Cinema! Italia!
Ein Praxisseminar ermöglicht den Bachelor-Studenten der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2006/2007 das Verfassen von Filmtexten, die ihre Publikation hier auf critic.de finden.
Das italienische Filmfestival „Cinema! Italia!“ beendete vom 14.12. bis 20.12.2006 seine dreieinhalb monatige Deutschlandtournee durch 27 Städte in Berlin. Die mittlerweile neunte Auflage präsentierte sieben aktuelle Produktionen im Original mit deutschen Untertiteln in den Kinos Babylon Mitte und filmkunst 66.
In den achtziger Jahren fiel der italienische Film in eine lang anhaltende Krise und besonders auf internationalem Gebiet verlor das italienische Kino an Bedeutung. Lange in bürokratischen und politischen Händen, wurde die Kreativität und Ernsthaftigkeit des Kinos unterspült. Laut Regisseurin Cristina Comencini, die für Die Bestie im Herzen (La bestia nel cuore, 2005) den Publikumspreis entgegennahm, erlebte das Kino in ihrer Heimat in den letzten Jahren jedoch eine Revolution. Filme mit universellem Charakter gewinnen das verlorene Publikum zurück und der Marktanteil italienischer Filme ist nicht nur in Italien selbst, sondern in ganz Europa wieder gestiegen. Filme wie Brot und Tulpen (Pane e tulipani, 2000) von Silvio Soldini und Das Zimmer meines Sohnes (La Stanza del figlio, 2001) von Nanni Moretti feierten auch internationale Erfolge. Dabei ist die von der Vereinigung „Made in Italy“ organisierte Tournee „Cinema! Italia!“ zu einer wichtigen Veranstaltung geworden, die das zeitgenössische italienische Kino fördert. Sie ist ein Versuch die neue Qualität in das Ausland zu transportieren und an alte Traditionen anzuknüpfen. Allerdings stellt sich die Frage, ob die hier präsentierten Autorenfilme dem Anspruch gerecht werden und die neue Qualität verkörpern.
In nahezu allen Filmen sind Komödienelemente erkennbar, die das jeweilige Thema dadurch nicht etwa leichter zugänglich machen. In Die Folgen der Liebe (Le Conseguenze dell’amore, 2004) beispielsweise erschweren Slapstickmomente das Eintauchen in die dargestellten Konfliktsituationen, etwa wenn ein beobachteter Passant plötzlich gegen eine Laterne läuft. So entstand insgesamt der Eindruck, dass zwar sehr wohl der Wunsch und die Fähigkeit zum narrativen Erzählen vorhanden ist, jedoch nicht immer eine ausgereifte Umsetzung findet. Bei einigen Beiträgen erschien der Plot sehr flach, bei anderen war eine Überfrachtung an Themen spürbar. Manche Bilder wirkten nahezu kitschig, etwa eine Montage von Meerwasser und Berggipfel, mit entsprechendem Italopop unterlegt und Anklängen an die Musikvideoästhetik der achtziger Jahre.
In diesen achtziger Jahren verursachte die Privatisierung des Fernsehens in Italien eine enorme Kino-Krise, da das Fernsehen es schaffte, das ansonsten sehr kinofreudige Publikum an sich zu reißen. Die Kinoproduktionen reagierten darauf, indem sie sich dem neuen ästhetischen Standard anpassten. Dies hatte eine Vermischung der Sparten zur Folge, was dem Kino einen internationalen Imageverlust bescherte. Wie schwierig es weiterhin ist, anspruchsvolle Themen leicht zu verpacken und gleichzeitig qualitativ hochwertig zu sein, um einem internationalen ästhetischen Kinostandard gerecht zu werden, zeigt sich besonders deutlich an zwei Filmen aus dem Jahr 2005.
Licht aus! (A luci spente) von Maurizio Ponzi und Die zweite Hochzeitsnacht (La seconda notte di nozze) spielen in der Besatzungszeit des 2. Weltkrieges beziehungsweise der unmittelbaren Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges, doch statt die Möglichkeit der innewohnenden Kriegsthematik wahrzunehmen, trägt der Kriegsschauplatz nur scheinbar zur eigentlich erzählten Geschichte bei.
