Around the World in 14 Films
Ein Praxisseminar ermöglicht den Bachelor-Studenten der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2006/2007 das Verfassen von Filmtexten, die ihre Publikation hier auf critic.de finden.
Im Kino Babylon Mitte teilten die Veranstalter zwischen dem 01. und 09.12.06 ihre gesammelten Filmeindrücke vergangener Filmfestivals mit dem Berliner Publikum. Entstanden ist eine weitestgehend homogene recht persönliche Schau, die inhaltslastig wirkte und mit nicht immer ästhetisch überzeugenden Filmen aufwartete.
Am vergangenen Sonnabend, den 09.12.06 wurde „Around the World in 14 Films“, das Berliner Filmfestival im Kino Babylon Mitte, feierlich beendet. Das Publikum begrüßte den Abschlussfilm Ouaga Saga aus Burkina Faso mit Ovationen. Ouaga Saga ist ein zeitgenössisches Märchen über eine kleine Gruppe von Freunden, die mit viel Humor die harte Realität eines der ärmsten Länder der Welt besiegen. Dass gerade ein Märchen dieses Filmfestival beschlossen hat, ist sicherlich kein Zufall.
Die Werbung für „Around The World in 14 Films – Das Berliner Independent Filmfestival“ wurde unter anderem von der Mitteilung begleitet, dass trotz des beachtlichen Erfolgs auf internationalen Filmfestivals wie Cannes, Venedig oder Locarno, die Mehrheit der vorgestellten Filme keinen deutschen Verleih gefunden hat. In diesem Sinne könnte man auch das Attribut „Independent“ verstehen – unabhängig von dem Budget und anderen Eigenschaften der Produktion, stellten die zu sehenden Filme eher Kunstwerke dar, denen ein Massenerfolg in der „ersten Welt“ schwer zuzutrauen ist.
Außer The Last Life In The Universe (Ruang rak noi nid mahasan) von Pen-Ek Ratanaruang, der seit 2003 in DVD-Version erhältlich ist, waren die Filme auf diesem Festival insofern „Entdeckungen“, weil sie dem breiten deutschen Publikum bis dato überwiegend unbekannt geblieben waren. Festivaldirektor Bernhard Karl, der seit 2001 in der Casting Firma „Anja Dihrberg“ tätig ist und unter anderem als Casting Direktor bei Das Wunder von Bern (2003) arbeitete, sowie Kathrin Bessert, seit 2005 die stellvertretende Leiterin des „Kinofest Lünen“, haben sich bei der Auswahl von Filmen eher intuitiv, als nach einem erkennbaren Prinzip verhalten. Doch zunächst einiges über den Ablauf des Festivals.
Alle Filme während der neuntägigen Dauer des Festivals wurden zwei Mal gezeigt. Ausnahmen waren die deutsche Premiere von Valerie in der Regie von Birgit Möller, welche als Spezial nur einmal lief, sowie der Abschlussfilm Ouaga Saga von Dani Kouyaté, der nur am letzten Tag zu sehen war. Die Einführung in die jeweils erste Sichtung wurde von einem deutschen „Paten“ übernommen. Die Rollen der Patenschaft erfüllten verschiedene deutsche Filmkünstler - Regisseure, Schauspieler, Filmkritiker. Obwohl diese Idee an sich interessant wirkt, sah es meistens so aus, dass die „Paten“ in einem kurzen Monolog dem Publikum verraten haben, dass sie sich lieber nach dem Film auf eine Diskussion einlassen möchten. Dabei blieb wegen der nächsten Vorstellung zur Diskussion häufig nur wenig Zeit, abgesehen von den Fällen, wo sie ganz entfiel, weil die Regisseure nicht anwesend waren.
Haupteigenschaft der großen Mehrheit der Werke war ein Defizit an künstlerischer Überzeugungskraft. Duck Season (Temporada de Patos) von Fernando Eimbcke aus Mexiko, verfügte zum Beispiel über viel Witz und Leichtigkeit des Erzählens, blieb aber anhand dessen Thematik im Rahmen des allzu Bekannten. Zwei Jugendliche, die an einem Sonntag alleine in der Wohnung bleiben und zusammen mit einer jungen Nachbarin und einem Pizzalieferer Cannabiskuchen essen. Die Nachbarin küsst einen Jungen, der eigentlich in seinen Freund leicht verliebt ist, und der Pizzalieferer kündigt unter dem Einfluss von Cannabis seinen Job. Ein schönes Kammerspiel, ein Sonntagnachmittagfilm, mit fast zärtlichem Schnitt und einer Bescheidenheit, die den Film wahrscheinlich einen größeren, internationalen Erfolg kosten wird.
Der wahrscheinlich teuerste aller Filme, Summer Palace (Yihe yuan) von Lou Ye aus China, verfolgt das Liebesleben einer chinesischen Studentin und zwei ihrer Männer. Er beginnt 1987, das Massaker am Tiananmen steht nahe hervor. Summer Palace hat teilweise eine hypnotische Wirkung auf alle, die an die wahre Liebe aus ihrer Jugend glauben. Die Handlung des Films erstreckt sich bis in die Gegenwart, und fände in der zweiten Hälfte des Films kein logisch unberechtigter Zeitsprung von etwa 15 Jahren statt, so könnte man diesen Film ein Meisterwerk nennen. Leider endet alles traurig, nur das Gefühl bleibt, dass kein Happy End mittlerweile genauso kitschig sein kann, wie ein glückliches Melodrama.
