Dragon Eyes

"Ich habe Angst! Ich habe AUCH Angst!" Der Actionheld in der Krise: abstraktes Actionkino, zwischen mythologischer Überhöhung und dokumentarischem Realismus.

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John Hyams ist fasziniert vom Körperlichen – genauer: von männlichen Körpern, noch genauer: von Männern und ihren Körpern, mit denen sie sich durch eine Gesellschaft bewegen, die ihnen nach der Erschütterung durch zwei Weltkriege keine Möglichkeit mehr bietet, Aggressionen auszuleben. Ein klinisch bereinigtes Kriegserleben, der Joystickkrieg, der bezeichnenderweise im Irakkrieg der 2000er Jahre prozentual mehr Suizidanten hervorgebracht hat als Vietnam; eine in den westlichen Industrienationen seit über 40 Jahren laufende Feminisierung, die ein erster Schritt ist, die jahrtausendelange Unterdrückung der Frau durch den Mann aufzuheben, aber die Problematik des Mannes offensichtlich macht: Er will seinen Krieg. Im Inneren wie im Äußeren. Was passieren kann, wenn er ihn nicht bekommt, zeigen die im letzten Jahrhundert zunehmenden psychiatrischen Störungsbilder wie Sozial-, Sexual-, Aggressions- und Aufmerksamkeitsstörungen, die tendenziell ein männliches Problem sind. Konnten Männer die Wurzeln dieser Erkrankungen früher in häusliche Gewalt umleiten (worunter wieder einmal nur die Frau zu leiden hatte) oder sich ein Gesellschaftssystem konstruieren, in dem es um Krieg und zentral die mit ihm verbundenen Begriffe Ruhm und Ehre ging, ist ersteres heute glücklicherweise geächtet und das zweite eine, nicht zuletzt dank eben der die Frau schützenden Feminisierung, auch von vielen Männern belächelte Attitüde aus Pathos, Weltschmerz und Sentimentalität. Anders ausgedrückt: Männlichkeitswahn!

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Um diesen ausleben zu können, mit all seinen Aggressionen, Gewalt- und Kontrollfantasien, seinem Rausch aus eben Ruhm und Ehre, dem dualistischen „Sieg oder Niederlage“, begibt sich der Mann in eigene Refugien, Parallelwelten, abgesteckte Räume, in denen Komplexitätsreduktion betrieben werden kann, um alles auf archaisch-einfache Grundregeln herunterzubrechen. Sei es die Überschaubarkeit eines Ringes, die John Hyams in seinen UFC-Dokumentationen The Smashing Machine oder Fight Day thematisiert, ein Stück aussterbender amerikanischer Kulturgeschichte wie das Bullenreiten in Rank oder das Aufgreifen eines eigentlich aus den 1980er Jahren stammenden Grundstoffes, der einen erschütternden Nihilismus bietet. Verstorbene Soldaten aus früheren Kriegen, Krieger, die mittels futuristischer Kybernetik und neuester Gentechnik zu Super-Kriegern für jede Gelegenheit gebaut werden, Universal Soldiers eben, die sich in militärischen Einsätzen austoben können.

Eins haben all diese Filme gemeinsam, und genau das macht sie besonders: Hyams findet in diesen Geschichten das menschliche Drama. In seinen Dokumentationen ist dies noch recht augenfällig, wenn der Aufstieg und Fall von UFC-Legenden wie Mark Kerr oder Royce Gracie thematisiert wird. Bei Universal Soldier: Regeneration wird es hingegen ins Philosophische übertragen, denn diese Männer scheinen zwar die Erfüllung infantiler Männlichkeitsfantasien – die Existenz als nahezu unbesiegbare Super-Krieger – leben zu können, doch erleben sie diese nicht. Sie sind emotionsbefreite Maschinen, degradiert dazu, eine Aufgabe zu erfüllen. Ruhm und Ehre, Hybris und Rausch. Davon durchleben sie nichts. Sie sind Beamte des Todes, gesteuert von rationalen Erwägungen, die sich den männlichen Thanatostrieb zunutze machen. Ihr Drama ist erschütternd, weil es nur vom Rezipienten wirklich wahrgenommen wird. Wie passt nun Dragon Eyes da hinein?

