Zwischen Erinnerung und Begehren – Der Filmkritiker Hans Schifferle
Die in dem Band „Berufung: Kritiker“ versammelten Texte von Hans Schifferle nähern sich auf immer wieder neue Art den Verheißungen des Kinos. Lukas Foerster begegnet dem Abenteuerland, das Schifferle entstehen ließ, während einer Reise durch den mythengesättigten Südwesten der USA.

Ein Kinoleben ist nicht gleich die Summe der gesehenen Filme. Fast axiomatisch steht dieser Gedanke, von Ko-Herausgeber Ulrich Mannes aus zwei Texten Hans Schifferles extrahiert, am Anfang eines Buches, das Schifferles Schreiben übers Kino gewidmet ist. Die Differenz, um die es geht, ist eine zwischen dem Kino als verlockender, schummrig-räudiger Ganzheit und den einzelnen, schutzlos unserem Blick ausgelieferten Filmen, die allein nie komplett einlösen können, was das Kino an sich uns verspricht. Ganz besonders dann nicht, wenn sie sich selbst allzu wichtig nehmen.
Besonders wichtig nehmen sich Filme im Allgemein auf Filmfestivals. Dieses Jahr bin ich, das hat erstmal gar nichts mit Schifferle zu tun, Mitte Februar nicht nach Berlin zur Berlinale gefahren, sondern mit einem geliebten Menschen durch den Südwesten der USA. Ein Roundtrip von Phoenix über den Grand Canyon, Las Vegas, San Diego und zurück nach Arizona. Abends in den Hotels habe ich in dem Schifferle-Buch gelesen. Recht rasch bin ich auf den Gedanken gekommen: Eine Reise durch den genuin epischen, mythen- und popkulturgesättigten amerikanischen Südwesten ist ziemlich sicher mehr Kino als zehn Tage Berlinale.
Holdin’ me back, gravity’s holdin’ me back – Harry Styles

Es beginnt schon in Phoenix, Drehort von Hitchcocks Psycho – die Stadt taucht besonders markant in der ikonischen ersten Szene des Films auf, der Schwenk über die Hochhäuser vor dem Zoom aufs Schlafzimmerfenster. Das Phoenix der Gegenwart ist freilich ganz und gar kein psychosexuelles Schwarzweiß-Drama mehr, eher eine sonnendurchflutete Science-Fiction-Vision. Spiegelglatte Hochglanzfassaden vor glasklarer Wüstenkulisse, auf den Straßen Waymo-Robotertaxis, mit denen die Menschen alles in allem bereits ziemlich smooth interagieren. Das gilt allerdings nur fürs schicke, geldgesättigte Downtown. Fährt man auch nur ein paar Meilen in Richtung Peripherie, gibt es keine Robotaxis mehr, dafür jede Menge teils ziemlich runtergerockte Strip Malls und Mittelklassetristesse, auch viel Armut und Obdachlosigkeit. Die Illusion einer perfekt durchgestylten Zukunftsstadt platzt – aber ist sie deshalb wertlos? Das Hochgefühl, das einen an einem Ort wie Downtown Phoenix zumindest momenthaft erfassen kann, ist genauso real wie die anschließende Ernüchterung.
Auch Filmkritik folgt immer zwei Impulsen gleichzeitig. Einerseits zerlegt sie das Kino, entzaubert in der Begriffsarbeit dessen Glamour, ohne den es sie andererseits gar nicht gäbe, an dem sie fast vampirisch partizipiert. Ganz besonders gilt das für die Tageskritik, der der erste Abschnitt des Schifferle-Buches gewidmet ist. „Berufung: Kritiker“ lautet dessen Titel, nicht „Beruf: Kritiker“, womit die Distanz angezeigt ist, die Schifferle – ein lebenslanger Online- und gar Computerverweigerer, der außerdem über private Finanzquellen verfügte – vom Mainstream jenes Berufsstandes trennte, dem er gleichwohl angehörte. Insbesondere als langjähriger Autor der Süddeutschen Zeitung und der epd-Film, den beiden Publikationen, in denen ein Großteil der von Mannes und Ko-Herausgeber Rolf Aurich gesammelten Schifferle-Texten ursprünglich erschienen sind.

