Das Wochenende

Was passiert, wenn ein ehemaliger RAF-Terrorist aus dem Knast kommt? Nina Grosse hat Bernhard Schlinks Roman-Antwort in einen Film übersetzt.

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Vor wenigen Jahren kam Ex-Terrorist Christian Klar auf freien Fuß. Er gehörte zum engen Kreis der zweiten Generation der RAF, seit 1982 saß er wegen mehrfachen Mordes im Gefängnis, unter anderem wegen der Beteiligung am Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Wer damals die tödlichen Schüsse abgegeben hat, ist bis heute nicht geklärt. Die, die damals dabei waren, schweigen eisern, während die Kinder der Opfer versuchen, die Morde aufzuklären. Mit Das Wochenende hat Nina Grosse einen Stoff verfilmt, der sich mit einem längst nicht aufgearbeiteten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte auseinandersetzt. Die Romanvorlage von Bernhard Schlink erschien 2008, ein Jahr nachdem der damalige Bundespräsident Horst Köhler ein Gnadengesuch Klars abgelehnt hatte.

Schlinks Protagonist wird begnadigt. Auch in Grosses kinokompatibler Variante kommt Jens (Sebastian Koch) früher aus dem Knast – nach 18 Jahren. Für ihn ist die Zeit stehengeblieben. Er glüht für die Revolution, in seinem alten Plattenspieler findet er die Pistole, die er einst darin versteckte. Doch außerhalb der Gefängnismauern hat sich die Welt weitergedreht. Die Revolutionäre der dritten Generation der RAF sind gealtert und in der Berliner Bourgeoisie angekommen. Henner (Sylvester Groth) hat die gemeinsame Geschichte in einem Buch verarbeitet und zu Geld gemacht. Jens’ Ex Inga (Katja Riemann) ist mittlerweile Literaturagentin und mit Konditorei-Mogul Ulrich (Tobias Moretti) verheiratet. Jens’ Schwester Tina (Barbara Auer) hat das Erbe ihrer Eltern in ein altes Brandenburger Landhaus investiert und es zum bürgerlichen Feriendomizil ausgebaut. Als Jens rauskommt, lädt Tina die ganze Clique dorthin zu einem gemeinsamen Wochenende ein.

Das Wochenende 12

Eine fröhliche Willkommen-zurück-im-Leben-Party ist geplant, doch die ländliche Idylle wird zur Kulisse einer grotesken Konfrontation. Fokussiert von Großaufnahmen machen sich die Freunde von einst daran, die Konflikte auszutragen, die bis heute in der deutschen Gesellschaft brodeln. Mitten im Raum schwebt die Frage, wer Jens damals eigentlich verpfiffen hat. Das Schweigen führt die Figuren an emotionale Grenzen, mit jeder Minute wächst die Spannung. Zwischen Inga und Jens knistert es gewaltig. Sichtlich aufgewühlt werfen sie sich Blicke zu, die erahnen lassen, dass dieses Lodern zum Flächenbrand wird. Was das damals eigentlich zwischen den beiden war, analysiert Jens vorerst auf seine Art: Sie habe es geil gefunden, mit einem Terroristen zu ficken, feuert er ihr im Jägerstand entgegen. Sie will Antworten. Warum hat er sich nie gemeldet? Warum hat er sich nicht für den gemeinsamen Sohn interessiert, den sie mittlerweile mit ihrem Ulrich großgezogen hat? Fragen, die auch diesen Sohn quälen.

Und der taucht unangemeldet auf. Während auf dem Grill die Würstchen brutzeln, kommt es zur radikalen Auseinandersetzung. „An mich wird man sich erinnern, an dich nicht“, entgegnet Jens trocken, als Gregor (Robert Gwisdek) fragt, was er denn nun von all dem gehabt habe. Wutentbrannt drückt Gregor die Hand des störrischen Vaters auf den Grill. Und auch bei Kaffee und Kuchen knallt’s. Ulrich verköstigt die Gruppe mit seiner neuesten Luxustortenkreation, inszeniert sich ungeniert als dekadenter Lebemann und wird zur idealen Projektionsfläche für Jens’ über die Jahre hinweg konservierten Hass auf die kapitalistische Gesellschaft.

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Über dem alten Landhaus liegt Patina, mit seinen Rissen und dem Wildwuchs drumherum macht es sich gut als Metapher für die vorübergezogenen Jahre, die sich auch in Jens’ fahlem Gesicht deutlich abzeichnen. Doch zur wichtigeren Bühne wird der üppige Wald, der das Haus umgibt. Hierher zieht es die Figuren in den Schlüsselszenen, verfolgt von einer plötzlich entfesselten Kamera. Mit wilden Schwenks und Fahrten zwischen den Baumstämmen und über den moosigen Grund visualisiert Kameramann Benedict Neuenfels das durch die Begegnung entfachte Gefühls-Auf-und-Ab und löst das im Haus noch statisch inszenierte, beklemmende Raumgefühl auf. Erst hier scheint Jens wirklich in der Freiheit anzukommen.

Moralisch sichert sich der Film schon früh ab: Revolution sei schön und gut, Mord aber nicht okay, macht der sympathische Henner klar. Jens gibt sich als stolzer Kämpfer, muss aber erkennen, dass er ein einziger Anachronismus ist. Die Terroristen von damals sind zu Pop-Ikonen verkommen. Henner schenkt Jens ein rotes T-Shirt, auf dem sein Konterfei inmitten einer Reihe Fahndungsfotos zu sehen ist, und erzählt johlend, die Kids würden das jetzt im Berliner Club Berghain tragen. In Szenen wie dieser liest sich der Film als ironischer Kommentar auf hippes zeitgenössisches Linkstum. Vor allem aber ist Das Wochenende Beziehungsdrama, und zwar eines, das sich so oder so ähnlich auch in einer anderen Rahmenhandlung hätte abspielen können. Die wiederentdeckte Liebe zwischen Jens und Inga drängt sich mehr und mehr in den Vordergrund, die RAF-Story ist irgendwann nur noch Klamotte und wird beim Sex schließlich ganz abgestreift.

Das Wochenende 23

So versperrt sich der Film der Möglichkeit, das Thema Aufarbeitung anzugehen. Bedarf wäre da, das hat der Medienrummel um Christian Klar und andere Ex-Terroristen der RAF gezeigt. Bei Grosse gewinnt der Wunsch nach kollektiver Aussöhnung mit der Vergangenheit Oberhand und lenkt die Geschichte in Richtung Hoffnung um. Gregor, Inga und Jens bekommen ihre Antworten. Jens erfährt sogar, wer ihn verpfiffen hat, Versöhnung folgt sogleich. Alles an einem Wochenende. Irgendwie will das nicht so richtig mit dem überzeugenderen dystopischen Grundton von Schlinks Vorlage zusammengehen. Das Drehbuch macht es den Figuren zu leicht, zu viel Feelgood. Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Trauma bleibt am Ende auf der Strecke.

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