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St. Jude in New Orleans ist einer der vielen Stadtteile, die nach dem Wirbelsturm Katrina im Jahr 2005 zu einer Art kriminellem Niemandsland geworden sind. Gangs unterschiedlicher Herkunft dealen nahezu öffentlich auf den Straßen, die Polizei lässt sich nicht blicken oder ist selbst Teil des kriminellen Systems, und die Bewohner leben in der ständigen Furcht, Opfer einer Gewalttat zu werden. Sei es durch die Gangs selbst oder durch Beschaffungskriminalität seitens der Junkies, die im Viertel wie Zombies umherlaufen. In dieses Kriegsgebiet kommt eines Tages ein Asiate (Cung Le), der sich in einer kleinen, heruntergekommenen Pension einmietet. Gleich zu Beginn schlägt er drei Dealer zusammen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihr Dope verkaufen und die Enkeltochter des Pensionsbesitzers anpöbeln. Doch dieser Hong, wie er von den Gangs genannt wird – nie ist dabei so ganz sicher, ob dieser Name nicht nur die erste Silbe des Spottnamens „Hong Kong“ ist, den ihm die Dealer bei seinem Eintreffen zurufen –, wird uns im ersten Shot des Films als im Delirium Liegender nahegebracht, der eine schizophrene Formel einem Mantra gleich aufsagt, als spräche er für zwei: „Ich habe Angst! Ich habe AUCH Angst!“ Zwischendurch murmelt er noch, dass er versagt habe.

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Dann befinden wir uns in einem Gefängnis und erfahren, dass Hong zunächst keiner war, der gut auf sich aufpassen konnte. Erst im Gefängnis lernt er sich selbst zu verteidigen, weil er von Tiano (Jean-Claude Van Damme), einem Lebenslangen, unterwiesen wird. In St. Jude angekommen, scheint Hong mit dem Verbrechen aufräumen zu wollen. Es gibt die Hispano-Gangs, die Afro-Amerikaner-Gangs und die Russen-Gangs. Die Fäden hält, wie sollte es anders sein, der weiße Polizeichef Mister V zusammen: Peter Weller, nicht nur im Hinblick auf den Körperaspekt gegen sein RoboCop-Image besetzt. Und so weiß Hong, dass er dieser Übermacht nicht nur durch überragende kämpferische Fähigkeiten, sondern auch durch List und Tücke beikommen muss. Einem Ninja gleich, versucht er die Gangs gegeneinander auszuspielen.

Die Tragödie der Hauptfigur, eigentlich aller männlichen Figuren des Films, offenbart sich in ihrer Schuldhaftigkeit. Hyams konstruiert einen abgesteckten, durch die digitale Überarbeitung geradezu hochartifiziellen Raum, der im Freien aus ausgewaschenen Brauntönen besteht und im Inneren aus übersteuerten Farben, die eine detaillierte Klarheit erbringen. Gleichzeitig arbeitet er mit narrativen Ellipsen, wie sie aus den Genreexperimenten der Nouvelle Vague bekannt sind. In dem Viertel St. Jude scheint alles zu einer grotesken Karikatur verkommen zu sein, doch gelingt es Hyams, exakt die Bildsprache heraufzubeschwören, die das amerikanische Kino seinem größten Geschichtenerzähler, John Ford, verdankt, jene seltsame Mischung aus mythologischer Überhöhung und dokumentarischem Realismus.

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Dass die Grundgeschichte des namenlosen Fremden, der in eine Stadt kommt, um dort mit den aus den Fugen geratenen Verhältnissen aufzuräumen, dem Western entlehnt ist, liegt auf der Hand. In einem Moment der Überdeutlichkeit sehen wir Hong in einem Poncho wie Clint Eastwood in der Rolle, die ihn berühmt gemacht hat, auf einer Liege sitzen, ebenjener Liege, auf der er delirierend die Tat durchlebt, die ihn ins Gefängnis gebracht hat. Eine Tat, die er in Träumen noch versucht von sich abzuspalten, die er als nicht seinem Ich zugehörig betrachten möchte. Und so wird er, ein Asiate, in der asiatischen Kriegskunst des Körpers unterrichtet, von einem Weißen, den eine noch schwerere Schuld plagt. Nicht nur auf Hong fliegt diese kulturelle Errungenschaft wie ein Bumerang zurück; auch Tiano befindet sich in einem sogar noch viel engeren Kreis tautologischer Regression. Er war einst in St. Jude in kriminelle Machenschaften verwickelt, bei denen er seinen eigenen Sohn getötet hat, wofür er nun ewige Buße tut. Er sitzt, gestählt und unbesiegbar, in seiner Gefängniszelle und hat nichts anderes als seinen Schmerz. Hongs Schmerz ist ein anderer, aber die Stählung seines Körpers, die kann Tiano ihm mitgeben, damit er beider Schuld in St. Jude begleichen kann.

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Das Kino ist eine moderne Form des Geschichtenerzählens, und so haben seine Großmeister stets alte Geschichten über den Heros modern zu verpacken gewusst. Formal ist das Actionkino immer sehr dicht am Grundwesen des Films gewesen. Eine Abfolge von Bewegungen, die Bewegung von Mensch und Masse, die Aneinanderreihung von Bildern, mittels der Montage zu einem fließenden Strom der Bewegung werdend – und Bewegung ist es, die abgebildet oder eingefangen werden soll, von Mack Sennetts Keystone Cops bis hin zum modernen Computer-Actionkino heutiger Tage. Diese Kinetik ist es, die sich im modernen Actionfilm seit den frühen 1980er Jahren, im Grunde seit Rambo (First Blood, 1982), an den männlichen Körper koppelt. War dieser früher in anderen Männergenres wie Kriegsfilmen, Western oder eher selten im Krimi nur ein Bestandteil der Erzählung, drang er, vom kurzen Intermezzo der Sandalenfilme durch Steve Reeves abgesehen, tatsächlich erst zu Beginn der 1980er Jahre ins Zentrum der Erzählung. In einer hochtechnisierten Welt, einer Welt, die Krieg, Ruhm und Ehre auslagert und die gewalttätige Natur des Mannes pathologisiert, bleibt nichts anderes als der Körper, der Geist, der ihn befiehlt, und die jeweiligen Refugien, in denen sich der männliche Krieger ausleben kann.