In der SZ und der epd schreibt Schifferle über das Kino in seiner ganzen Breite. Viel Mainstream taucht im Buch auf, Fincher, Burton, Friedkin, aber auch Sperriges von Straub/Huillet sowie kleine Dokumentarfilme, zum Beispiel über Noam Chomsky und Jacques Derrida. Gemeinsam ist den Texten der Versuch, bei aller analytischen und vor allem auch sprachlichen Sorgfalt den phantasmatischen, sinnlich-erotischen Mehrwert des Kinos nicht aus den Augen zu verlieren. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet sind für Fischerle „Cine-Desperados“; Derrida ist ebenfalls ein Desperado (überhaupt taucht gefühlt alle paar Seiten ein neuer Desperado auf in diesem Buch) und wirkt „wie ein Kriminalkommissar (...) oder wie ein Gangsterboss“, dem außerdem bisweilen die Liebe (l’amour) und der Tod (la mort) durcheinander geraten; Chomsky wiederum vergleicht Schifferle mit dem „jungen Citizen Kane“ – den ihm gewidmeten Film freilich nur mit dem „pseudogescheite(n) Rockspektakel“ eines U2-Konzert. Bei Schifferle ist das zu lesen als: zu wenig Rock’n Roll.
Was es praktisch gar nicht gibt in diesen Texten: Polemik oder gar kleingeistige Buchhalterkritik. Schifferle schreibt über das, was er liebt, und wenn es manchmal eines zweiten, dritten Blicks bedarf, um in einem Film etwas Liebenswertes ausfindig zu machen, ist das umso besser. Der Grundmodus, der innere Antrieb des Schreibens ist die rettende Kritik. Gerettet wird allerdings nicht, wie einst bei Walter Benjamin, ein utopischer Gesellschaftsentwurf, sondern das Kino selbst als eine polyvalente Vielheit, als ein Abenteuerland, in dem man immer wieder neu verloren gehen kann.
I'm gonna keep on dancing at the Pink Pony Club – Chapelle Roan

Das Kino, das ist bei Schifferle und seiner Generation der vor allem Münchener (aber wie ich von Mannes’ dichtem, geschickt insbesondere die filmkritikhistorischen Kontexte des Schaffens Schifferles erschließendem Vorwort gelernt habe, teils auch Kölner) Filmkritik stets stark von Hollywood her gedacht. Hollywood nicht als kulturindustrielle Hegemonialmacht freilich, die „unser Unterbewusstsein kolonialisiert“ (Wim Wenders), sondern als, wie es in einem Text über Bill Condons James-Whale-Biopic Gods and Monsters heißt, „eine surrealistische american beauty, die zwischen Kino und Wirklichkeit liegt, zwischen Erinnerung und Begehren“.
In eben diesem Sinne sind die USA immer noch mehr Kino als jedes andere Land der Welt. Meine Begleitung und ich wagen uns tiefer hinein in dieses Kinoland, das derzeit von einem Fernsehpräsidenten regiert wird. In Prescott, einer schmucken, traditionsbewussten Western-Stadt (Sam Peckinpah drehte hier Junior Bonner), scheint das Kino nur noch als Zitat und Teil einer touristischen Wertschöpfungskette präsent zu sein. Ganz anders eine halbe Autostunde weiter in Sedona: Die außerweltliche Schönheit der die Stadt in drei Himmelsrichtungen umfassenden roten Felsen, eingefangen in zahllosen Hollywood-Klassikern von Johnny Guitar bis Karate Kid, verleiht noch den alltäglichsten Beschäftigungen etwas Surreales. Man stellt sein Auto auf einem Parkplatz ab, steigt aus und, zack, ist man im Raum des Mythos. Für den reality check sorgt in diesem Fall die im Ort grassierende Esoterik. Wir stolpern zufällig in eines ihrer Nester, ins Rose Vortex Cafe, und können uns kaum retten vor lauter Tarot-Karten und Pamphleten windiger Spiritual-Healing-Propheten. „Stay high, my friend“, begrüßt die selbst verspulte Bedienung einen Stammgast.

Keine Schönheit, die nicht dafür geeignet ist, von irgendwelchen Spinnern ausgebeutet zu werden. Die National Parks und State Parks der USA hingegen sind nicht nur wichtige Naturschutzgebiete, sondern Reservate der Vernunft, in denen bisweilen auch ein menschlicher Umgang mit dem Mythos eingeübt wird – wie etwa in einem der spektakulärsten Parks überhaupt, dem Grand Canyon National Park. Ausgerechnet am Presidents’ Day kommen wir dort an. Auf dem steilen Wanderweg am Südrand des Grand Canyon begegnen wir keineswegs nur erfahrenen Bergsteigern, vielmehr jede Menge staunender, überforderter Touristen, die mit uns erfahren, was es heißt, in eine Postkarte hinein zu klettern.
Nachts im Hotel, immer noch: Schifferle. Im Buch folgen auf den der Tageskritik gewidmeten Abschnitt noch drei weitere Kapitel: „Filmessays“, „Portraits/Essays“ und „Nachrufe“. Gleich am Anfang ein langer, vielschichtiger Text zu einem ewigen Schifferle-Lieblingsfilm, Blake Edwards’ Breakfast at Tiffany’s. An der Oberfläche des Films entlang geschrieben einerseits, andererseits voller Tiefenbohrungen und vor allem Seitenblicken. Analytisch und stets glasklar, nie raunend; stets enthusiastisch, nie schwärmerisch – stets jedoch um maximalen Abstand bedacht zum akademischen Genre „Filmanalyse“. Schon in der äußeren Form: Zwischentitel, die sich manchmal wie eine Inventarliste lesen („Mr. Yuniyoshi“, „Cat“, „Die Party“), mal klassischer beschreibend („Nebeneinander - Überkreuz - endlich zueinander“). Manche Absätze ziehen sich (im Satz des vorliegenden Buches) über eine Seite, andere sind nur zwei Zeilen lang. In einigen anderen Essays gibt es statt Zwischenüberschriften lediglich eine durchlaufende Nummerierung, ein Ordnungsprinzip, das keines ist, weil es nicht die eine Beobachtung mit der nächsten verknüpft, sondern eher die einzelnen Textbestandteile gegeneinander abdichtet. Jeder Gedanke ist gleichwertig.

