Jimmy's Hall

Ken Loach kehrt zurück in die junge irische Republik und injiziert ihr einen Schuss Harlem. So richtig ins Swingen kommt sein Film trotzdem nicht.

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Es wird geswingt in Irland. Genauer gesagt: in Jimmy's Hall, einem Anfang der 1930er Jahre wiedereröffneten Tanzschuppen, in dem sich die Jugend des Countys Leitrim nun endlich wieder austoben kann. Doch der Spaß wird bald filmisch unterbrochen. Schnitt auf einen Gottesdienst am nächsten Tag. Der ortsansässige Pfarrer Sheridan (Jim Norton) hat sich am Vorabend die Namen all derjenigen aufgeschrieben, die in Richtung Fest gelaufen sind, und verliest nun vor den Augen und Ohren der Gemeinde die Namen der gefallenen Jugendlichen. Ken Loach wechselt noch mehrmals hin und her zwischen diesen beiden Szenen, der ausgelassenen Feierei und dem streng-strafenden Gottesdienst. Die Parallelmontage hat nicht zuletzt etwas ungemein Komisches: der Gottesdienst als das verkaterte Erwachen nach dem Fest. Religiöse Denunziation statt Filmriss. Die Predigt von Sheridan kulminiert im bedrohlichen Satz: „Our community faces a choice. Is it Christ, or is it Galtron?“

Illegaler Ausländer in der Heimat

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Galtron? Nun, der vom eifrigen Kleriker als Antichrist denunzierte Jimmy Galtron ist der Held von Jimmy’s Hall. Seine von Loach und seinem Stamm-Autor Paul Laverty etwas ausgeschmückte Geschichte ist auch ohne Dramatisierung ziemlich spannend. Denn der politische Aktivist wurde 1933 in einem bis dato und seitdem beispiellosen Fall aus seiner Heimat Irland ausgewiesen – und zwar als „illegal alien“. Er durfte bis zu seinem Tod nicht zurückkehren. Galtrons Geschichte bietet Loach und Laverty darüber hinaus die Möglichkeit, zu ihrem letzten großen Erfolg zurückzukehren. Denn Jimmy’s Hall führt die historische Bewegung von The Wind That Shakes the Barley (2006) weiter. Nach dem Abkommen mit der britischen Regierung weicht der irische Unabhängigkeitskampf, der im früheren Film im Zentrum stand, schnell inner-irischen Konflikten. Mitten in dem auf den Waffenstillstand von 1921 folgenden Bürgerkrieg wird Galtron mehrmals verhaftet und flieht schließlich ins Ausland. Das erfahren wir durch eine kurze Rückblende. Der Film aber erzählt von seiner Rückkehr nach einem zehnjährigen Aufenthalt in New York.

Gegen die Heimat?

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Die Tanz-Predigt-Szene und der sich in ihr ausdrückende Konflikt warten mit einer für Loach eher untypischen Nuance auf. Denn der Priester ist nicht per se gegen Spaß und Musik, er will sich ja selbst eines der neuartigen Grammofone beschaffen. Er zieht vielmehr gegen die Art der Musik zu Felde, die Einzug in seine Gemeinde gehalten hat, und gegen die ihr zugehörigen Tänze, den Shim Sham, den Charleston, den Lindy Hop. Tänze aus der Fremde, und noch viel schlimmer: aus den USA. Der Pfarrer spricht von der „Los-Angelization“ Irlands und dem Verschwinden der „deepest roots“. Loach tritt hier ein gegen eine Überhöhung des Eigenen gegen das Fremde. Für einen Regisseur, der sich so häufig und leidenschaftlich in den anti-imperialistischen Kampf geworfen hat – von der CIA in Nicaragua bis zu der englischen Besatzung Irlands – schlägt er hier einen angenehm neuen Ton an.

Wenn ich nur tanzen muss, ist das nicht mein Film ...

