Letztes Jahr in Marienbad – Kritik

Alain Resnais’ zweiter Spielfilm kann als Vervollkommnung der modernen und romantischen Einflüsse verstanden werden, die das Kino der Nouvelle Vague prägten.

Letztes Jahr in Marienbad

Letztes Jahr in Marienbad (L’année dernière à Marienbad, 1961) ist erneut das Ergebnis einer – stark mediatisierten – Zusammenarbeit mit einem Schriftsteller des Nouveau Roman: Alain Robbe-Grillet, der das Drehbuch schrieb, setzte diese Kinoerfahrung wie auch Marguerite Duras mit eigenen Regiearbeiten fort. Marienbad wurde auf den Filmfestspielen in Cannes abgelehnt, weil Alain Resnais das Manifest 121 von Jean-Paul Sartre zur Befreiung Algeriens mit unterzeichnet hatte. In Venedig erhielt der Film 1961 den Goldenen Löwen und avancierte schnell zum Kultfilm der intellektuellen Szene Frankreichs.

In einem gigantischen, schlossähnlichen Hotel, umgeben von einem riesigen Park, leben Menschen, die aus keiner Zeit zu stammen scheinen und die Resnais immer wieder statuarisch wie Einrichtungsgegenstände des Hotels arrangiert. Hier begegnen sich ein Mann X (Giorgio Albertazzi) und eine Frau A (Delphine Seyrig). Der Erzähler X versucht A – und den Zuschauer – davon zu überzeugen, dass sich die beiden bereits einmal begegnet sind. Und je mehr die Frau dies leugnet, umso klarer wird die Erinnerung des Mannes an die (vermeintliche) gemeinsame Vergangenheit: nicht nur eine zufällige Begegnung soll es gewesen sein, sondern eine leidenschaftliche Affäre, mit oder ohne Gewalt. Am Ende verlassen A und X gemeinsam das Hotel, aber man weiß nicht, ob das dieses oder letztes Jahr geschieht.

Letztes Jahr in Marienbad

Denn durch Zeitsprünge und Zeitverschiebung wird im Laufe der Geschichte jegliches Bewusstsein für Zeit innerhalb und außerhalb des Films systematisch aufgelöst. Die Geschichte bewegt sich in einer fortwährenden Gegenwart, die jeglichen Rückgriff auf Erinnerung unmöglich macht und den Film in eine autoreferenzielle Zeitlichkeit schließt. Marienbad ist eine zirkuläre Welt der Wiederholung und Symmetrie, in der die Figuren ohne Vergangenheit und Zukunft nur für die Länge des Films existieren.

Im vielleicht berühmtesten aller Anfänge der Filmgeschichte durchfährt die Kamera über vier Minuten lang die Gänge des Hotels, begleitet von der monologischen Litanei des männlichen Protagonisten, der die Einrichtung und den Zierrat des Gebäudes in rhetorischem Überfluss beschreibt. Letztes Jahr in Marienbad ist auch das Monument eines inhaltslos gewordenen kulturellen (Bilder-)Reichtums, das Resnais zu Ehren des Kinos errichtet, ein Film als Bildermausoleum, in dem die Schrift des Vorspanns an Grabsteine erinnert und wo die schwere Orgelmusik, die ein Schüler Olivier Messiaens für den Film komponiert hat, wie der Auftakt zu einer Totenfeier ertönt.

Letztes Jahr in Marienbad

Eine Allegorie auf den Tod, der in Gestalt von X die Frau mitnehmen will, eine Variation des Mythos von Orpheus und Eurydike, die Wahnvorstellungen einer an Amnesie leidenden Patientin in einer Psychiatrie oder auch das Traumata einer inzestuösen Vergewaltigung der jungen Frau – die unterschiedlichen Interpretationen des Films bleiben letztlich ein Spiel ohne Grenzen, das der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt und mit dem Film nie abschießend zur Deckung gelangt.

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