Un homme qui crie - Ein Mann der schreit

Die innere Verarmung: Mit einem so distanzierten wie genauen Blick gelingt Mahamat-Saleh Haroun ein subtiles Gesellschaftsporträt des Tschad.

Un Homme Qui Crie 01

Der Pool afrikanischer Luxushotels ist nicht selten ein ganz besonderer Ort: Laufsteg der Schönen und schön Gekleideten, Hinterzimmer gewiefter Schacherer, Wellnesscenter demoralisierter Entwicklungshelfer. Hier treffen alteuropäischer Luxus und postkoloniale Lebensfreuden aufeinander. In seinem Buch „Ein Sonntag am Pool in Kigali“ beschrieb Gil Courtemanche das Treiben rund um Ruandas einstiges in-Schwimmbecken als Mischmach aus matter Sexbesessenheit, zynischem Geprahle und versteckten politischen Machenschaften. Während sich die Poolgäste in den letzten Strahlen der Sonne räkelten, stieß man an nahegelegenen Tischen auf den baldigen Völkermord an.

Un Homme Qui Crie 02

Auch wenn der Tschad nicht gleich Ruanda ist: Der Pool in Mahamat-Saleh Harouns Un homme qui crie (Großer Preis der Jury letztes Jahr in Cannes) ist eine ebenso eigenartige Zwischenwelt, die, vollkommen abgetrennt von der harschen Wirklichkeit der tschadischen Hauptstadt N’Djamena, doch nirgendwo anders sein könnte als irgendwo in Afrika. Damit die Gäste so wenig wie möglich mitbekommen von Armut und Krieg (um umso besser darüber debattieren und entscheiden zu können), muss der Poolbereich immer perfekt sein: frische Handtücher, exakt positionierte Liegestühle, entspannte Atmosphäre.

Un Homme Qui Crie 03

Dafür zuständig ist Adam (Youssouf Djaoro), seit Jahren schon: Er ist der heimliche Geschäftsführer dieses Refugiums der Reichen, Weißen und Mächtigen. Je weniger er beachtet wird, desto besser erfüllt er seine Aufgabe; alles muss nur sauber sein und alle bei Laune. Adam ist sich der enormen Wichtigkeit seiner Arbeit bewusst, so unterwürfig und leise sein Verhalten am Pool ist, so selbstsicher ist sein Auftreten auf den Straßen und zu Hause. Aber die Idylle ist natürlich eine Illusion, die Trennwände zum wirklichen Leben sind dünn: Erst wird Adam von einem Tag auf den anderen durch seinen Sohn Abdel (Dioucounda Koma) ersetzt und zum Schrankenwächter des Hoteleingangs degradiert, dann rücken Rebellen auf die Hauptstadt zu, und jene UN-Soldaten, die noch eben wie sonnenverbrannte Jungs im Pool getollt haben, sind spurlos verschwunden.

Un Homme Qui Crie 06

Die Wahl eines solchen Schauplatzes sagt viel aus über Harouns subtilen und intelligenten Film. Anstatt Zusammenhänge und Zustände des afrikanischen Lebens unmittelbar auszusprechen, scheinen sie, auch wenn die Figuren mittendrin stehen, wie aus einer Art inneren Distanz betrachtet. Haroun bedient weder Klischees exotischer westlicher Träumereien, noch zeigt er explizite Armut und Brutalität, die man als Bewohner der westlichen Welt mit einem Land wie dem Tschad wohl zuallererst assoziieren würde. Aber auch vom schrillen Fließbandfilmemachen der Nollywoodschule grenzt sich Un homme qui cire ab, durch das reduzierte und ungemein charismatische Spiel seiner Darsteller ebenso wie durch eine ausgefeilte Bildsprache.

Un Homme Qui Crie 04

Das allmähliche Heranrücken des Kriegs wird nie gezeigt, stattdessen untermalen Radiodurchsagen und Fernsehberichte ein stetiges Verdunkeln der Atmosphäre, eine Schwere, die sich über die Figuren herabsenkt wie ein Starrkrampf. Die Gesichter, in immer größeren Aufnahmen immer stärker der Einsamkeit ausgesetzt, werden erst wütend, dann traurig und zuletzt stoisch. Als Abdel von der Armee verschleppt wird, kann Adam wieder zu seinem alten Job, seinem einstigen Lebensmittelpunkt zurückkehren. Aber er ist nicht schuldlos am Schicksal seines Sohnes, und so wie der Krieg das Land heimsucht, wird sein Gemüt von Reue zerfressen.

Un Homme Qui Crie 05

Das für ein afrikanisches Drama quasi unausweichliche Thema der Armut, Produkt globalisierter Ausbeutung und kriegerischer Selbstzerfleischung, schiebt Haroun dabei mitnichten beiseite. Statt jedoch den Weg der unmittelbaren Darstellung zu gehen, dringt er lieber ein in die Strukturen kapitalistischer Realität und untersucht deren Auswirkungen auf das individuelle Schicksal. Das willkürliche Spiel des „Hire and Fire“, die Verdammung des Älterwerdens, der Kampf aller gegen alle. Adams Charakter gleicht einer Synthese aus Emil Jannings Hotelportier (Der letzte Mann, F.W. Murnau, 1924) und Kevin Spaceys Lester Burnham (American Beauty, Sam Mendes, 1999): erst aufs Abstellgleis geschoben, dann aufmüpfig sich widersetzend, mit Sit-ups den alten Körper stählend. Materielle Armut jedoch ist niemals Quelle der Angst in diesem Film; beklagt wird die moralische Verwahrlosung, die mit ihr einhergeht.

Un homme qui crie ist ein bemerkenswerter Film, manchmal zwar fast schmerzhaft in seiner radikalen Handlungsverlangsamung, aber gerade dadurch wirkungsvoll. Am Ende des Filmes steht dann noch ein Satz des franko-karibischen Dichters Aimé Césaire: „Ein Mensch, der schreit / ist kein Bär, der tanzt.“ Besser könnte Mahamat-Saleh Harouns Weigerung, die Welt und ihr Elend direkt abzubilden, nicht zusammengefasst werden. Armut, Brutalität und zuletzt der Tod sind keine Zirkusnummern, sie anzugaffen heißt nicht, sie zu durchdringen. Wer sie nachempfinden will, muss Umwege in Kauf nehmen.  

Kommentare


Nino

Vielen Dank an Klaus Laabs für seine Korrekturhinweise bezüglich des Césaire-Zitats im letzten Absatz. Die Titel gebenden Verse lauten im Original: "[…] un homme qui crie n'est pas un ours qui danse". Der deutsche Verleihtitel übersetzt "homme" fälschlicherweise mit "Mann".






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.