Ein großzügiger Begriff von Avantgarde – Videoex Zürich 2017

Ganzheitliche Erhabenheit und Filme, die fröhlich durchgeknallt ins Kraut schießen: Auf dem Zürcher Kasernenareal hat sich ein einzigartiges Experimentalfilm- und Video-Festival eingenistet. 

Fuddy Duddy

Das Kasernenareal ist einer von sehr wenigen nicht komplett durchoptimierten Orten in der Zürcher Innenstadt. Die langgezogenen Gebäude, die einst vermutlich wenigstens teilweise als Waffenkammern dienten (Erinnerungen an Berlin, wo die beiden wichtigsten Kinos, das Zeughaus und das Arsenal, ebenfalls nach Lagerstätten für Kriegsgerät benannt sind), schauen nicht direkt baufällig aus, aber sie sind doch recht düster. Drumherum recht große, irgendwie unförmige Grünflächen. Lang wird das nicht so bleiben, es existiert schon eine „Leitidee für das Kasernenareal“ mitsamt „Masterplan und Baurechtsvertrag“ für die Zeit nach 2020. Aber weil sich mittelfristig kein günstiges Geschäftsklima abzeichnet auf dem Kasernenareal, können sich vorläufig noch Outsider-Veranstaltungen wie das Internationale Experimentalfilm- und Video-Festival Videoex einnisten.

Das Videoex findet parallel zu Cannes statt – der cinephile Jetset ist also schon einmal nicht vor Ort. Nicht die schlechteste Voraussetzung für ein kleines, sich familiär anfühlendes Klappstuhlfestival, dessen soziales Zentrum weder der behelfsmäßig eingerichtete Kinosaal noch das behelfsmäßig eingerichtete Festivalzentrum ist (die beide ein wenig so ausschauen, vor allem wegen der Steinböden, als würden sie von den Räumen, die sie beherbergen, nur unter Vorbehalt geduldet – als ob hier eigentlich Kanonenkugeln gelagert, keine Filme gezeigt werden); sondern eine Wiese nebenan. Auf der hängen um einen Food Truck herum junge Leute ab, fast allesamt in ein wenig schlabbrigen Kunstszeneklamotten, wie man sie in Zürich sonst selten sieht; wer davon wegen des Festivals da ist und wer einfach nur unter seinesgleichen sein möchte, ist auf Anhieb nicht zu erkennen, das ist angenehm. Die Wiese ist jedenfalls auch während der Screenings voll.

Der Ausgangspunkt ist nicht das Bild, sondern Materie

As Without So Within-001

Das Festival hat einen Wettbewerb, der aktuellen Werken gewidmet ist, und eine Reihe von historisch ausgerichteten Nebenreihen. Der Begriff von Avantgarde, dem es sich verschreibt, ist vor allem in den Nebenreihen generös, da gibt es auch Platz für eine Hommage an den Dokumentaristen Jean Rouch, und im umfangreichen Special, das dem mexikanischen Filmschaffen gewidmet ist, sind neben Video- und 8mm-Entdeckungen Klassiker von Luis Buñuel und Alejandro Jodorowsky programmiert. Dennoch hatte ich mir vorgenommen, für einmal meinen Instinkten nicht zu folgen und auch einige neue Filme zu sehen.

Gelohnt hat sich das vor allem für ein Wettbewerbsprogramm, das mit „Images Dissolving“ überschrieben ist. Das bringt etwas auf den Punkt, was ich mir immer wieder gedacht habe beim Filmeschauen auf dem Videoex: Es gibt Avantgardefilme, die ganz genau, oft ein wenig zu genau wissen, was das ist: das filmische Bild. Und es gibt solche, die das fast überhaupt nicht wissen und die tastend, neugierig danach suchen. Beide Sorten von Filmen entfernen sich vom „Normalfilm“ in unterschiedliche Richtungen, die erste entgrenzt sich ins Überwachungsbild und Datenmanagement, die zweite idealerweise ins Leben. Fuddy Duddy von Siegfried Fruhauf ist ein Film der ersten Sorte, aber einer, der sich gewissermaßen über sich selbst und seine Kontrollwut lustig macht. Der Film geht von einer Gitterstruktur aus, weiße Linien auf schwarzem Leinwandgrund. Mal vervielfältigen sich die Linien, mal reduzieren sie sich wieder auf ein simples Kreuzmuster. Das Bild beginnt zu pulsieren, immer schneller, bis sich irgendwann der absurde Effekt einstellt, dass man meint, einen 3D-Film zu sehen, der dennoch keine Räumlichkeit hat. Alle Energie strebt zur Bildmitte hin, der Film findet eine Art Essenz der Zentralperspektive, die gleichzeitig völlig ortlos ist, die nichts perspektiviert außer immer wieder sich selbst.