St. Jude ist so ein Refugium. Wie vom Rest der Welt entkoppelt wirkt es, ein Rücksturz in Urformen. Der weiße Polizeichef (auf dessen Migrationshintergrund jedoch stetig verwiesen wird) hetzt die Ethnien in alter Tradition gegeneinander. Wer gewinnt, darf seinen Drogenmarkt kontrollieren. Unbeteiligte Personen geraten tagtäglich unter die Räder. Frauen spielen in dieser Welt keine Rolle. Selten wurde in einem Actionfilm so geradezu kunstvoll herausgearbeitet, dass der Stärkere mehr Rechte besitzt. Allianzen können sich stetig ändern. Daran ausgerichtet, wer gerade die Oberhand in einem Fight hat. Doch diese Form männlicher Allmacht produziert nichts, sichert nichts und erobert nichts. Es ist ein destruktives Spiel, und zu leiden haben alle, die nicht mitspielen. Doch dass auch die Mitspieler verschlungen werden, macht Hyams in einer sehr intensiven Schlussszene deutlich, in der sich erneut John Ford wiederfinden lässt. Selbst für den unsympathischsten korrupten Polizisten kann plötzlich, wie es nur im Kino möglich ist, Mitleid entstehen, wenn alle um ihre Toten trauern.

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In einem seiner wichtigsten Filme hat dieser wichtigste Regisseur des Männerkinos die Botschaft verkündet, dass ein Krieger, wenn alle Schlachten geschlagen, wenn alle Kriege beendet und wenn kein Ort mehr verteidigt werden kann oder muss, heimkehrt. Eine Heimkehr ohne Ruhm, ohne Glanz und ohne Interesse an seiner Person, im Angesicht der Angst der zu Hause Gebliebenen vor der Möglichkeit, dass er seine Gewalt in den Alltag schleppt, in die Zivilisation, und somit vergiftet, was er überhaupt erst möglich gemacht hat. Schade, dass er nicht auf dem Schlachtfeld gestorben ist – und auch er bedauert das, hasst er doch im Grunde die Zivilisation. Sie konfrontiert ihn mit der Sinnlosigkeit seiner Existenz, seiner Nutzlosigkeit und seiner Unfähigkeit, ein Leben abseits des Kampfes und Krieges zu führen. Sie lässt ihn krank werden. Krank an der Gesellschaft und an sich selbst. Also konstruiert er sich neue Betätigungsfelder. Er braucht, wie in Dragon Eyes, ein St. Jude, wo er seine Fähigkeiten anwenden kann, wo er sich einreden kann, etwas Gutes zu tun. Alle Topoi des Männerkinos und des Anti-Helden sind in John Fords Der schwarze Falke (The Searchers, 1956) angelegt, und das gesamte moderne Actionkino variiert dieses Thema, teils melancholisch-bitter – die Rambo-Tetralogie –, teils auch humorvoll in eher postmodernen Werken wie Stirb langsam (Die Hard, 1988) oder Zwei stahlharte Profis (Lethal Weapon, 1987). Die humorvolle Variante kann sich über den Scherz, das so eigentlich Nicht-Gemeinte retten, aber die ernste Variante wirft Fragen auf, nötigt zur Konfrontation. Das Ausleben männlicher Allmacht, die reine männliche Körperlichkeit, kann als Strukturelement nur Destruktion gebären. Selbst wenn sie von demjenigen ausgeübt wird, der nach den Gesetzen des Genres auf der moralisch richtigen Seite steht.

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All dies scheint John Hyams, ob bewusst oder unbewusst, im Moment so gut zu wissen wie kein anderer Regisseur des Actionkinos. Dragon Eyes ist ein Film, der seiner altbekannten Storyline neue Seiten durch seine Meta-Ellipsen abringt, der immer genau einen Handlungsfaden überspringt, als sei er schon erzählt, und dies auch mit Narrativen macht, die eigentlich auf der Meta-Ebene zu interpretieren sind. Dadurch wirkt manches sehr frisch in diesem Film, erzählt wie aus dem wahren Leben und doch mit der nötigen Überhöhung, die uns den mystischen Kern spüren lässt. Vielleicht ist John Hyams wirklich die große Hoffnung im seriösen, reflexiven Actionkino, auf die wir so lange gewartet haben.

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