Soy Nero

Rafi Pitts stilisiert die Geschichte eines US-Soldaten ohne amerikanischen Pass zu einem Abgesang auf die Verheißungen der Wohlstandsgesellschaft.

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Immer sehen wir Nero rennen: über den Grenzzaun, in städtischen Wastelands, in der afghanischen Wüste. Nero ist ein Getriebener, ein chicano, einer, der von einer anderen, einer besseren Zukunft träumt. Davon, dass sich ehrliche Arbeit und Fleiß auszahlen, dass man es schaffen kann. In Kalifornien als Kind illegaler mexikanischer Eltern geboren und aufgewachsen, wurde er mit 18 aus den USA abgeschoben. Nun spielt er mit seinen Freunden Volleyball am Strand, das die Mannschaften trennende Netz ist der im Sand befestigte US-mexikanische Grenzzaun in Tijuana. Soy Nero geizt nicht mit Symbolen und lässt keinen Zweifel daran, worum es geht: die Migrationsbewegungen zwischen beiden Ländern sind ein jahrzehntelanges Dauerthema, eine Art Brennglas der Nord-Süd-Dynamik des amerikanischen Kontinents und seines beständigen ökonomischen Ungleichgewichts. In Rafi Pitts Soy Nero spiegeln sich all diese Widersprüche im Blick des jugendlichen Titelhelden. In der Euphorie einer Silvesternacht überquert er die Grenze nach Norden, auf der Suche nach einem neuen Leben.

Alles nur eine grande illusion?

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Zunächst legt Nero eine Stippvisite bei seinem Bruder Jesús ein. Dieser lebt in plötzlichem Reichtum in einer absurd ausstaffierten Villa in Beverly Hills und verspricht Nero, nach der Ankunft in den US of A sei endlich seine Zeit gekommen. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass Jesús lediglich als Haushälter der abwesenden Besitzer angestellt ist – alles Fake. Tags zuvor wird Nero beim Trampen noch von einem paranoiden Familienvater zugetextet, der ausgerechnet in Windrädern eine groß angelegte staatliche Verschwörung wittert: „Junge, sie verarschen dich nur. Darum geht es in diesem Land.“ Diese intelligenten Verschiebungen und Andeutungen verfeinern die episodenhafte Struktur des Films und geben Neros Geschichte den Kick eines freien Falls. Überall sind die Zeichen der grande illusion sichtbar, nur Nero glaubt in seinem unbeirrbaren Idealismus weiterhin daran, dass die USA tatsächlich sein Land, seine Bestimmung werden könnten. Als müsste der Anlauf nur groß genug sein, um das Wohlstandsgefälle einfach zu überspringen. Durch die losen Einbürgerungsversprechen des Militärdienstes angefixt, schreibt sich Nero schließlich mit dem Pass seines Bruders bei der Armee ein und findet sich unversehens im afghanischen Nirgendwo wieder, im Krieg.

Menschenmaterial und Wohlstandsmüdigkeit

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Soy Nero ist ein Film, der klar macht, was er will: „Nero“ bedeutet „schwarz“, und genau das wird Pitts’ Protagonist wohl immer bleiben. Denn das migrantische Begehren nach Aufstieg, diese tatsächliche Energie Neros, wird schlicht verbrannt und verausgabt wie eine fossile Ressource. Als menschliches Material verheizt in einem Krieg am anderen Ende der Welt. Die Weißen auf der anderen Seite (es gibt nur sehr wenige in Pitts’ Film) sind auch am Ende ihrer eigenen Ära angekommen: Verschwörungstheoretiker, rassistische Polizisten und ein depressiver Sergeant, der freiwillig in den Tod geht. Ist das die Wohlstandsmüdigkeit, die Selbsthass produziert? Für Perspektiven auf das, was eine künftige Gesellschaft ausmachen könnte, fühlt sich Soy Nero also definitiv nicht zuständig. Vielmehr benennt der Film grundlegende Machtverhältnisse, Rassismus, moderne Urdynamiken, die ganze Gesellschaften aufreißen und insgesamt für die kapitalistische Deterritorialisierung stehen, in der sich die Welt befindet. Pitts’ verbildlichte Interpretation des großen Migrationsversprechens lautet: Man kommt niemals irgendwo an.

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