Fruhauf arbeitet normalerweise analog, aber Fuddy Duddy ist ein digitaler Film, und in dem Fall ist das eine Notwendigkeit, weil der Film nichts anderes macht, als seine eigene Pixelstruktur radikal zu Ende zu denken. Die suchenden, neugierigen Filme sind nicht immer, aber meistens analog (zumindest, siehe unten, in der Theorie). Der schönste, und überhaupt mein Liebling des Festivals, läuft ebenfalls im „Images Dissolving“-Programm: As Without So Within von Manuela de Laborde. Der Ausgangspunkt ist nicht das Bild, sondern Materie. Die freilich selbst immer schon Kino- oder jedenfalls Illusionsmaterie ist: De Laborde filmt Bühnen- beziehungsweise Filmrequisiten, die man allerdings, wenn man das nicht weiß, nicht als solche erkennt. Man sieht nur, dass da Gegenstände (aber eben: nicht-gegenständliche Gegenstände) sind, die mit Farbe, Licht, Rhythmik und auch mit der spezifischen Materialität des 16mm-Filmstreifens bearbeitet werden. Die Oberflächen, Kurven und Texturen der Materie sind nichts Gegebenes, sondern werden erst vom modulierten, modulierenden Blick der Kamera hergestellt. Andererseits ist aber auch der Film nichts ohne die Materie, die er filmt, deren Lichtreflexionen sich ihm einprägen. As Without So Within gelingt es, diese Anordnung komplett in der Schwebe zu halten: Nie verfestigen sich die seltsamen Dinge vor der Kamera zu handhabbaren Objekten, nie verkommen die filmischen Operationen zu bloßen, instrumentalisierbaren Effekten.

Mit dem Format des Kurzfilmprogramms tue ich mich oft schwer, selbst dann, wenn sie, wie auf dem Videoex, sorgfältig zusammengestellt sind – eigentlich profitieren fast alle richtig guten Filme davon, wenn sie alleine für sich gezeigt und gesehen werden, ganz egal, wie kurz sie sind. Im Fall von As Without So Within gilt das nur bedingt; es tut schon auch irgendwie gut, nach 25 Minuten gewissermaßen ganzheitlicher Erhabenheit mit Filmen konfrontiert zu werden, die fröhlich durchgeknallt ins Kraut schießen. In diesem Fall wäre das zum Beispiel Mad Ladders von Michael Robinson, der Tanzchoreografien von Bubblegum-Pop-Performances so lange verfremdet, bis sie ausschauen wie audiovisuelle Botschaften einer fremden, dezent beknackten Zivilisation.

Unheimlichwerden des Körpers

Anticlimax 1

Das Länderspecial zu Mexiko holt weit aus, bis zurück zu Eisenstein. Ein Festivalhighlight ist Anticlimax (1973), der einzige Film des multimedial aktiven Künstlers Gelsen Gas. Eine Seventies-Underground-Odyssee, die offensichtlich eng verknüpft ist mit den gegenkulturellen Bewegungen der Zeit. Mit dieser Art von Avantgardefilm tue ich mich sonst oft eher schwer – ich denke mir dann immer: Wäre sicher toll gewesen, damals dabei gewesen zu sein, aber da ich nun einmal nicht dabei war, fehlen mir die Bezüge, auch die Erfahrungen, die erst die Bilder lebendig machten. Aber bei Anticlimax ist das ganz anders, das wirkt eher wie ein generöser Bewusstseinsstrom, der sich gegen Ende zu einer Art Liebesgeschichte formt, die sich aber über weite Strecken einfach nur von Einfällen und Zufallswahrnehmungen treiben lässt: Wohin fällt wohl der Blick eines kleinen Jungen in einem überfüllten Bus? Wie wäre es, wenn die Fabriken tatsächlich Blumen statt Gewehre herstellten? Und auch die Liebesgeschichte stellt den Film nicht still. Eine Kussszene wechselt plötzlich in die Röntgenbildansicht; wenn man dann sieht, wie sich zwei Totenköpfe röchelnd gegenseitig beharken, bekommt man es mit der Angst zu tun.

Dann noch das Programm „Women in Mexican Video Art“. Im Gedächtnis bleiben wird mir vor allem Table Garden von Silvia Gruner: Die Kamera ist zu Füßen einer tanzenden Frau platziert und filmt senkrecht nach oben, die Zuschauer blicken ihr also direkt aus der klassischsten aller Voyeursperspektiven unter den Rock. Wer auf eine dialektische Pointe wartet, die einem die eigene Schaulust heimzahlt, wird enttäuscht; wer sich einfach nur der Schaulust ergeben möchte, allerdings auch. Es geht weder um ein Blickverbot noch um einen verbotenen Blick, sondern um das Unheimlichwerden des Körpers. Die rhythmischen Bewegungen der im Bild nicht auf dem Boden verankerten Beine und die perspektivische Verzerrung, die sich aus der ungewohnten Positionierung der Kamera ergeben, verwandeln die Frau in eine Art Maschine, die nach unbekannten Gesetzen funktioniert.