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Natürlich haben die in die irische Folklore einbrechenden Bewegungen wenig mit Los Angeles zu tun und viel mit Harlem. Abgesehen von einer Montage aus Schwarzweiß-Fotografien aus dem New York der 1920er Jahre gleich zu Beginn, wird auf die Swingclubs des schwarzen Manhattan und die sich von dort über fast den gesamten Globus ausbreitenden Tänze aber eher der Vollständigkeit halber verwiesen. Die Freuden der titelgebenden Tanzhalle zeigen keinen Bruch mit Loachs Diskurs-Verhaftung an, sondern bieten nur das Futter für einen ziemlich diskursiv geführten Kampf gegen die zunehmend autoritär agierende katholische Kirche. Loach projiziert den problematisierten Traditionsfetisch auf die Figur des Father Sheridan und seine Jünger und nimmt diesem dadurch seine politische Relevanz. Die Tanz- und Musikdebatte gerät im Verlaufe des Films immer stärker aus dem Blick und wird erneut als Zwei-Parteien-Konflikt behandelt. Auf der einen Seite steht der grundsympathische Held und eine politik- und tanzbegeisterte Jugend, auf der anderen die neuen informellen Machthaber in der irischen Provinz. Damit ist all das, was wegführt von Loach’scher Didaktik, in Sekundenschnelle wieder von ihr eingeholt.

Biedere Souveränität

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Das alles soll nicht heißen, dass Jimmy’s Hall ein schlechter Film wäre, dafür ist Loach ein viel zu routinierter Filmemacher. Aber gerade das ist vielleicht das größte Problem. Die möglicherweise letzte Arbeit des Briten kommt mitunter furchtbar souverän daher, selten aber leidenschaftlich. In einigen Momenten ganz und gar unsouverän agieren derweil einige der Darsteller, was mehr mit Loachs Schwächen als Regisseur als mit ihrer Performance im engeren Sinne zu tun hat. In seinen besten Filmen gelang Loach die Überführung seiner politischen Haltung in eine naturalistische Schauspielführung. Denn die erhoffte Wirkung seiner pädagogischen Narrative verlangte in erster Linie nicht nach den häufig geforderten Ambivalenzen und Grautönen – auch die können schließlich mit dem berühmten Holzhammer daherkommen –, sondern nach überzeugenden Darstellern, die verhindern, dass ihre Figuren zum Sprachrohr ihres Schöpfers werden. In Jimmy’s Hall geraten die Dialoge jedoch immer wieder ins Stocken, und diese kurzen Momente können zwar von den Darstellern überspielt, nicht aber von den Figuren aufgefangen werden. Denn diese existieren bloß, um ihre Dialoge zu sprechen.

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Vielleicht liegt es an den stets tief hängenden Wolken über dem irischen Grün, dass hier alles ein bisschen bieder wirkt. Oder an Hauptdarsteller Barry Ward, der den abenteuerlustigen Aktivisten als grundsympathischen, aber eher harmlosen Kerl spielt. Oder daran, dass Loach die Welt außerhalb von Jimmys Halle recht konsequent in kühle Farben taucht, was den Mangel an warmen, dynamischen Szenen nur umso schmerzlicher macht. Vor allem aber bleibt – gerade angesichts der somatischen Motive – viel zu viel dem Drehbuch überlassen. Loach gesteht dem Treiben in Jimmys Tanzscheune kaum Autonomie zu, reduziert die wenigen – empathisch, aber ohne Verve inszenierten – Musikszenen auf Sympathie-Plädoyers für seinen Helden und dessen Anhang. Loach hat ein Sujet mit dem Potenzial zur Grenzüberschreitung in die Grenzen seines klassischen Polit-Melodramas gezwängt. Dass der Film dabei kein klassisches Biopic ist, sondern nur „inspiriert“ ist vom Leben des Jimmy Galtron und sich erzählerische Freiheiten nimmt, führt dabei gerade nicht zu einer filmischen Befreiung, sondern fügt die immer gleichen Zutaten hinzu: Heimatidyll, jede Menge keynote speeches und natürlich auch eine Herzensdame.

Trailer zu „Jimmy's Hall“


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