Bernardo Atxaga verfilmt

Ein Praxisseminar ermöglicht den Bachelor-Studenten der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2006/2007 das Verfassen von Filmtexten, die ihre Publikation hier auf critic.de finden.

Bernardo Atxaga in Berlin. Im Gepäck sein neuester Roman und die aktuellen Verfilmungen früherer Werke.

Er ist Dichter und Romanautor und gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der baskischen Literatur. Bernardo Atxaga, 1951 im baskischen Asteasu geboren, veröffentlichte schon mit 20 seinen ersten Roman und wurde bereits mehrmals mit Preisen ausgezeichnet. Im September erschien in Deutschland sein neuester Roman Der Sohn des Akkordeonspielers (El hijo del acordeonista), sein bisher persönlichstes und politischstes Werk, das von zwei Freunden erzählt, die aufgewachsen in einem Dorf, als Studenten in den Bannkreis der ETA geraten.

Anlässlich der Veröffentlichung des Buches fand am 5. Dezember im Instituto Cervantes eine Lesung des Autors statt. Einen Tag zuvor wurden im Berliner Kino Arsenal die Verfilmungen zweier früherer Werke Atxagas, zeru horiek/esos cielos und Obaba, präsentiert. zeru horiek/esos cielos ist die Geschichte der ehemaligen ETA-Terroristin Irene, die sich nach vierjähriger Haftstrafe nun endlich auf freiem Fuß befindet. Mit dem Bus reist sie von Barcelona in ihre Heimatstadt Bilbao zurück, eine schwierige Heimkehr, auf der Irene ihre Zeit als Aktivistin im Untergrund und ihre Haftstrafe Revue passieren lässt. Freude über die neu gewonnene Freiheit, Zukunftsängste und das Gefühl der Einsamkeit wechseln sich ab, denn ihre Familie hat inzwischen den Kontakt fast gänzlich zu ihr abgebrochen und in ihrem ehemaligen politischen Umfeld gilt Irene als Verräterin. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, sind ihr auch schon zwei Polizisten auf der Spur, die mit allen Mitteln versuchen, sie zur Zusammenarbeit gegen andere Aktivisten der ETA zu überreden.

Der auf diesem Werk basierende gleichnamige Film der baskischen Regisseurin Aizpea Goenaga beginnt mit der Haftentlassung Irenes in Barcelona. Man sieht eine hübsche zierliche Frau mittleren Alters, die aus einem großen Gefängnistor in die Freiheit tritt. Wenig später nimmt sie sich ein Hotelzimmer, verbringt die Nacht trinkend in einer Bar und geht anschließend mit einem wildfremden Mann ins Bett. Bald darauf nimmt Irene den Bus in ihre Heimatstadt, die im Film zu San Sebastián wird. Wie auch im Roman wird während der Busreise, anhand von Rückblenden, Irenes Vergangenheit erzählt. Man erfährt vom ungeklärten Mord ihres Geliebten, ihrer Haft und dem Bruch mit der ETA als Irene ihre Haftentlassung beantragt.

Schon nach wenigen Minuten des Films wird klar: es handelt sich um eine low-budget Produktion, die Bild- und Tonqualität ist schlecht und erinnert an südamerikanische Telenovelas. Offensichtlich hat es sich die Regisseurin wohl auch zur Aufgabe gemacht, die Romanvorlage so detailgetreu wie nur möglich wiederzugeben. Vor allem die Dialoge scheinen eins zu eins übernommen zu sein sowie auch die meisten Szenen der Handlung. Hin und wieder musste die Romanvorlage dann aber doch leicht verändert werden, zum Beispiel um Irenes Gefühlswelt zu visualisieren. Änderungen, welche die Regisseurin, wie sie im anschließenden Filmgespräch erklärt, nur „äußerst ungern“ vorgenommen hat und die es, wie zum Beispiel Irenes Zusammenbruch unter der Dusche, nicht wirklich schaffen deren Einsamkeit und Verzweiflung zu vermitteln. Dies ist leider auch auf das weniger gute Spiel der Hauptdarstellerin zurückzuführen, das sich vor allem in ihrer Mimik äußert. Die Hauptdarstellerin ist eine Frau deren niedliches, adrettes Erscheinungsbild eher in eine Liebeskomödie passen würde. Man schafft es einfach nicht sich diese sanfte Frau als gefährliche Terroristin vorzustellen. Auch viele Nebenfiguren, wie zum Beispiel der „gute Bulle“, der versucht Irene auf seine Seite zu ziehen oder die beleibte Frau, der Irene im Bus begegnet, wirken fehlbesetzt und allenfalls komisch.

In Bernardo Atxagas Roman wird die Handlung immer wieder von Gedichten unterbrochen, von denen sich nicht eines im Film wieder findet. Auch der Bezug zum Himmel (esos cielos bedeutet auf Spanisch „dieser Himmel“) auf dessen Wandlung während der Reise immer wieder eingegangen wird, fällt fast gänzlich unter den Tisch und somit auch dessen wichtige metaphorische Bedeutung für die Handlung. Von der leisen Poesie des Romans ist in der Verfilmung nichts wieder zu finden.

