San Domingo

Ein verkannter Film von Hans-Jürgen Syberberg, der sich trotz seines Potenzials in keiner 68er-Retrospektive findet. Die eigenwillige Mischung aus Kleist-Adaption und Dokumentation über junge Außenseiter ist nun endlich auf DVD erhältlich.

San Domingo

In Deutschland blieb Hans-Jürgen Syberberg bis heute die Anerkennung verwehrt, die ihm für sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre gebühren würde. Im Gegensatz zu Frankreich und den USA, wo besonders die aus Ludwig – Requiem eines jungfräulichen Königs (1972), Karl May (1974) und Hitler – Ein Film aus Deutschland (1977) bestehende „Deutsche Trilogie“ begeistert aufgenommen wurde, fühlte sich Syberberg in seiner Heimat stets missverstanden. Sein Misstrauen gegenüber der deutschen Kulturindustrie brachte ihn sogar dazu, die Veröffentlichung seines Gesamtwerks selbst in die Hand zu nehmen. Wo im DVD-Zeitalter Specials und Restaurierungen sonst längst selbstverständlich sind, geht es hier also darum, die Filme überhaupt erst verfügbar zu machen. Mit San Domingo (1970) ist nun ein bis heute selten aufgeführter und dadurch leider weitgehend unbekannter Film des Regisseurs erhältlich, der sowohl unschätzbares Zeitbild wie auch ungewöhnliches Beispiel des Neuen Deutschen Films ist.

Mit San Domingo offenbart sich bereits Syberbergs Interesse an deutscher Hochkultur und insbesondere an Heinrich von Kleist, dem er in den achtziger und neunziger Jahren noch zwei stilisierte Filmadaptionen mit Edith Clever widmete. Die tragische Liebesgeschichte aus Kleists Erzählung Die Verlobung in St. Domingo (1811) siedelt Syberberg jedoch nicht in einer künstlichen Bühnenwelt an, sondern im politisch aufgeheizten Klima des Jahres 1970. Michi (Michael König) flieht vor dem dekadenten Reichtum seiner Eltern in eine von Rockern, linken Studenten und anderen Freigeistern bevölkerte Kommune in der Münchner Vorstadt. Als die Rocker aus der Anwesenheit des neuen Gastes Profit schlagen und Lösegeld von seinen Eltern erpressen wollen, setzten sie Alice (Alice Ottawa) auf den etwas naiven jungen Mann an.

San Domingo

Die sich zwischen Michi und Alice entwickelnde Liebe bildet allerdings nur den roten Faden des Films. Dazwischen widmet sich San Domingo auf jene analytisch-dokumentarische und weitgehend undramatische Weise, wie man sie aus Syberbergs frühen Filmen kennt, dem Alltag seiner jungen Protagonisten. Der Film zeigt etwa, wie sich Alice als Fotomodell bewirbt und wegen ihrer dunklen Hautfarbe abgelehnt wird, wie Rocker und Studenten über die ständigen Schikanen der Polizei und eine geplante Revolte diskutieren und schließlich, wie jeglicher revolutionärer Geist während einer Drogenparty in Lethargie umschlägt. Auf der Tonspur rumpeln dazu die Improvisationen der legendären Krautrockband Amon Düül II als musikalische Entsprechung für Syberbergs ungewohnt freie filmische Form. 

Abgesehen von Michael König und seinen Filmeltern stehen in San Domingo ausschließlich Laiendarsteller vor der Kamera, die sich mehr oder weniger selbst spielen. Dass der Film trotz seiner technischen Unzulänglichkeiten und rohen Form durchaus unterhaltsam ist, liegt vor allem an der Unbefangenheit und Natürlichkeit einiger Laien vor der Kamera. Neben der Wienerin Alice Ottawa als Heldin des Films beeindrucken besonders Rocker Hasi (Wolfgang Haas), der mit Lederweste und breitem Bayrisch den jungen Wilden gibt, sowie der auch heute noch als Schriftsteller und Haschpropagandist tätige Hans-Georg Behr, der mit seiner Idee für ein „deutsches Krüppelspiel“, dem Faible für ritualisierten Drogenkonsum und selbstgedichteten, grotesken Liedern für unvergleichlich absurde Momente sorgt.

San Domingo

In diesem undurchsichtigen Spannungsverhältnis aus Realem und Fiktivem ist nie so ganz klar, wo die Grenzen zwischen Dokumentation und Inszenierung liegen. Der vermeintliche Naturalismus einiger Szenen wird immer wieder durch artifizielle Augenblicke gebrochen. In stilisierten Zwischenspielen werden etwa Michis sich sorgende Eltern mit affektierter Gestik und vor der realitätsfernen Kulisse eines Schlosses als Überbleibsel einer vergangenen Ära inszeniert. Den absoluten Höhepunkt bei der Konfrontation zwischen verschiedenen Realitätsebenen erreicht der Film aber, wenn Michael König während einer Partyszene plötzlich aus seiner Rolle fällt, sich an die Kamera richtet und seinen Unmut über das mangelnde politische Bewusstsein seiner Figur äußert.

Wie in den meisten Filmen aus dieser Zeit wirkt die politische Gesinnung der Figuren aus heutiger Perspektive etwas naiv. Was San Domingo hinsichtlich seiner Entstehungszeit so bemerkenswert macht, ist die relativ neutrale Haltung Syberbergs gegenüber seinen Darstellern. Heute eckt der Regisseur zwar immer wieder mit rechtskonservativen Äußerungen in Feuilletons und eigenen Publikationen an, jedoch scheint die mangelnde Zugehörigkeit zur linken Szene damals Grund für seinen unverklärten Blick gewesen zu sein. Ohne seine Figuren vorzuführen, zeigt der Film schließlich eine Jugend, die völlig unfähig ist, sich für eine Revolution zu organisieren. Eine zwanzigminütige, ungeschnittene Szene in San Domingo zeigt, wie Mitglieder der Roten Zellen versuchen, mit den Rockern zu kooperieren, diesen jedoch mit ihren intellektuellen Phrasen nicht einmal annähernd ihren Standpunkt vermitteln können. Hier lässt sich auf geradezu schmerzhafte Weise beobachten, wie eine Revolution scheitert.

Kommentare


Stapelfeldt

Ein Glück, dass es noch so seltene Aufführungen als DVD gibt!


dillinger

nischenkino






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