The Stool Pigeon

Gescheiterte Existenzen, die mit ehrenhaften Absichten kämpfen: Dante Lam beweist ein weiteres Mal seinen souveränen Umgang mit dem Actiongenre.

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Dante Lam zählt zu den bekanntesten der jüngeren Regisseure des Hongkong-Actionkinos. Dabei ist er zwar nicht ganz so produktiv wie sein älterer Kollege Johnnie To, kommt aber wegen der in Hongkong üblichen schnellen Produktionszeit auch seit einer Dekade auf durchschnittlich einen Film pro Jahr. Zuletzt zeigte Lam mit The Beast Stalker (Ching Yan, 2008) wie er die Regeln des Actionkinos beherrscht, ohne das Genre von Grund auf erneuern zu wollen. Im Mittelpunkt seines Films stand ein nach Amores perros - Von Hunden und Menschen (Amores Perros, 2000) und L.A. Crash (Crash, 2004) bereits etwas abgestandener Plot: Die Backstories der unterschiedlichen Figuren waren um einen folgenreichen Autounfall konstruiert.

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Auch in seinem neuesten Film, The Stool Pigeon (Sin yan) greift Lam wieder auf bewährte Erzählmuster – vom Heist-Plot bis zum Drama zwischen Cop und Informant – und klassische Typen des Genres zurück. Sein Held etwa ist ein vom Leben gezeichneter, einsamer Wolf, so als wäre er einem Film Noir entsprungen: Der Polizist Don Lee (Nick Cheung) blickt auf ein traumatisches Erlebnis mit einem Informanten zurück. Wegen seinem Verschulden flog dessen Deckung auf und kostete dem Maulwurf fast das Leben. Einige Jahre später ist Lee erneut auf einen Informanten angewiesen. Der frisch aus dem Gefängnis entlassene Ghost Jr. (Nicholas Tse) wird als Fahrer für einen Coup des seit längerem gesuchten Gangsters Tai Ping (Philip Keung) eingeschleust und Lee setzt alles daran, dass sich die Ereignisse von damals nicht wiederholen.

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The Stool Pigeon ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Genrefilm aus Hongkong, voller visueller Extravaganzen und dramaturgischen Abschweifungen. Lam lässt die Kamera durch Hinterhöfe und die mit Neonreklame zugekleisterten Straßen Kowloons gleiten, wechselt zwischen Farbe und Schwarzweiß, verzerrt das Bild im Rausch seines Protagonisten und verwendet natürlich eine obligatorische Montagesequenz inklusive schwülstiger Ballade. Das Actionkino aus der ehemaligen britischen Kronkolonie war schon immer durchgestylter als die Filme in Amerika und zeigte keine Scheu vor überkonstruierten Erzählsträngen und klebrigem Kitsch. Gewissermaßen liegt in seiner Befreiung von Regeln des Hollywood-Kinos auch der Charme dieser Filme.

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Lam ist mit den Konventionen des Actionkinos aus Hollywood durchaus vertraut, beherrscht sie auch und setzt sich dann doch immer wieder über sie hinweg. Nicht nur einige Actionszenen folgen keinerlei erzählerischer Ökonomie – wie etwa ein spektakuläres Autorennen mit anschließender Verfolgungsjagd in den labyrinthischen Gängen eines Straßenmarktes –, auch die meisten Nebenerzählstränge führen ein von der eigentlichen Handlung unabhängiges Dasein. Wenn der Film etwa zeigt, wie der damalige Informant heute ein verrückter Obdachloser ist, der von Lee gepflegt werden muss, gleitet der Film in reine Sentimentalität ab. Im Grunde genommen manifestiert sich hier am deutlichsten die Hyperemotionalität des Films. Die Figuren leiden nicht nur ein bisschen, sondern agieren ihre Gefühle mit Leib und Seele aus. Letztlich ist The Stool Pigeon auch ein Film über tragisch gescheiterte Beziehungen, seien sie nun geschäftlicher oder privater Natur.

Immer wieder dringen melodramatische Elemente in den Film, beleben ihn und überfrachten ihn dann doch auch teilweise. Gerade wenn es darum geht, wie übel das Schicksal den Figuren mitspielt, zeigt sich Lam nicht gerade bescheiden. So reicht es etwa nicht aus, dass Lee seinen Informanten gefährdet hat, er ist auch für den Tod seiner Frau und ihres ungeborenen Kindes verantwortlich.

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Mit einigen Abstrichen muss man sich mit dieser überstilisierten Welt arrangieren, um die Qualitäten des Films schätzen zu lernen. Am besten ist The Stool Pigeon ohnehin wenn er sich auf seinen Haupterzählstrang konzentriert: Auf das zentrale Spannungsverhältnis zwischen Cop und Informant, Überwachungen, Verfolgungsjagden und die Vorbereitung des geplanten Raubes. In solchen Momenten zeigt Lam, dass er intensives Genrekino inszenieren kann, wie man es in Hollywood momentan nur selten findet. Spätestens mit dem atemberaubenden Schlussgefecht in einer leer stehenden Schule dürfte dann jeder überzeugt sein, dass Dante Lam nicht nur als solider Handwerker gelten kann, sondern auch in der Lage ist, auf gelungene Weise rasante Action und ganz großes Drama zu verschmelzen.

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