Stärker schlagen in den längeren Texten persönliche Vorlieben und Obsessionen durch. Ein Motorradtext, ein Porno-Text (siehe unten), ein Jess-Franco-Text. Weitere Desperados tauchen auf, unter anderem Ulli Lommel, Rolf Thissen und, in Schifferles letztem veröffentlichten Text, einer seiner eigenen Lieblingskritiker, Wolf-Eckart Bühler. Vor allem geht es in diesen teils auch in Liebhaber- und Fanmagazinen wie Steadycam oder 24 veröffentlichten Texten viel um Verschüttetes und Vergessenes: amerikanische B-Western der 1950er, obskure Curt-Siodmak-Horrorfilme, Wolfgang Glücks …denn das Weib ist schwach, „ein unterschlagenes Stück deutscher Filmgeschichte“. Schön, dass solche Formulierungen bei Schifferle nie verbiestert klingen, ein heiliger Krieger gegen den bösen Filmkanon war er nie.
Vielleicht ist es ja in der Tat so, dass sich manche Filme oder gar Filmografien im Off der Filmgeschichte ziemlich wohl fühlen – an Orten, in die nie eine Berlinale-Retrospektive hineinleuchten wird und die stattdessen von Leuten wie Schifferle bereist und beschrieben werden. Nicht als singuläre Meisterwerke oder als autonome Kunst beschreibt Schifferle solche Filme. Alle haben sie für ihn Teil am Kino als einem Kontinuum der Attraktionen und Lockungen; und sind außerdem maximal empfänglich für Einflüsse aus anderen Künsten (sicherlich die wichtigste für den Buchmensch Schifferle: die Literatur), für Modetrends, Innovationen im Bereich der Lebensstile… Ein toller Text zu Kenneth Anger beispielsweise macht fast nichts anderes, als den diversen Spuren nachzugehen, die das Werk des Avantgardefilm-Exzentrikers mit diversen auf ähnliche Weise derangierten Gestalten inner- wie außerhalb des Kinos verbindet. Wichtig dabei freilich: Es geht nicht darum, die Filme lediglich in einen Kontext einzurücken und sie damit tendenziell zu normalisieren. Ganz im Gegenteil konturieren die Querverbindungen und Einflüsse, die Schifferle ausfindig macht, das Individuelle, Idiosynkratische des jeweiligen Werks.
I want your ugly, I want your disease – Lady Gaga

Noch einmal zurückgeblättert in den ersten Teil des Buches, zu einem SZ-Text über Robert Zemeckis’ Forrest Gump. Ein vielgehasster Film in meinen Social-Media-Kreisen. Schifferle hingegen scheut nie zurück vor einem Übermaß an Sentiment und spürt neugierig den Ironien dieses wahnwitzigen Stücks Nostalgie- und Gefühlkinos nach. Die „so simplen wie raffinierten Methoden“ des „bizarren Nostalgikers“ Zemeckis resultieren in einer technisch hochgerüsteten, uramerikanischen „Wiedererlangung der Unschuld“. Oder anders herum: „Authentizität ist vielleicht nur eine andere Form von Fantasy“.
Auf unserer Reise begegnen wir Forrest Gump ausgerechnet, aber auch folgerichtig, in Las Vegas, in der Filiale einer Forrest-Gump-themed Seafood-Restaurantkette auf dem Strip, die bis an die Decke behängt und zugestellt ist mit freundlichem, mal mehr, mal weniger deutlich auf den Film bezogenen Kulturindustrie-Krimskrams. Sogar der Kellner löchert uns mit Forrest-Gump-Trivia-Fragen. Eine Arbeit am Mythos, wie sie der Zemeckis-Film durchaus noch darstellt, ist das nicht mehr. Zeitgeschichte verschmilzt mit Filmgeschichte zur Immanenz des Designs.

