Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Nicht nur Salsa, Zigarren und Rum: Florian Borchmeyer und Matthias Hentschel zeichnen ein eigenwilliges Porträt der kubanischen Hauptstadt als Ruinenstadt und der Menschen, die zwischen den Bauskeletten leben.

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Die Kamera gleitet über die bröckelnden Fassaden, die skelettierten Restpfeiler, aus denen unter dem abgefallenen Putz die tragenden Eisenkonstruktionen hervorschauen wie abgenagte Hähnchenknochen. Die abgeblätterte Farbe zeugt noch von einem früheren Luxus der Bürgerhäuser in Havanna. Heute aber fallen die Steine von der Decke herab, und ganze Fassaden stürzen ein. Florian Borchmeyer und Matthias Hentschel porträtieren fünf Kubaner, die in diesen Ruinen leben. Es ist ein bisschen Lethargie, ein bisschen Heimatverbundenheit, ein bisschen Liebe zu diesen Fossilien, die sie dort hält, obwohl sie nie wissen, wann ihnen ein Brocken von oben den Garaus machen wird.

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Jeder schützt sich auf seine Art: Misleydis schläft nie ohne Kissen über dem Kopf, Reinaldo vertraut einfach auf Gott. Eines Tages muss man eben abgehen von der großen Bühne des Lebens. In seinem Fall ist es das Teatro Campoamor. Einst als Nachtwächter angestellt, zog er von der Straße in die Schminkkabinen ein. Lange hat hier niemand mehr gesungen, das Theater ist ein Relikt aus der Zeit vor der Revolution, als es noch zum guten Ton der Bürgerlichkeit gehörte, in die Oper zu gehen. In seinem gegenwärtigen Zustand ähnelt es jedoch mehr dem Colosseum in Rom, der Ruine aller Ruinen, als dem Parthenon. Reinaldo räumt täglich den Schutt mit einer Schubkarre zusammen, Stein für Stein, schon der Ordnung halber. Vielleicht geschieht ja einmal ein Wunder, und jemand kommt und nummeriert die Steine wie beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Wer weiß das schon. Zumindest wäre dann alles noch vorhanden.

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Verfall. Dekadenz. Nicht umsonst ertönt die Musik aus Luchino Viscontis Verfilmung von Thomas Manns „Tod in Venedig“. Doch Kuba ist nicht Deutschland oder Italien. Der Thomas Mann von Havanna würde einen theologischen Disput mit einem Fahrradtaxifahrer führen, sagt der Schriftsteller Antonio José Ponte. Er bezeichnet sich selbst als „Ruinologen“ und liefert die philosophisch-konzeptuelle Ebene des Films. Im Kampf zwischen Natur und Kultur, sagt er, trotzten die großen Baumeister der Natur das Land ab. Hier jedoch, meint Ponte, hätten die Menschen die Seite gewechselt, sie seien Teil einer Natur geworden, die sich die gestalteten Räume langsam aber sicher zurückerobere. Die Ruinen verkörpern ihm zufolge aber auch den Diskurs der Regierung. Sie dienten, so Ponte, dieser wie ein Kriegsdenkmal als visuelles Zeugnis für eine Invasion durch die Vereinigten Staaten, die es in Wirklichkeit nie gab. Bomben fielen nicht, statt der Invasion kam die Abschirmung, das Wirtschaftsembargo. Die verfallenden Gebäude führen, laut Ponte, den Menschen ihre eigene Ohnmacht vor Augen. Wer am Zustand des "eigenen" Hauses nichts ändern könne, der könne auch den Staat nicht verändern.

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Die porträtierten Figuren geben einen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaftsschichten ab, die die Revolution aufhob: Heute kämpfen sie alle mit dem Zerfall. Da ist neben dem Nachtwächter Reinaldo und dem Intellektuellen Ponte der Handwerker Totico, der unermüdlich an dem 120-Familien-Wohnblock schraubt, in dem schon die Kanalisation überquillt. Außerdem treten der enteignete Großgrundbesitzer Nicanor del Campo III. und schließlich die Prostituierte und ehemalige Millionärsfrau Misleydis auf. Respektvoll hängt die Kamera an jedem einzelnen und lauscht in die Geschichten der Menschen hinein. Genauso liebevoll tastet sie die Altersrunzeln der Gemäuer ab, als würde sie sie streicheln, jeden einzelnen Riss dieser in die Jahre gekommenen Ungetüme aus einer anderen Epoche.

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen (Habana – Arte nuevo de hacer ruinas) schildert acht Jahre nach dem von Wim Wenders und Ry Cooder mit Buena Vista Social Club (BRD/USA/GB/FR/CU, 1999) ausgelösten Salsafieber ein tristes, lethargisches Kuba. In der Bildsprache und seinem erzählerischen Gestus orientiert sich der Film eher an kubanischen Spielfilmproduktionen wie Das Leben, ein Pfeifen (La vida es silbar, CU/SP, 1998) von Fernando Pérez, bei dem die angegriffene Architektur ebenfalls eine große Rolle spielt. Das Ausharren und Sich-Arrangieren im widrigen kubanischen Alltag thematisierte schon Juan Carlos Tabío mit seiner Komödie Kubanisch Reisen (Lista de Espera, SP/CU/MX/FR/D 2000): Weil der Bus an einem abgelegenen Ort in der kubanischen Provinz so gut wie nie kommt und wenn doch, alle Plätze schon besetzt sind, richten sich die Wartenden ihr Leben im Bahnhof häuslich ein und beginnen nach und nach, das Gebäude zu verschönern. Beide Filme schildern das Leben als gelebten Traum. Die Menschen in Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen haben aufgehört zu träumen. Sie leben mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit. Sie verrichten sinnlose Sisyphus-Arbeiten, die immer nur kosmetische Maßnahmen sind. Sie leben das Leben, das ihnen nun mal gegeben ist.

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