Unter Kontrolle

In seiner Dokumentation über Sicherheitsvorkehrungen in Atomkraftwerken schafft Volker Sattel ein Spannungsverhältnis zwischen imposanter Architektur und den gefährlichen Vorgängen, die in ihr stattfinden.

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Der Wandel, den das Image der Atomkraft im Laufe des 20. Jahrhunderts durchgemacht hat, lässt sich gut am Beispiel von Kraftwerks Song „Radioaktivität“ nachvollziehen. Als die Düsseldorfer Band 1975 Zeilen wie „Radioaktivität, für dich und mich im All entsteht“ sangen, fügte sich das harmonisch in ihre Begeisterung für neue Technologien und das industrialisierte Zeitalter ein. 1991, nach der Katastrophe von Tschernobyl, sahen sich die Musiker gezwungen, ihre affirmative Haltung zur Atomenergie zu überdenken. Der Text wurde abgeändert, und der neue Refrain lautete „Stoppt Radioaktivität, weil’s um unsere Zukunft geht.“

Volker Sattel hat sich in seiner Dokumentation Unter Kontrolle an Orte der deutschen und österreichischen Nuklearindustrie begeben und zeichnet diesen Imagewandel ebenfalls nach: Von der Nachkriegszeit, in der idealistisch von einem friedlichen Umgang mit der Kernenergie die Rede war, über das Aufkommen der Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1980er Jahren bis zu durchgesetzten Schließungen von Atomkraftwerken. Der Schwerpunkt des Films liegt aber auf den aktuellen Sicherheitsvorkehrungen und auf der Frage, wie sicher unsere Atomkraftwerke eigentlich sind.

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Dafür begibt sich Sattel in verschiedene Kraftwerke, lässt Experten – überwiegend Befürworter – zu Wort kommen und entzieht sich durch seine distanzierte Herangehensweise und den Verzicht auf ein Voice-over einer eindeutigen Wertung. Viele Sicherheitsvorkehrungen – etwa eine Nebelmaschine, die ein Atomkraftwerk im Ernstfall vor einem terroristischen Anschlag schützen soll – wirken durchaus plausibel. Es gibt aber auch reichlich Besorgniserregendes zu hören, etwa von den lockeren Kontrollmethoden der IAEO (Internationale Atomenergie-Organisation). Obwohl spätestens die Schlussszene keinen Zweifel an der Haltung des Filmemachers lässt, ist der Zuschauer überwiegend selbst gefragt, sich ausgehend von der Vielzahl an Informationen eine eigene Meinung zu bilden.

Es ist vor allem Sattels inszenatorischer Stil, der eine zwiespältige Haltung zum Gegenstand schafft. Die Entscheidung, den Film im digitalen Zeitalter auf 35mm und im Cinemascope-Verfahren zu drehen, verdeutlicht, wie viel Wert auf die Optik gelegt wurde. Mit der Ästhetisierung von Atomkraftwerken folgt Unter Kontrolle einer künstlerischen Tradition. Fotografen der Neuen Sachlichkeit wie Emil Otto Hoppé und Albert Renger-Patzsch stilisierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Bildern Fabriken zu Kathedralen der Neuzeit. Das Ehepaar Bernd und Hilla Becher spitzte diese Herangehensweise in den 1960er Jahren noch weiter zu. In ihren Typologien von Wassertürmen, Hochöfen und Fördertürmen betonten die Bechers die skulpturale Qualität von Bauwerken, die ursprünglich nach rein funktionalen Kriterien entstanden.

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In Unter Kontrolle betonen Aufnahmen von monumentalen Kühltürmen, dekorativen Schaltzentralen und dem Gewirr aus Rohren die imposante Schönheit dieser Gebäude und ermöglichen einen ambivalenten Blick auf die gefährlichen Vorgänge, die sich dahinter abspielen. Gerade in Filmen, die sich häufig auf sehr belehrende Weise mit Missständen wie den Schattenseiten der Globalisierung (Darwin’s Nightmare, 2004) oder den verborgenen Wegen der Lebensmittelindustrie (We Feed the World, 2005) beschäftigen, vermisst man diese differenzierte Perspektive. Dafür leidet Sattels Film unter einem dramaturgischen Problem. Zu viele verschiedene Themenbereiche werden angesprochen, und besonders gegen Ende wirkt es so, als müsse nur aus Gründen der Vollständigkeit jedes Atomkraftwerk in Deutschland besucht werden. Dabei hätten dem Film weniger Schauplätze und ein fokussierterer Blick gut getan.

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Faszinierend ist Unter Kontrolle dagegen dort, wo er Arbeitsvorgänge beobachtet – etwa das Wechseln von Brennstäben oder das Simulieren einer Alarmsituation mit neuen Mitarbeitern – und ungewohnte Einblicke gewährt. Teilweise sieht es im Inneren der Kraftwerke aus wie auf dem Set eines Science-Fiction-Films: wenn sich die Angestellten nach einem Arbeitstag in einem Glaskasten auf Verstrahlung testen lassen müssen oder wenn in der internen Wäscherei neben Arbeitskleidung und Kitteln auch die leuchtend gelbe Unterwäsche der Mitarbeiter gereinigt wird. Wirklich gruselig wird es dann, wenn sich die Kamera tief unter die Erde begibt, um ein Endlager für radioaktiven Müll zu zeigen.

Trailer zu „Unter Kontrolle“


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Kommentare


`Tobias N.

Wann und Wo läuft denn der Film?


Michael Kienzl

Soweit ich informiert bin, hat der Film noch keinen Verleih. Angesichts der aktuellen Ereignisse dürfte ihm ein Kinostart aber sicher sein.


Joachim Dreilich

Angesichts der Katastrophe in Japan sollte diese Doku möglichst schnell im Fernsehen gezeigt werden. Was steht dagegen?


Harald Mayr

Scheint ein Film zu sein, bei dem "der Zuschauer überwiegend selbst gefragt" ist.
Was sehr positiv ist!!!
Der Film kommt nur zu spät!
Jetzt haben wir unsere Energieversorgung schon gebeutelt wie einen Hund.


utopieTV

sehr sehenswerter Film, der die Genres Dokumentarfilm mit dem inszenierten Spielfilm vermischt. Präzise Bilder schauen hinter die Utopie der Atomkraft. Volker Sattel gelingt ein cineastischer Meilenstein.


Karin

Unter Kontrolle ist ab 26. Mai in den deutschen Kinos zu sehen! Mehr Infos auf der website zum Film






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