2005: Unsere Favoriten

Zum Ausklang des Jahres haben wir die Kinofilme 2005 noch einmal Revue passieren lassen und unsere ganz persönlichen Favoriten für Sie zusammengefasst. 2005 ist zu Ende - es lebe 2006!

Sarah-Mai Dang empfiehlt

2046
Völlig gefangen und zugleich völlig frei: 2046 entwickelt gleich mit den ersten Bildern solch einen starken Sog, sodass man sich augenblicks mittendrin in dem melancholisch-sehnsuchtsvollen Reich der Erinnerung wieder findet und von jener wirren vagen Stimmung ergriffen wird, die auch das stetig, sich wandelnde Hongkong bestimmt. Mit seiner magischen Bild- und Klangkomposition hat Wong Kar Wai eine neue Form des Politischen eingeführt, bei der ein Wahrnehmungsraum entsteht, in dem der Zuschauer die filmischen Zustandsbeschreibungen an sich selbst nachvollziehen und empfinden kann.

Yan Mo - Vor der Flut
Wenn ein einzelnes Bild mehr zu sagen vermag als tausend Worte, dann hat die Kamera gute Dienste getan; wenn dazu noch der Ton, die Montage, ja der gesamte Rhythmus des Films stimmt, dann kann man von einem ausdrucksstarken Gesamtwerk sprechen. So auch bei Yan Mo: Yan Lu und Li Yifan haben mit ihrer Dokumentation über die Zwangsumsiedlung unzähliger Menschen wegen des riesigen Drei-Schluchten-Staudamm-Bauprojekts in China gezeigt, wie gleichgültig sich eine Regierung gegenüber ihrem Volk verhalten kann. In ihren Bildern verschwindet der Einzelne, löst sich gewissermaßen auf.

Die Reise ins Glück
Von einer "Reise ins Glück" ist bei diesem Film tatsächlich zu sprechen - oder kann man es nicht als Glückseligkeit bezeichnen, wenn man wunderbar abtauchen kann in ein skurril-psychedelisches Märchenreich? Ob auf dem Schneckenschiff von Kapitän Gustav oder auf der Insel von König Knuffi, überall fühlt man sich genau richtig und total fehl am Platz zugleich. Dieser Schwindel, dieser Wirbel, dieses Wirrwarr, diese Filmwelt, die in ihrer komisch-grotesken Inszenierung an Ken Russells erinnert, macht deutlich: Die Zukunft des Kinos liegt nicht in der digitalen Technik, sondern, im Gegenteil, im Werkeln und Basteln, im Löten und Knoten: in der Magie.

 

Lukas Foerster empfiehlt

Die Reise ins Glück
Acht Jahre hat sich Wenzel Storch Zeit gelassen, um sein erstes 35mm-Werk fertig zu stellen. Herausgekommen ist eine Art obszönes Märchen, mit sprechenden Tieren und unglaublicher, in jahrelanger Kleinarbeit zusammengebastelter Ausstattung. Wer im Kino zwanghaft nach Sinn und Ordnung suchte oder unter Urinphobie litt, konnte mit Die Reise ins Glück nicht allzuviel anfangen. Für alle anderen jedoch war die Geschichte von Kapitän Gustav und seinen Freunde ein Fest für Augen und Ohren.

Tropical Malady
Was als Schwulendrama begann, verwandelte sich im zweiten Abschnitt in ein sinnliches Filmabenteuer, das allen Sehgewohnheiten zuwider zu laufen schien und dennoch in ungewöhnlicher Weise zu fesseln vermochte. Ein Mann jagt im Dschungel ein mysteriöses Wesen, halb Mensch, halb Raubkatze. Tropical Malady, der erste Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul mit deutschem Kinostart, stellte eine Herausforderung dar, die anzunehmen sich in jedem Fall lohnte.

 

David Gaertner empfiehlt

Million Dollar Baby
Welcher Regisseur möchte nicht ein Meisterwerk schaffen, für das ihn noch künftige Generationen in Erinnerung behalten. Der 25jährige Orson Welles erreichte dies bereits mit seinem Debütfilm Citizen Kane (1941). Clint Eastwood dagegen lieferte mit 63 Jahren das krönende Werk seiner Kariere ab. Doch was man nach Erbarmungslos (Unforgiven, 1992) nicht mehr für möglich gehalten hat, ist mit Million Dollar Baby eingetreten. Es kommt einem wie ein doppelter Sechser im Lotto vor, dass Eastwood im stattlichen Alter von 74 Jahren eine weitere Krönung seines Oeuvres präsentiert. Was macht Million Dollar Baby nun zu einem Meisterwerk? Überzeugen Sie sich selbst!