Ein inhaltlicher Verknüpfungspunkt der ganzen Reihe war sicherlich der Aufruf nach kultureller Toleranz. „Das ist mein Volk, und in meinem Volk werden Geschichten so berichtet“, sagt uns der Erzähler aus dem Off in dem australischen Film Ten Canoes, dem ersten Spielfilm in der Originalsprache der Aborigines, von Rolf de Heer. Der alte Häuptling des Stammes hat einen jungen Bruder und drei Frauen. Sein junger Bruder ist in die jüngste der Frauen verliebt. Alle Männer unternehmen eine mehrtägige Reise, um die nötigen Mittel für den Bau von Kanus zu besorgen. Der Häuptling nützt diese Gelegenheit um seinem jungen Bruder eine alte Geschichte zu erzählen. Das Erzählen wird sehr oft unterbrochen, der Häuptling nimmt sich viel Zeit, um „den Baum der Geschichte“ wachsen zu lassen. Während die Zeit vergeht, lernt gleichzeitig mit dem jungen Bruder auch das Publikum, Geduld zu haben und sich die schöne fremde Geschichte ruhig und ohne Drang erzählen zu lassen. Das Ergebnis ist überwältigend, und die Botschaft klar – gibt man ihm eine Chance, so kann auch das total Fremde seine Schönheit vor uns entfalten.
Schade, dass Ten Canoes nicht der Abschlussfilm des Festivals im Babylon Mitte gewesen ist. Die Bedeutung dieses Films deckt sich perfekt mit den Absichten der Organisatoren, ihrem deutschen Publikum eine diplomatische Reise um die Welt zu ermöglichen.
Drei Filme haben im Rahmen des Festivals jeweils aus ihrer eigenen Perspektive das Thema des Krieges behandelt. Silence Between Two Thoughts (Sokute bejne do fekr) von Babak Payami folgt dem fiktiven Wechsel zweier lokaler Terrorregimes in einem iranischen Dorf. Eine zwölfminütige Plansequenz mit einer sich erst spät und schleichend in Bewegung setzenden Kamera, welche die Opfer einer Erschießung erst am Ende erblicken lässt, eröffnet den Film. Dieser Auftakt besticht durch seinen Fokus auf den Henker und erzeugt somit eine seltsame, fast voyeuristische Spannung. Das Publikum wird durch die Art des Erzählens sehr langsam in die Geschichte eingeführt. Die lakonischen, meistens unbeweglichen Aufnahmen, versprechen aber kein glückliches Ende.
Nina’s Tragedies (Ha’Asonat Shel Nina) von Savi Gabizon, war neben Ten Canoes eines der Highlights dieses Festivals. Der Film stellt das verfilmte Tagebuch eines seiner Akteure dar, des 14-jährigen Nadav. Nadav ist ein zurückgezogener Junge, der in seine Tante Nina verliebt ist. Nina hat bei einem Anschlag ihren jungen Ehemann verloren und leidet unter angeblichen Halluzinationen. Während die Handlung vorangeht, bleiben die entfernten und fast skurrilen Anschläge, bei denen junge Männer sterben, wie ein Albtraum am Rande von Jerusalem, einem Jerusalem, das man selten in solch friedlichen Bildern gesehen hat.
Die Ästhetik von The Forsaken Land (Sulanga Enu Pinisa) aus Sri Lanka (Cannes Goldene Kamera 2005) war auf einem hohen Niveau. Der Film ähnelte einem poetischen Bilderbuch. Für die Zuschauer, die der östlichen Meditation zugeneigt sind, war das vielleicht genug. Aber für das auf die Handlung orientierte Publikum war The Forsaken Land eine Herausforderung. Die Handlung bietet dem Publikum zu viel Zeit zum Nachdenken, und das Ergebnis ist eher Langeweile als Einsicht. In Bezug auf das breitere Kinopublikum, stellt dieser Film somit eher ein Verleihrisiko dar.
Einen andere Komplex auf diesem Festival bildeten die Werke mit religiöser Thematik. Eines ist der russische Film The Island (Ostrov) von Pavel Lounguine. Schon die Eröffnungssequenz, mit christlich-orthodoxem Gesang und Meeresaufnahmen, zeigte eine überraschende Kraft und Schönheit. Ein Priester hatte in seiner Jugend einen Mord begangen. Jetzt lebt er auf einer nördlichen russischen Insel in einer religiösen Gemeinschaft. Er ist ein Einzelgänger und ein angeblicher Heiliger. Doch während Zuschauersympathien für sein im Rahmen der religiösen Gemeinschaft skandalöses Verhalten mit der Zeit wachsen und er selbst angeblich Wunderheilungen vollzieht, bleibt die Abwesenheit Gottes lange spürbar.
Dieses gut gemeinte Festival war eher schwach besucht, die Paten wirkten häufig unvorbereitet und seltsamerweise schüchtern. Die Diskussionen haben sich auf Themen begrenzt, die man in einfachen Interviews aus dem Internet hätte erfahren können – „Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?“, „Welche Schwierigkeiten gab es?“. Der große Saal im Babylon Mitte war fast immer halb leer und hat auf nach Deutschland gereiste Regisseure wahrscheinlich trist gewirkt. Darüber hinaus hatte man das Gefühl, dass das Publikum eher deswegen da war, weil es von vornherein offen für kulturelle Reisen gewesen war, und nicht umgekehrt – dass einer der Filme eine überraschende Wirkung hinterlassen hätte.
Für Liebhaber hat sich „Around The World in 14 Films“ sicherlich gelohnt, eine andere Frage ist, ob man das gleiche für die Filme sagen kann.
Vukan Mihailovic de Deo







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