Einen Abend nur sind wir in Vegas, zu kurz, um in der Stadt verloren zu gehen, vermutlich sogar zu kurz, um sie auch nur richtig in den Blick zu bekommen. Oder ist Vegas am Ende grundsätzlich ein Ort, der alle Blicke, die man auf ihn wirft, immer sofort absorbiert? Den man nicht besuchen muss, um ihn zu kennen und der sich deshalb auch nicht ändert, der nichts in einem ändert, wenn man ihn besucht? Vielleicht ist alles auch viel banaler und wir sind schlicht ein paar Jahre zu alt für diese Stadt. Jedenfalls ist Vegas für mich in der Rückschau nur ein großes, durchaus angenehmes, fast wohliges, wenngleich schon auch unfassbar obszönes Glitzern zwischen dem wuchtigen Industrie-Monumentalismus des Hoover Dam und der außerweltlichen Schönheit der Felsformationen des Valley of Fire nordöstlich der Stadt, die wir einen Tag später bewundern.
Ich weiß nicht mehr, welche Schifferle-Texte ich in Vegas im Hotel gelesen habe. Ich hoffe, der Porno-Text war dabei. Er ist das heimliche Herzstück des Buches.
Die Kult-Cinephilie igelt sich manchmal etwas arg wohlig in ihren Horror- und Trashfilmzirkeln ein. Schifferle hingegen wagt sich hinaus in die Wildnis der Pornografie. Und zwar nicht nur ins fast schon von der offiziellen Cinephilie eingemeindete Golden Age der 1970er, sondern auch in die endlosen Weiten der Videopornografie späterer Dekaden, bis hin zu den „Kassetten für Bizarr-Spezialisten“, deren visuelles Repertoire sich auf Großaufnahmen von „Fäkalorgien oder Analweitung“ beschränkt und die Schifferle gegen Angriffe aus der eigenen, um Restrespektabilität bemühten Industrie verteidigt: „Was ist härter: wenn eine Frau von zwei Riesenschwänzen gleichzeitig vaginal und anal penetriert wird, aber die Bilder sind sauber, oder wenn sich Mann und Frau gleichzeitig ins Gesicht pinkeln?“ Eine Frage, die sich die Filmkritik nicht allzu oft gestellt hat.

„True Blue“ heißt dieser große, kaleidoskopische, programmatisch unsystematische und gleichwohl analytische Porno-Grundsatzessay, den Mannes und Aurich in ihr Schifferle-Buch aufgenommen haben (zwei andere Schifferle-Pornotexte, zu Michael Ninns Latex und der Darstellerin Melissa Melendez, sind als Zweitveröffentlichungen auf critic.de greifbar). Schifferle schreibt über Pornos erfahrungssatt und aus der Connaisseurs-Perspektive; ohne je, das ist die Eleganz der alten Schule, in die erste Person Singular zu wechseln.
Wo das Kino nicht mehr ganz Kino ist, gerät sein Gebrauchswert in den Blick. Der pornographische Film ist bei Schifferle nicht zu trennen von den Rezeptionsformen, die er hervorbringt. Gleichzeitig freilich ist Porno durch und durch Fantasieproduktion. Schon auf der Ebene der reinen Repräsentation: „Ein Penis in Großaufnahme in bestimmter Beleuchtung aufgenommen kann einem Raumschiff ähneln“. Pornos stehen „zwischen Méliès und Lumière“, wie in Forrest Gump und Las Vegas sind Authentizität und Künstlichkeit keine Widersprüche, sondern zwei Impulse, die einander verstärken. Schifferle beschreibt die Pornoindustrie als eine hochgradig selbstreflexive Unternehmung, als „eine ironische Nebengesellschaft zu Hollywood“. Eben in ihrer Unreinheit „spitzen [Pornos] Grundprobleme des Filmemachens und Filmesehens zu“ und vermitteln „immer noch einmal den Schock des Bildes“. „The visual is essentially pornographic“ heißt es beim marxistischen Theoretiker Frederic Jameson.
Dem sei abschließend nur ein kleiner Gedanke hinzugefügt: Vielleicht ist Amerika selbst wie ein Pornofilm. Wo es am meisten mit sich selbst identisch ist, ist es auch am Artifiziellsten.
Das Buch "Hans Schifferle - Berufung Kritiker" kann man hier erwerben.
Bilder: Las Vegas (Larry D. Moore, 1986, Wikimedia Commons), Screenshots aus Frühstück bei Tiffany und Dr. Penetration, alle anderen Fotos vom Autor.













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