Sideways
Alexander Paynes Oeuvre ist noch verhältnismäßig klein, doch vollzog er im Verlauf seiner vier Spielfilme umfassenden Regiekarriere in seiner Entwicklung wahre Quantensprünge. Sideways stellt den vorläufigen Höhepunkt dar, in dem es dem Regisseur gelingt in einer einmaligen Symbiose Lakonik im Stil eines Aki Kaurismäki mit dem facettenreichen Humor eines Blake Edwards zu verschmelzen. Getragen wird dieses Konzept vor allem von Paynes Antihelden Miles, ein Englischlehrer und verkappter Schriftsteller. Meisterhaft integriert der Hauptdarsteller Paul Giamatti das zeitlose Motiv des traurigen Clowns in diese Figur.

 

Frédéric Jaeger empfiehlt

Bin-jip
Was macht eigentlich die Faszination für das asiatische Kino aus? Kim Ki-duks Werk umfasst Filme, die darauf Antwort geben können. Der Höhepunkt seines bisherigen Schaffens, Bin-jip, vereint schlichte und wirkungsvolle Symbole um Macht, Besitz, Gewalt und Liebe und eine stringente Narration, für deren Verständnis es kaum Worte bedarf. Es entfaltet sich die besondere Magie des Kinos, bei der für Erlebnis und Emotionalisierung die Sprachbarriere der Tonfilme durchbrochen wird - es bedarf keiner Untertitel.

Der wilde Schlag meines Herzens
Es sind dieses Jahr vor allem schauspielerische Ausnahmedarstellungen, die zu den beachtlichsten europäischen Filmen beigetragen haben. Neben Daniel Auteuil und Juliette Binoche in dem erst im Januar 2006 anlaufenden Meisterwerk Caché, Jérémie Renier und Déborah François in L'enfant, Milan Peschel und Sebastian Butz in Netto, sowie Sara Forestier und Osman Elkharraz in L'esquive, sorgte vor allem die überraschende Glanzleistung von Romain Duris für den Erfolg von Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon cœur s'est arrêté). Gepaart mit der schnellen und intensiven Inszenierung von Jacques Audiard wurde das Remake zu einem der nachhaltigsten Kinomomente 2005.

 

Sascha Keilholz empfiehlt

Million Dollar Baby
Der Schauspieler Clint Eastwood ist als Regisseur ein Spätberufener. Im Alter von 41 Jahren stand er 1971 das erste Mal hinter der Kamera und legte mit Sadistico (Play Misty for Me) den Grundstein für ein beachtliches Oeuvre. 1992 schuf er mit Erbarmungslos (Unforgiven) einen herausragenden Spätwestern und überraschte wenig später mit dem Rentnerliebesfilm Brücken am Fluss (Bridges at Madison County, 1995). Einige mittelmäßige Unterhaltungsstoffe folgten, ehe er 2004 mit Mystic River ein atemberaubendes Comeback feierte. Eine Eintagsfliege? Mitnichten, denn Million Dollar Baby aus diesem Jahr stellt den absoluten Höhepunkt im filmischen Schaffen des mittlerweile 75-jährigen da. Seine präzise, schlichte Filmsprache erinnert an die Glanzzeiten des sogenannten klassischen Hollywoodkinos. In zeitlos eleganten, unprätentiösen Bildern erzählt er schnörkellos eine Geschichte von eruptierender Intensität. Million Dollar Baby ist ein herausragendes Filmereignis 2005 und wird sich in die Liste der unvergesslichen Hollywoodklassiker einreihen.

