Zarte Parasiten

In ihrem zweiten Spielfilm erzählen Christian Becker und Oliver Schwabe von einem Pärchen, das als Geschäftsmodell die emotionale Prostitution praktiziert.

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Die heutige Gesellschaft ist verkommen und emotional verkrüppelt, weil in allen Bereichen merkantilisiert. Ob diese These zutrifft, soll hier nicht erörtert werden. Sie bildet jedoch die Basis, den Hinter- und Vordergrund für Zarte Parasiten, den zweiten Spielfilm von Christian Becker und Oliver Schwabe (Egoshooter, 2004).

Jacob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) entziehen sich dem System bürgerlicher Konventionen, indem sie im Wald hausen. Dort planen sie ihre Coups, die darin bestehen, emotional bedürftigen Menschen das zu verkaufen, was denen vermutlich fehlt: Gefühl und Nähe. So pflegt Manu eine sterbende alte Dame, die einsam und bettlägrig in einem Häuschen lebt. Doch die Unterstützung geht über die übliche Altenpflege weit hinaus. Es ist vor allem die emotionale Zuwendung, die hier als Ware gehandelt wird. Denn die alte Dame erinnert sich gerne an ihre Jugend, betrachtet mit Manu alte Erinnerungen und lauscht mit verklärtem Blick melancholischer russischer Chansonmusik vom Plattenspieler. Und manchmal ist es auch der voyeuristische Reiz, der ins Warenspektrum gehört, etwa wenn Jacob und Manu vor den Augen der alten Frau den Geschlechtsverkehr vollziehen. Emotionaler Vollservice sozusagen. Dafür lässt sich Manu – in stillem Understatement – finanziell entlohnen.

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Jacob indes baut eine Beziehung zu dem Ex-Manager Martin (Sylvester Groth) und seiner Frau Claudia (Corinna Kirchhoff) auf. Das wohlhabende Ehepaar leidet am Trauma des durch tragischen Unfalltod verlorenen Sohnes. Dessen Rolle will Jacob übernehmen. Dass er dabei selbst in die emotionale Bredouille gerät, sein Sehnen nach familiärem Halt und Geborgenheit in Widerspruch mit dem gelebten Geschäfts- und Lebensmodell steht – ist einer der wenigen Konflikte des Films.

Christian Becker und Oliver Schwabe versuchen ihre ambitionierten Thesen aus einer abstrahierenden Distanz abzuhandeln, weshalb bevorzugt zu episodischer Erzählweise und kargem Dialog gegriffen wird. Bewusst lassen sie Erklärungen weg, die Figurenzeichnung bleibt rudimentär und die behaupteten Zustände bleiben ohne Beleg. Erst nach und nach entsteht ein Gesamtbild, das jedoch überdeutlich linear, konstruiert und schematisch anmutet: Freiwilliges Leben im Wald als symbolische Abkehr von zivilisierter Sesshaftigkeit und Eremitendasein als Ausdruck von Nonkonformismus.

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Die für eine Gesellschaft in Schieflage zitierten symptomatischen Beispiele, wie Altersvereinsamung mit Vergangenheitsverklärung einerseits oder Trauer ob des Verlusts eines Kindes kombiniert mit erheblichem finanziellen Wohlstand andererseits, sind nur teilweise sinnstiftende Parabeln auf den Zustand der Welt.

Zarte Parasiten scheitert am Unvermögen, die vordergründigen Krisen- und Figurenmodelle in eine adäquate Ästhetik oder ausgewogene Narration zu betten. Zwar setzen Becker und Schwabe der episodisch-kontextlosen Erzählung die Macht des Visuellen entgegen, doch teilen die Bilder von Oliver Schwabe ihr Schicksal mit der dramaturgischen Schwäche des Drehbuches: Wenn es etwa während des gemeinsamen Joggens zwischen Jacob und Martin zum emotionalen Bruch kommt, Martin das Lauftempo erhöht und Jacob mit perspektivischer Tiefenschärfenverlagerung zurückfällt, dann ist dies derartig derb akzentuiert, das sich ein für diesen Film gemeingültiges Prädikat aufdrängt: Zarte Parasiten leidet hoffnungslos an „akutem Mangel an Subtilität“.

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Womöglich würde Zarte Parasiten nicht dergestalt havarieren, hätten sich die Autoren dazu entschlossen, ihre gesellschaftskritische These wie auch ihre Figuren mit mehr Konturen, mehr Fabel und Inhalt auszustatten. So aber agieren leere und im Ausdruck gleichförmige Personen, an deren Schicksal der Zuschauer alsbald jedes Interesse verlieren kann.

Wenn am Ende Jacob und Manu mit Perücken getarnt an einer französischsprachigen Strandpromenade entlanglaufen, fühlt man sich einen Moment lang an Christian Petzolds Die innere Sicherheit (2000) erinnert. Ein Vergleich, den Zarte Parasiten nicht bestehen kann.

Trailer zu „Zarte Parasiten“


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