In Licht aus! entgeht eine Gruppe römischer Männer der Haft oder Rekrutierung, indem sie sich an einem Filmset verstecken, wo sie als Komparsen und schließlich als Schauspieler aufgenommen werden. Verweise auf das Geschehen in der Stadt werden nur en passant eingebracht. Am Schluss verwendet der Film historisches Bildmaterial, das die Befreiung Roms durch die Alliierten zeigt. In dieser Form zelebriert Licht aus! die Geburtsstunde des Neorealismus. Dieser Hintergrund scheint einem Film den Weg ins Kino geebnet zu haben, der mit seiner faden Dramaturgie ansonsten eher an TV-Formate erinnert. Besonders ärgerlich ist hier der lapidare Umgang mit der Deportation italienischer Juden, und der Angst vor Luftangriffen.
Auch in Die zweite Hochzeitsnacht finden Elend und Hungersnot in Bologna nur sporadische Erwähnung. Die kurze Bildeinblendung eines verlassenen Innenhofes, oder ein Teller verkochter Spaghetti reicht kaum aus, um den ‚Kriegs-Stoff’ dicht in die Geschichte zu verweben und Eindringlichkeit entstehen zu lassen.
Aber auch andere Filme des Festivals beschäftigen sich mit dem Thema der Vergangenheitsbewältigung anhand von individuellen menschlichen Schicksalen, und sie wissen sich durch künstlerische und ästhetische Besonderheiten auszuweisen.
Dabei bildet der mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Film Die Bestie im Herzen den Höhepunkt des Festivals. Nach der Vorführung standen Regisseurin Cristina Comencini und ihr Produzent Riccardo Tozzi dem Publikum Rede und Antwort, wobei sich die Fragen besonders auf den Zusammenhang zwischen Film und Realität bezogen.
Trotz des ernsten Themas Kindesmissbrauch, ist Die Bestie im Herzen kein Film der das Publikum erschreckt. Die Handlung wird auf eine leichte Art und Weise erzählt, in der sich die dramatischen Szenen immer mit beschwingten, heiteren Stellen abwechseln. Auch die eingesetzte Instrumentalmusik sorgt dafür, dass der Zuschauer sanft an die Thematik herangeführt wird. Die Geschichte handelt von der jungen Frau Sabina, die seit einiger Zeit von Alpträumen geplagt wird. Sie besucht daraufhin ihren Bruder Daniele in den USA, um die Gründe dafür herauszufinden und in ihre verdrängte Vergangenheit einzutauchen.
Beeindruckend wird mit Hilfe von Rückblenden und Traumsequenzen der Erinnerungsvorgang von Sabina übersetzt. Immer wieder werden Bilder aus der Vergangenheit, die plötzlich in Sabinas Bewusstsein einbrechen, in die Szenerie hineingeschnitten. Zudem wird der Zuschauer durch Plansequenzen in die Orte der Handlung eingeführt. Die Nebenhandlungsstränge zeigen Menschen, die alle auf ihre eigene Art und Weise tragische Existenzen führen. Es wird ihr Umgang mit Liebe und Erinnerung in der Gegenwart thematisiert.
Letztendlich ist Die Bestie im Herzen ein kraftvoller Film, der auf einer wahren Begebenheit basiert. Comencini betonte, es war ihr wichtig zu zeigen, dass jeder Mensch sexuelle Gewalt und Verlangen in sich trägt, aber trotzdem die Möglichkeit hat „nein“ zu sagen, es zu kontrollieren. Dass bei der Schwierigkeit sich zu entscheiden, die Grenzen zwischen Gut und Böse schnell verwischen können, ist allerdings nichts Neues.
In Antonio Capuanos gesellschaftskritischem Drama Ich bin Mario (La guerra di Mario, 2005) steht der neun Jahre alte Titelheld, der wegen des Verdachts auf Misshandlung und Missbrauch zu den Pflegeeltern Giulia und Sandro kommt, im Mittelpunkt. Giulia will eine gute Pflegemutter sein, erfüllt Mario jeden Wunsch, ist stets geduldig und möchte dem Jungen vor allem das Gefühl geben, er selbst sein zu dürfen. Sandro allerdings überfordert die Situation, weshalb er übergangsweise auszieht. Doch Mario will und kann sich nicht anpassen. Er führt einen imaginären Krieg, in dem er foltert und tötet. Sein einziges Ziel ist es, zu überleben. Da natürlich niemand weiß, was in dem Jungen vorgeht und das Jugendamt nur sieht, dass er sich nicht in die Gesellschaft eingliedert, wird er Giulia und Sandro wieder entzogen. Bei dem Urteil umarmt Mario Giulia. Und in dieser Szene, so scheint es, wird das ganze Drama des Jungen deutlich. Er verliert den Menschen, der ihm das erste und vielleicht das letzte Mal gezeigt hat, dass er geliebt wird. So sieht sich Mario wieder allein.