Was sich zu retten lohnte

Mad Ladders

Das Videoex ist die einzige Veranstaltung ihrer Art landesweit. Anders als in Österreich, wo das experimentelle Filmschaffen fast schon zur nationalen Identität gehört, hat das Avantgardekino in der Schweiz keinen guten Stand. Besonders, was die Überlieferung angeht. Vor ein paar Jahren hatte es sich das Forschungsprojekt „Schweizer Filmexperimente 1950–1988“ zur Aufgabe gesetzt, überhaupt einmal zu eruieren, was es alles gegeben haben könnte und was eventuell noch zu retten wäre. Ein paar ausgewählte Werke wurden seither gesichert, aber es gäbe noch viel zu tun. Dass sich das lohnen würde, zeigt ein Special, das Werner von Mutzenbecher gewidmet ist.

Von Mutzenbecher ist für gewöhnlich höchstens als bildender Künstler bekannt, er dreht aber auch Filme, schon seit den späten 1960er Jahren. Gleich der erste, den ich auf dem Videoex sehe, ist ein Meisterwerk: Für XX/88 Pelcyn besuchte von Mutzenbecher seinen in Polen gelegenen Geburtsort. Bilder von heute (beziehungsweise: von 1988, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks) überlagern sich mit historischen Fotografien und mit einem eingesprochenen Text, der wiederum flüssig zwischen den Zeiten hin und her wechselt. Ziel der Bewegung, die Bild und Ton eher je für sich als gemeinsam unternehmen, ist aber gerade nicht das Imago der Kindheit; der Film entfernt sich bald wieder von dem Gutshof, auf dem der Regisseur aufgewachsen ist, er schweift ab, ins urbane Polen, und schließlich landet er auch in Auschwitz. Zuerst dringen nur Bilder des Lagers in den Film, als Störgeräusche fast, der Text ist noch anderswo, aber die Bilder insistieren und werden dann irgendwann auch von der Sprache registriert.

Nur im Kassenbereich keine Computer

Cilaos

Die Eingangspointe, die ich mir zurechtgelegt hatte für diesen Text, sollte eigentlich ungefähr folgendermaßen lauten: Absurd, dass ausgerechnet ein Festival mit „Video“ im Namen der analogen Technik die Treue hält, während ringsherum (nicht zuletzt in Cannes) sogenannte Filmfestivals sich komplett dem digitalen und damit eben filmlosen Kino verschreiben. Sehr gut dazu gepasst hätte das absurde Videoex-Ticketingsystem. Die Eintrittskarten werden an der Festivalkasse in Handarbeit zusammengebastelt, eine nach dem anderen: Wenn man sich eine Vorstellung anschauen möchte, ziehen die (dabei keineswegs genervt wirkenden) Mitarbeiterinnen den Ticketaufdruck des betreffenden Programms von einer Folie ab und befestigen sie auf einem Papierstreifen. Im ganzen Kassenbereich gibt es keinen Computer.

In der Vorführkabine allerdings leider schon. Schätzungsweise die Hälfte der analog angekündigten Filme wurden digital vorgeführt, teilweise in Fassungen, die nach besserem YouTube ausschauen. Ich kann zum Beispiel nicht behaupten, dass ich Daphné Hérétakis’ melancholische Revolutionsetüde Les algues dans tes cheveux wirklich gesehen hätte; und Camilo Restrepos mysteriös-sinnliches Mini-Musical Cilaos, in dem Christine Salem unter anderem von gutem, rauem Sex singt, wird in digitaler Form zumindest um einen guten Teil seiner tiefen, gähnenden Schwärze betrogen.

Seit ich eine Weile in einem Kino gearbeitet habe und weiß, wie schwer – und oftmals undankbar – es ist, Filmvorführungen zu organisieren, versuche ich, mich über solche Vorkommnisse nicht mehr allzu sehr zu ärgern. Man ist ja auch nicht gerne der ewig nörgelnde Materialfetischist, wenn die meisten anderen um einen herum auch mit Pixelbrei glücklich sind. Und doch: Wer heute noch die Mühe auf sich nimmt, mit analogem Filmmaterial zu arbeiten, gerade im Underground- und Experimentalfilmbereich, wird sich genau überlegt haben, warum sie oder er das tut. Und dann sollte ein Festival, das sich diesem Bereich des Kinos verschreibt, doch eigentlich alles dafür tun, die Filme auch entsprechend vorzuführen.

Andere Artikel

Kommentare zu „Ein großzügiger Begriff von Avantgarde – Videoex Zürich 2017“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.