Institutionen wie der Kinothek Asta Nielsen und einer Reihe Festivals wie Exground, Kasseler Dokfest, Lichter Filmfest, Nippon Connection und GoEast ist Hessen ein im Bundesvergleich an Kinokultur reicher Ort. Tatsächlich werden zwar nicht alle diese Institutionen aus Landes-Fördermitteln unterstützt, die Neuausrichtung stellt das bisherige – ohnehin prekäre – Gleichgewicht aber infrage. Bereits jetzt sind viele Festivals unterfinanziert und müssen zum Teil seit über einem Jahrzehnt ohne Erhöhung ihrer Mittel auskommen.

Alle Befürchtungen der lokalen Filmbranche, ihre Lage könnte sich durch die Neuordnung verschlechtern, wurden von den Landespolitikern in den Details getoppt. Denn neben der Ausrichtung, den Jurybesetzungen und der Personalentscheidung geht es auch um wichtige formale Fragen, die bis heute, obwohl die GmbH nun am Donnerstag, den 1. Oktober ganz offiziell gegründet wurde, noch immer nicht gelöst sind. Die Satzung der GmbH wird vielleicht auch aus diesen Gründen bislang wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Zu den offenkundigen Problemen gehört etwa, dass die wirtschaftliche Förderung nicht aus Haushaltsmitteln, sondern aus mit Zinsen belegten Bankkrediten zur Verfügung gestellt wird und deshalb mit anderen Landesförderungen nicht ohne Weiteres kombinierbar ist. Das schweißt zusammen: Die hessische Filmbranche, die nach fruchtlosen Gesprächen mit dem Minister eine Resolution verabschiedet hat, steht nach außen in großer Einigkeit da, was angesichts der intern durchaus verschiedenen Interessen und Arbeitsschwerpunkte beachtlich ist.

Zusammengeschlossen haben sich die Vereinigung der Hessischen Filmwirtschaft, das Film- und Kinobüro Hessen, die AG DOK und das Filmhaus Frankfurt. Als InitiativeHessenFilm haben sie in einer Resolution den Hergang aus ihrer Perspektive beschrieben, es ist von „schwerwiegendem Vertrauensverlust“ die Rede und einem „empfindlichen Rückschlag“, der für das Filmland Hessen zu befürchten sei. Sie „protestieren daher aufs Schärfste gegen die alarmierenden aktuellen Entwicklungen“ und fordern „die zeitnahe Umsetzung der verabredeten und dringend notwendigen Maßnahmen“, darunter die Umwandlung der Kredite in Haushaltsmittel, die Garantie, dass die kulturelle Filmförderung nicht reduziert wird, und die dauerhafte Finanzierung des Hessischen Film- und Kinobüros „als zentrale kulturelle Organisation der Kinos, Festivals und Filmemacher/innen“.

Minister Rhein glaubt aber offenbar, die Probleme seien bereits gelöst. Auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche entgegnete er den Forderungen der Filmbranche, es solle „jetzt nicht nachtarockt“ werden. Was so viel heißt wie: Weitere Verhandlungen soll es nicht geben, ab jetzt wird durchregiert.

Kommentare zu „Hessen katapultiert sich in die Mitte der deutschen Filmödnis“


ule

Das Problem besteht auch darin, dass ausnahmslos Regisseure und Schauspieler jeden Murks mitmachen, jeden Mist spielen, weil gerade die Fernsehgagen exorbitant sind. Hier werden z.B. mal locker 5000 Euro für 1-2 Minuten Fernsehfilm Nebenszenen an mittelmäßige Frankfurter Theaterschauspieler bezahlt, die halt jemanden kennen und dafür 2-3 Tage am Set verpflegt werden. Die Perversion des Systems besteht darin, dass jeder noch so ambitionierte "Künstler" unter der Last der angebotenn GEZ -Kohle in die Knie geht und tief gebückt "Danke" ruft. Hier existiert kein Preis/ Leistungsverhältnis, hier wird die Perpetuum Mobile GEZ Maschine angeworfen, die nun auch noch die Filmförderung in den Schlund der Senderbürokraten zurück scheißt.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.