Der Film wählt einen interessanten Weg, Marios imaginären Krieg darzustellen. Wenn der Junge sich seiner Umwelt entzieht, werden die Bilder in Schwarzweiß getaucht, immer dunkler und langsamer, ehe sie fast zum Stillstand gelangen. Die Stimme des Protagonisten spricht im Off von brutalen Kriegshandlungen. Diese Momente zeigen eindrucksvoll, wie sehr Mario von seiner Außenwelt entzweit ist. Und es bleibt die Frage, was aus diesem neun Jahre alten Jungen, der seine Umwelt als Bedrohung empfindet, wird, wie er jemals wieder Vertrauen aufbauen soll – in die Menschen, die ihn doch eigentlich nur lieben wollen.
In Die Folgen der Liebe von Paolo Sorrentino steht die gebrochene Figur Titta Di Girolamo im Mittelpunkt. Er lebt seit acht Jahren in einem Hotel und transportiert einmal pro Woche einen Geldkoffer für die Mafia. Allen dort ist er ein Rätsel - in sich gekehrt, abwesend, scheinbar ohne Gefühle. Niemand weiß, was er tut, noch was in ihm vorgeht. Titta ist kein Mann vieler Worte, auf Fragen folgt nur ein eiserner Blick und in den kurzen wenigen Dialogen gibt er nichts von seiner Person preis. Nur im Voice-over gewährt Titta dem Zuschauer Einblicke in seine Gewohnheiten und Zwänge.
Die Stille und Einsamkeit, in der Titta gefangen ist, wird von langen und ruhigen Kameraeinstellungen erzeugt. Zudem wird kaum und nur sehr subtil Musik eingesetzt. Lediglich die Szenen, in denen er seinen diskreten Geschäften nachgeht, werden von eingängiger rhythmischer Musik begleitet. Auf diese Weise entsteht ein Eindruck von Stillstand. Im Kontrast zu dieser Bewegungslosigkeit erschließt die Kamera den Raum, in dem er sich befindet, mit zahlreichen Fahrten und Schwenks. Sein Leben würde wohl weiter in dieser Endlosschleife verlaufen, wenn er nicht zarte Gefühle für die Barfrau Sofia (Olivia Magnani) entwickeln würde.
Geh nicht fort (Non ti muovere, 2004) von und mit Sergio Castellitto ist ein weiterer Film, der sich mit dem Einzelschicksal von Menschen auseinandersetzt. Der Arzt Timoteo ist zwischen seiner Frau und seiner Geliebten Italia (Penelope Cruz), die aus einem völlig anderen Milieu kommt, hin-und hergerissen. Als er sich für Italia entscheidet, ist es bereits zu spät. Die Geschichte wird in diskontinuierlichen Rückblenden erzählt. Ausgangspunkt für das Durchleben seiner Vergangenheit ist der Verkehrsunfall von seiner Tochter Angela.
Im Gegensatz zu Die Folgen der Liebe und Die Bestie im Herzen, bei denen etliche Plansequenzen eingesetzt werden, ist dieser Film künstlerisch und ästhetisch weniger virtuos. Die zahlreichen Märchenmetaphern, beispielsweise der rote Schuh, den Italia kurz vor ihrem Tod verliert und den der Leid geplagte Protagonist am Ende auf den Boden stellt, um damit den inneren Abschied zu seiner großen Liebe zu verdeutlichen, wirken eher platt. Auch seiner eigenen moralischen Problemstellung weicht der Film aus. Timoteo ist ein Feigling, und sein Dilemma wird dadurch gelöst, dass Italia stirbt und sein einziges Kind am Ende doch überlebt.
Letztendlich kann von einer Revolution bei „Cinema! Italia!“ nicht die Rede sein. Die Filme bemühen sich zwar, sind jedoch künstlerisch und thematisch weder neu noch wagemutig. Sicher stellen die ausgewählten Filme dieses Festivals eher die Kassenschlager der letzten Jahre dar, als die künstlerisch hochwertigsten Produktionen. Wobei sich Die Folgen der Liebe durch seine Bildsprache von den anderen Filmen absetzt. Auch hier sind die Motive altbekannt, trotzdem findet der Film seinen eigenen Rhythmus die Geschichte zu erzählen.
Wir dürfen gespannt auf das nächste „Cinema! Italia!“ warten und hoffen dort mehr von der versprochenen neuen Qualität zu sehen.
Franziska Henning, Hanna Cramer, Martina Neu








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