Bin-jip und House of Flying Daggers
John Woo mit seinen Bloodshed-Opern und das schnelle Arthouse-Kino Wong Kar Wais begannen in den Achtziger Jahren, das Weltkino von Hongkong aus zu verändern. So unterschiedliche asiatische Regisseure wie die beiden Takeshis, Kitano und Miike auf der einen oder Chen Kaige auf der anderen Seite folgten, schließlich auch Zhang Yimou und Kim Ki-duk. Vereinfacht könnte man sagen, der eine sei in den vergangenen Jahren vor allem für die betörenden, der andere für die verstörenden Bilder des Weltkinos verantwortlich gewesen. In House of Flying Daggers (Shi mian mai fu) jedenfalls findet sich die Poetik Zhang Yimous nicht nur in der Choreographie der Bilder wieder. Der gesamte Erzählrhythmus sowie der politische Subtext sind bahnbrechend kraftvoll und anmutig. Auch Bin-jip weist eine herausragende individuelle Filmsprache mit lyrischen Tönen auf.
Die Figuren beider Filme unterwerfen sich demselben Prozess: die einen assimilieren sich den räumlichen Strukturen ihrer Umgebung, die anderen dem Schneetreiben. Während sich die Liebenden bei Kim zusehends aus der Gesellschaft absondern, ihr entschwinden, lösen sich die Figuren bei Zhang mit dem Abschied von der gesellschaftlichen Klassifizierung auch aus dem Leben.
Koreanisches und Chinesisches Kino, das die derzeitige Ausnahmestellung der vielfältigen asiatischen Kinematographie unterstreicht.

 

Michael Kienzl empfiehlt

Nobody Knows
Nobody Knows handelt von Akira und seinen Geschwistern, die nach dem Verschwinden ihrer Mutter ganz auf sich gestellt sind. Distanziert und mit bescheidenen Mitteln nimmt sich der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda ohne unnötige Sentimentalität einer gefühlvollen Geschichte an und schärft durch seinen fast beiläufigen Erzählstil den Blick des Betrachters. Kore-eda wird trotz seines faszinierenden Gesamtwerks hierzulande immer noch weitgehend ignoriert, was sich hoffentlich mit Nobody Knows, der erste seiner Filme mit einem offiziellen deutschen Kinostart, endlich ändern wird.

L'enfant
Mit dem eindrucksvollen Drama L'enfant gelang den Brüdern Dardenne, dank der Auszeichnung mit dem Hauptpreis in Cannes, nun auch der Durchbruch bei einem größeren Publikum. Der Film über ein sozial schwaches Elternpaar besticht durch seinen puristischen Stil, der sich ganz auf die Figuren konzentriert und dabei alles Unwesentliche ausblendet. Dabei werden selbst moralisch fragwürdige Handlungen der Protagonisten jenseits einer Wertung dargestellt und dem Zuschauer somit nachvollziehbar vermittelt.

 

Marguerite Seidel empfiehlt

Darwins Alptraum
Der beste europäische Dokumentarfilm des Jahres (Europäischer Filmpreis 2004) ist zugleich einer der schlimmsten. Regisseur Hubert Sauper zeigt die wirtschaftlichen, politischen, ökologischen und sozialen Zusammenhänge auf, die die Todesspirale im und um den Viktoriasee nahezu unaufhaltsam immer weiter drehen lassen. Ein destabilisierender Film, der dem Zuschauer angesichts der sich ohnmächtig in Balance haltenden Waagschalen Wirtschaftswachstum, Entwicklungshilfe, Umweltzerstörung, Korruption und Krieg die Füße unterm Leib wegzieht.

Uzak - Weit
Ein Familienzusammenhalt fordernder Cousin vom Lande stört die anästhesierte Coolness des ehemals erfolgreichen Fotografen Mahmut im verschneiten Istanbul. In ruhigen, minimalistischen Bildern erzählt Nuri Bilge Ceylan wie die verkühlte Tagesroutine Mahmuts durch die freudestrahlende Naivität des Cousins zunächst in Schieflage und schließlich in Schwung gerät. Nicht nur im Kampf um die Fernbedienung äußert sich eine tragisch-komische existenzielle Tiefe.

Kontroll
Anarchisch wild und bunt-ästhetisch führt Nimród Antal die Unterwelt der Budapester U-Bahn vor. Auf den Spuren eines gefährlichen Unsichtbaren, der Fahrgäste vor fahrende Züge wirft, verfolgt er den nicht gerade von Erfolg gekrönten Alltag einer grotesk-komischen Gruppe schmuddeliger Fahrscheinkontrolleure. Zwischen fettigen Pommes, Tunnelrennen und einem Mädchen im Bärenkostüm hebt der bildgewaltige, eigenwillige Film im gleichen Atemzug zu neonröhrenheller Unheimlichkeit und zu unterirdisch schwarzem Humor an.