Zeru horiek/esos cielos ist im Rahmen eines Projektes, das Filme in den vier verschiedenen Landessprachen präsentieren will, entstanden und wird erst im Januar seine Erstausstrahlung im spanischen Fernsehen erleben. Er wird, so versichert Bernardo Atxaga, wegen seines heiklen Themas äußerst heftig diskutiert werden. Der Umgang mit ehemaligen Terroristen, die Frage nach Versöhnung und Amnestie stehen im Zentrum des Films, von dem sich der Autor einen Beitrag zur Verarbeitung der Vergangenheit erhofft. Nichtsdestotrotz ist man irgendwie froh, wenn Irene in San Sebastián endlich aus dem Bus steigt.

Obabakoak ist das Werk, welches Bernardo Atxaga zum Durchbruch verhalf und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Die 28 sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten des Bandes handeln immer wieder von Einsamkeit, Gewalt und Wahnsinn und davon, ausgeschlossen zu sein innerhalb einer Gemeinschaft. Viele der teils magischen Geschichten sind in Obaba angesiedelt, einem fiktiven Dorf im Baskenland, das gleichzeitig ländliche Idylle und einengende Verschlossenheit verkörpert.

Für Obaba, die Verfilmung dieses Werkes, wählte Regisseur Montxo Armendáriz acht Kurzgeschichten aus und gab ihnen mit der Filmstudentin Lourdes, die nach Obaba reist, um mit der Videokamera die „Wirklichkeit“ diese Ortes einzufangen, einen neuen Rahmen. Während ihres Aufenthaltes im Dorf gerät Lourdes immer mehr in den Bann der Vergangenheit und der Erinnerungen der Einwohner Obabas.

So erfährt man von der romantischen Lehrerin Inés, die den Ausgangspunkt der anderen sieben Geschichten bildet, denn die Protagonisten der anderen Erzählungen waren einmal alle Schüler von Inés. Die junge Frau wartet, todunglücklich im einsamen Obaba der sechziger Jahre, vergeblich auf einen Brief ihres „besten Freundes“. Als sie sich mit ihrem Schüler Manuel anfreundet, wird Inés zur Zielscheibe des Geredes der sittenstrengen Dorfbewohner. Diese Geschichte und die des deutschen Ingenieurs Werfell (gespielt von Peter Lohmeyer), der seinen Sohn durch eine Lüge davon abbringt ein Teil der von ihm verhassten Dorfgemeinschaft zu werden, bilden den Kern der Verfilmung. Und da wäre zum Beispiel noch Lukas, dessen Schwester Marga durch einen vermeintlichen Unfall im Fluss ertrinkt und der später zum geisteskranken Mörder wird.

Viele der Kurzgeschichten Atxagas werden in der Verfilmung abgeändert, weitergesponnen und vor allem zueinander in Beziehung gesetzt, so dass sie ein Ganzes ergeben. Dies gelingt Regisseur Montxo Armendáriz, der es darüber hinaus schafft, den Figuren des Buches auf der Leinwand Leben einzuhauchen ohne dass diese ihren Geist und deren Geschichten an Bedeutung verlieren. Und er erreicht sogar noch mehr: Er macht die literarisch anspruchsvollen Erzählungen Bernardo Atxagas zugänglicher und sinnlicher, wenn er dabei auch manchmal, wie bei der Liebesgeschichte zwischen Inés und ihrem Schüler, nicht den richtigen Ton trifft. Lichtsetzung und die Inszenierungen von Blicken lassen dann schon mal ein Gefühl von Kitsch aufkommen. In Atxagas Version der Erzählung rächt sich Inés am Ende an Manuel, weil er Gerüchte in die Welt gesetzt hat, so dass dieser schließlich nicht mehr zur Schule kommt. Die Geschichte der Filmstudentin Lourdes soll wohl dazu dienen die Erinnerungen der Dorfbewohner miteinander zu verknüpfen, aber leider wirkt sie manchmal etwas konstruiert und fehl am Platz. Am Ende des Films wird Lourdes selbst ein Teil ihrer Dokumentation über Obaba, denn sie verliebt sich in Miguel, den Sohn der Lehrerin Inés und Manuels, und entschließt sich zu bleiben. Das ist vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen. Der eigentlich gelungene Film über verschiedene, miteinander verknüpfte Schicksale eines baskischen Bergdorfes hätte auch ohne Videokamera-Trip und die obligatorische Lovestory funktioniert.

Obwohl der Film zeru horiek/esos cielos nicht ansprechend war und Bernardo Atxaga bei der Lesung oft dazu neigte umschweifend auf Fragen zu seinem neuen Roman einzugehen, verlieh die vom Instituto Cervantes präsentierte Veranstaltung doch insgesamt einen interessanten Einblick in die literarische Welt des Schriftstellers, welche sich hauptsächlich um das Baskenland, dessen Einwohner und deren soziale sowie politische Probleme dreht. Eine Veranstaltung die dazu anregte sich auch weiterhin mit den Werken des Autors zu beschäftigen.

Annegret Wiemann

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Foto: © Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.

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