Insiang

Eine junge Frau bekämpft in ihrer Mutter ein Schreckbild der eigenen Zukunft, die Mutter neidet ihr dagegen die Möglichkeiten der Jugend. Der wechselseitige Verrat eskaliert in Lino Brockas Rachedrama stumm. 

In einem Armenviertel von Manila lebt die verhärmt hübsche, versierte und geplagte Marktfrau Tonya (Mona Lisa) mit ihrer glühend, blühend und bekümmert schönen Tochter Insiang (Hilda Koronel, die mich an die junge Daliah Lavi erinnert). Sie haben für unzählige Verwandte mit zu sorgen. In ihrer engen, menschenreichen Bretterbude ist keine Privatheit möglich, alles zerrt an ihnen, ruft und spannt sie in Verpflichtungen und Aufträge und bietet dennoch keinen Schutz. Insiangs Alltag ist durchlöchert von dem Gezeter und den Anordnungen ihrer gestressten, immer herzloser herrschsüchtig werdenden Mutter, der sie sich unterordnet, damit das alles, sinnlos oder nicht, zusammengehalten wird. Die meisten Jungen der Familie und Umgebung tun das nicht.

 

Vor dem Kiosk hängen die sich nutzlos fühlenden Bengel herum. Muskelshirts, verschwitzte Haut. Sie haben in ihrer gelangweilten Vitalität ein gewisses Etwas, die Kamera schaut nach ihren kräftigen Körpern. Sie arbeiten (wenn, dann) in Schlachthäusern, Straßenküchen, Autoschlossereien. „Ich mag nicht, was du mit mir machst, wenn wir ins Kino gehen“, sagt Insiang zu ihrem Freund aus dieser Clique. Sie hat Angst, dass Sex sie dahin bringt, wo ihre Mutter ist: verbittert, weil sie sich für ihre Kinder aufopfern musste, und gierig auf die Chance, doch noch etwas eigenes Leben mit Sex von einem heißen Mann zu kriegen.

 

Die Mutter holt den viel jüngeren Dado (Ruel Vernal) als Lover in ihr Haus und damit blind die unmittelbare Gefahr für das fragile notmatriarchalische Gefüge. Er ist ein großer, gut gewachsener Aufreißertyp, mit einem bedrohlichen, selbstbewussten Sexappeal. Und eigentlich hat er es, viel leidenschaftlicher und ernsthafter als auf die Mutter, auf Insiang abgesehen. Eines Nachts rollt er sich gewaltsam über sie, bricht, wie es ihm scheint, ihren Widerstand und holt die Lust auf ihn aus ihr heraus. Es beginnt ein regelmäßiges, gestohlenes, nächtliches Beisammensein, für das Insiang jedoch Motive hat, die sie nicht zeigt.

 

In ihrer Kammer wird sie immer finsterer. Sie brütet etwas aus. Ihre düstere, rach- und eifersüchtige Seite schält sich unvermutet heraus.

 

Alles verhakt sich engmaschig und vielfach in Lino Brockas Insiang (1976), der Fokus der Schuld springt hin und her, das Bild wendet sich mit jedem Detail, das mehr von den Personen offenbart. Insiang bekämpft in ihrer Mutter ein Schreckbild der eigenen Zukunft, die Mutter neidet Insiang die Möglichkeiten der Jugend. Wer hat (mehr) Recht auf Freiheit/Sex/Liebe/Dankbarkeit/Respekt, wer muss verzichten? Ihr wechselseitiger Verrat aneinander eskaliert stumm und stur, Reaktionen generieren Gegenreaktionen, eine berücksichtigt die andere immer weniger und kündigt die Verpflichtungen: Was anfangs ein Problem mit den Männern zu sein schien, ist viel mehr eins der miteinander verschlungenen Frauen, ihrer frustrierten Liebe zueinander und der Angst, die andere könnte einem das Leben nehmen. Es gibt viele dieser weiblichen Kämpfe außerhalb von Kunst und Filmen. Aber es ist ungewöhnlich, dass sich ein Film so differenziert dafür interessiert und so tief dort hineingeht.

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