Sommer der Liebe

Wirre Handlung, dilettantische Schauspieler, filmische Anarchie: Hurra, es ist ein Wenzel Storch!

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Orleander (Jürgen Höhne) ist ein Missionar im Auftrag der Bewusstseinserweiterung. Im Jahr 1971 streift er durch die Lande und verkündet in breitem Sächsisch seine absurden Thesen. So lehrt er zwei Nonnen seine Version von Nächstenliebe und verwandelt ihr Kloster in eine Disco. Bald wird Orleander zu einer Art Guru für alle Langhaarigen, die Frauen reißen sich um ihn, und selbst die Blumen sind glücklicher als je zuvor. Inmitten dieses Universums aus seliger Heiterkeit treibt ein Kannibale sein Unwesen und verarbeitet unschuldige Blumenmädchen zu Popwurst. Wenzel Storch hat mit Sommer der Liebe einen Film gemacht, der hält, was der verworrene Inhalt verspricht: Anarchie und Exzess lauten die Schlagworte. Wenn man sich auf diesen Film einlassen will, ohne Storchs Vorliebe für LSD zu teilen, sollte man sich daher erst einmal von der Annahme verabschieden, Sommer der Liebe schenke den Gesetzen des Films auch nur eine Sekunde lang Aufmerksamkeit. Im Gegenteil. Die Gesetzmäßigkeiten von Kameraführung, Drehbuch und Regie sind Wenzel Storch herzlich wurscht. Er schreibt sich stattdessen seine eigenen Lehrbücher.

Was dabei herauskommt, ist visualisiertes Kopfkino, das nicht gefallen will und letztlich fast unbeschreiblich bleibt. Mit kindlicher Freude öffnet der Film wahllos Assoziationsräume, fordert den Zuschauer heraus, bis zu dessen Kapitulation. Was der Regisseur Acidprop statt Agitprop nennt, wird einerseits offensichtlich durch die allgegenwärtigen psychedelischen Tapeten und übersättigten Farben und zeigt sich andererseits durch die stark symbolisierte Handlung. Wie schon in seinem Erstling Der Glanz dieser Tage (1989) und seinem neuesten Werk Die Reise ins Glück (2004) spart Storch dabei nicht mit satirischen Seitenhieben gegen die katholische Kirche. Wenn die beiden Nonnen Orleander zur Adventszeit mit Plätzchen überschütten, bis ihm schlecht wird, gibt Storch damit seinen ganz eigenen Kommentar zu christlicher Nächstenliebe ab. Bei einem Fotoshooting mit den Nonnen verhält sich Orleander wie das Klischee eines notgeilen Modefotografen und erinnert dabei an Thomas (David Hemmings) aus Michelangelo Antonionis Blow Up (1966). Letztlich bleibt ein Großteil der Handlung konfus und ist so schon fast beliebig interpretierbar. Als Autorenfilmer im ureigensten Sinne macht Storch, was ihm gefällt. So sind wohl auch die Ausflüge in die Welt des Gore, samt Kannibalen und Popwurst, zu verstehen.

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Technisch übt sich Sommer der Liebe an einer lustvollen Collage von Videoclipästhetik, Animation und Zeichentrick. Dieser Meta-Charakter des Films setzt sich im Einsatz von Hans Paetsch’ hörspielartigen Kommentaren fort. Darüber hinaus übernimmt Storch seine nachsynchronisierten Dialoge teils aus der Zeitschrift „Wochenend“ oder lässt sich von „Praline“- und „BRAVO“-Fotostorys inspirieren. Der Film wird so zum Dokument fast vergessener Sprachentgleisungen aus der Jugendzeit des Regisseurs. Storch lässt seinen Protagonisten Partytipps an dessen Jünger verteilen und legt ihm dazu einen Text aus Deutschlands ältestem Jugendmagazin in den Mund. Dabei entlarvt er die Flower-Power-Bewegung als sich selbst reproduzierende Kommerzveranstaltung.

Obwohl für Storchs Filme erst noch eine eigene Schublade gezimmert werden muss, sind der Einsatz von Laiendarstellern, Minimalbudget und Sperrmüllrequisite offensichtliche Merkmale des Trash. Die wackelige Kameraführung wirkt über die volle Spieldauer dann allerdings doch etwas ermüdend. Die Idee, beim Zuschauer auf diese Weise einen Drogenrausch zu evozieren, wäre auch verständlich geworden, ohne dass man das über 84 Minuten dehnt. Der Film verliert hier seinen herausfordernden Gestus und strengt zuweilen nur noch an.

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Auch wenn filmische Grenzüberschreitung in Deutschland noch lange nicht die Akzeptanz wie etwa in Großbritannien genießt – der oft gezogene Vergleich zwischen Wenzel Storch und Terry Gilliam lässt hoffen, dass sich dieser Umstand auch hierzulande ändert. Denn ebenso wie Gilliam hat Wenzel Storch einen unverwechselbaren Stil etabliert, mit dem man sich unbedingt auseinandersetzen sollte. Umso erfreulicher ist es, dass sich nach 19 Jahren ein Vertrieb an die Neuveröffentlichung von Sommer der Liebe gewagt hat und somit einer unterrepräsentierten Spezies des deutschen Films ein Podium gibt.

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