 

Meike Stolp empfiehlt

Match Point
Mit Match Point meldet sich der New Yorker Woody Allen zurück, diesmal aus London. In Anlehnung an Fjodor Dostojewskis Schuld und Sühne (1866) und Theodore Dreisers An American Tragedy (1925) inszeniert er den Aufstieg und moralischen Fall des Tennislehrers Chris Wilton, der die Tochter aus reichem Hause heiratet und dem die Ex-Geliebte seines Schwagers beinahe zum Verhängnis wird. Match Point ist ein - für Allen - ungewohnt düsterer Film, der durch sein ausgefeiltes Drehbuch und das perfekte Casting besticht.

Dumplings - Delikate Versuchung
Tante Meis Teigtaschen sind eine Delikatesse, allerdings eher wegen ihrer verjüngenden Wirkung. Denn die Füllung ist gewöhnungsbedürftig. Die geheime Zutat von Tante Meis Leckerbissen sind menschliche Föten, die sie aus der Volksrepublik nach Hongkong schmuggelt. Bis zu den Grenzen der Erträglichkeit strapaziert Fruit Chan in Dumplings - Delikate Versuchung seine Zuschauer und doch ist der Film, nicht zuletzt dank der Kameraarbeit des Wong Kar Wai erprobten Christopher Doyle, ein poetisches, wenngleich stellenweise ekelerregendes Meisterwerk.

Atash
Atash, Durst, hat der palästinensische Filmemacher Tawfik Abu Wael seinen Film genannt. Der Wassermangel ist dabei Metapher, denn was den Kindern des despotischen Abu Shukri fehlt ist vor allem die Möglichkeit zum Leben, zum Lernen und zur Liebe. Lediglich Um Shukri, sein Sohn, darf ab und zu zur Schule, den Mädchen ist jeder Kontakt zur Außenwelt verboten. Ruhig, fast ohne Worte und mit eindringlichen und poetischen Bildern erzählt Wael seine Familientragödie shakespeareschen Ausmaßes, ein Film, der zu Recht 2004 in Cannes den Preis der Filmkritiker erhielt.

 

Rochus Wolff empfiehlt

Das Netz
Zu Unrecht weitgehend untergegangen ist der Dokumentarfilm Das Netz, der Anfang des Jahres zu sehen war. Das ist bedauerlich, denn der Film beschäftigt sich nicht nur intelligent mit Technologie, Paranoia und Verschwörungstheorien (und macht um letztere im Übrigen einen dezidierten und nicht unproblematischen Bogen). Zugleich weiß er auch einiges über Geschichte und Entstehung des Computerzeitalters zu verraten sowie über die Verbindungen zwischen LSD, Konstruktivismus, Hippies und der CIA.

Serenity - Flucht in neue Welten
Serenity - Flucht in neue Welten ist ein Film, der durch seine vordergründigen Qualitäten vor allem Genreliebhaber ansprechen mag - und nicht jeder mag es nun mal, wenn ernst blickende Menschen durchs Weltall sausen, um das Universum zu retten. Regisseur Joss Whedon hat mit Humor und einer Rettungsaktion in deutlich kleinerem Maßstab den wohl gelungensten Science-Fiction-Film des Jahres gemacht, an dessen Kern die Frage steckt, was man für seine Überzeugungen zu tun bereit ist - und warum.

Nachbarinnen
Sehr viel ruhiger kommt Nachbarinnen daher, Abschlussfilm dreier Absolventinnen der HFF Potsdam. Nachbarinnen ist ein bescheidener kleiner Liebesfilm, der fast vollständig in einem Leipziger Plattenbau spielt und die Stärken seiner zwei Hauptdarstellerinnen sowie die feine Besetzung der Nebenrollen als Trumpfkarten ausspielt. Mit ruhiger Kamera und ohne jede Aufregung gönnt sich Regisseurin Franziska Meletzky die Zeit, die sie für dieses Portrait zweier einsamer Frauen benötigt. 

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Fotos: © Paramount, Storchfilm, Kinowelt, Pandora,
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