Catfish – Kritik

„The kid’s pretty awesome. At least from Facebook.“ Ein Dokumentarfilm über gefälschte Identitäten und das richtige Leben dahinter.

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Die Entwicklung der sozialen Netzwerke im Internet hat in den letzten Jahren in atemberaubender Weise Fahrt aufgenommen – in den USA kann gerade die im Februar 2004 gestartete Website Facebook (deren Gründungsgeschichte man zuletzt in David Finchers The Social Network (2010) verfolgen konnte) eine enorme Durchdringung der Bevölkerung vorweisen, wie sie in Deutschland derzeit noch nicht vorstellbar ist.

Die Kommunikation über rein digitale Kanäle – die natürlich auch die Verbindung zwischen Menschen ermöglicht, die früher nie miteinander in Kontakt hätten treten können – sah sich aber schon in ihren Anfängen mit unterschiedlichen kulturkritischen Einwänden konfrontiert. Zum einen entfremde sie die Menschen eigentlich voneinander, da jeder unmittelbare Kontakt vermieden werde – eine Neuauflage freilich der Reaktionen, die jeder radikalen medialen oder technologischen Neuerung folgen, in etwa vergleichbar der Sorge, die Menschen würden ihr Gedächtnis nicht mehr verwenden, sobald sich das Medium der Schrift durchgesetzt habe, oder die hohe Geschwindigkeit der Eisenbahn würde die inneren Organe der Menschen entzwei reißen.

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Zum anderen aber gibt es die Sorge, dass man sich selten (oder nur mit viel Aufwand) gewiss sein kann, wer sich hinter digitalen Identitäten tatsächlich verbirgt. Genau mit dieser Frage beschäftigt sich Catfish (2010) von Henry Joost und Ariel Schulman. Die beiden jungen Filmemacher teilten sich Ende 2007 mit Schulmans Bruder Nev ein Büro in Manhattan. Nev arbeitet als Fotograf und beschäftigt sich vor allem mit Tänzern und ihren Darbietungen. Er wurde über Facebook von einem achtjährigen Mädchen kontaktiert, einer vielversprechenden Malerin, die eines seiner Fotos als Gemälde umgesetzt hatte.

Joost und Schulman, die nach eigenem Bekunden sich selbst, aber auch ihren Bruder schon seit Schulzeiten immer wieder mit der Kamera begleitet hatten, begannen Nevs Beziehung zu Abby zu dokumentieren; schließlich kamen Kontakte zu ihrer Mutter Angela sowie zu Abbys Halbschwester Megan hinzu – einer 19-jährigen Künstlerin und Tänzerin, mit der Nev recht bald in eine fast schon intime, romantische Onlinebeziehung schlitterte.

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Dann jedoch schickt Megan ihm die Datei eines angeblich selbst verfassten Liedes, das Nev jedoch seltsam vorkommt – und schon bald stellt sich heraus, dass sie das Stück von anderer Stelle kopiert hat. Sichtlich irritiert beginnt er damit, alle Informationen und Erzählungen von Megan, Angela und Abby online und telefonisch nachzuprüfen, und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Und obwohl er zunächst überlegt, den Kontakt einfach abzubrechen, ist die Beziehung zu den Personen inzwischen so dicht geworden, dass er sie lieber persönlich damit konfrontieren möchte.

Catfish wurde während seiner Reise durch diverse Festivals im vergangenen Jahr gerne als „der andere Facebook-Film“ bezeichnet, und natürlich mag er schon deshalb als Gegenentwurf zu The Social Network gelten, weil es nur um Perspektive und Erfahrungen der Nutzer geht. Zugleich aber geht es, das wird im zweiten Teil des Films immer deutlicher und überraschte wohl die Filmemacher selbst am meisten, um ganz andere Dinge. Denn am Ende von Nevs Suche hat er keineswegs eine einfache Antwort auf seine Frage bekommen – die würde lauten: Megan und Abby wurden von einer Frau erfunden, die tatsächlich Angela heißt.

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Aber darum geht es eben nicht allein. Denn Angelas Schicksal und die gemeinsame Auseinandersetzung mit Nev, warum sie ihn getäuscht hat, bekommen hier großen Raum und eröffnen innerhalb des Films eine völlig neue Dimension. Das macht sich nicht nur im Ton bemerkbar, der zunächst spielerisch-aufgeregt wirkt und dann deutlich ernsthafter wird. Am Anfang spielen die Filmemacher auch viel mit Ästhetik und Formen des Digitalen – schon im Vorspann wird das Universal-Logo mit Bildern aus Google Earth kombiniert –, und abgefilmte Bildschirme spielen eine große Rolle. Später dagegen bestimmen Bilder von Menschen den Film, Gespräche mit Angela und den Menschen um sie herum.

Catfish wirft dabei auch eine Menge von Fragen auf, die er selbst nicht beantworten kann oder will. Wie es etwa um die Vertraulichkeit all der Nachrichten, Telefonate, gar sexuell angehauchten Chats steht, die für den Film in aller Ausführlichkeit mitgeschnitten oder vorgelesen wurden, wird hier gar nicht weiter erörtert. Und schon bald nach der Uraufführung in Sundance wurde nicht nur vermutet, dass der Film komplett erfunden sei (was alle Beteiligten bestreiten), schnell rückte auch die Person von Angela in den Mittelpunkt medialen Interesses, worauf sie womöglich in dieser Form nicht vorbereitet war. Als mit Medien völlig unerfahrene Frau konnte sie wohl nicht absehen, welche Folgen ihre Beteiligung an diesem Film für sie haben würde, und nicht zuletzt dafür sind Joost und Schulman heftig kritisiert worden.

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Der Film selbst, immerhin, endet auf einer versöhnlichen Note. Ein enger Freund Angelas vergleicht sie mit einem Wels (dem titelgebenden „Catfish“), den man bei Lebendfischtransporten ins Becken gebe, um die Tiere in Aufregung und Bewegung zu halten. Sie sei einer dieser Menschen, „sie halten dich in Bewegung, zwingen dich zu denken, sie halten dich frisch.“

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