Scarlet – Kritik

Regisseur Mamoru Hosoda verwandelt die Geschichte von Shakespeares „Hamlet“ in seinem Anime Scarlet in ein episches Läuterungsdrama voll expressivem Wahnsinn. In dem entfachten Sturm verschiedener Animationsstile und Realitätsebenen muss man sich die Erlösung hart erarbeiten.

Wie schon in seinem letzten Film Belle (2022) stellt Regisseur Mamoru Hosoda in Scarlet eine bekannte Vorlage auf den Kopf. Dieses Mal greift er auf William Shakespeares Hamlet zurück. Wir erinnern uns: Der Geist eines Königs offenbart seinem Sohn, dass ihn sein eigener Bruder und Nachfolger vergiftete. Daraufhin gibt der Königssohn vor, verrückt geworden zu sein, um unbemerkt seine Rache an seinem Onkel und Stiefvater König Claudius und an seiner Mutter in Angriff nehmen zu können – aber vielleicht ist er durch seine Rachgier auch tatsächlich irre geworden. Am Ende sterben alle Beteiligten, wegen der vergifteten Schwerter und Getränke, vor allem aber wegen ihrer vergifteten Seelen.

Dieses Ende mit seinem allgemeinen Hassen, Morden und Sterben stellt Hosoda in Scarlet nun an den Anfang: Königstochter Scarlet (die Hamlet-Rolle übernehmend) stirbt beim Versuch, den Mörder ihres Vaters, ihren Onkel und Stiefvater König Claudius, zu töten. Auf Vergeltung hatte sie sich getrimmt, verbissen hatte sie sich zum Kämpfen und Töten ausgebildet. Nun findet sie sich in einer Nachwelt wieder, die ihre geistige Verfassung spiegelt – in einem Jenseits, das Hosoda als epische Theaterbühne nutzt, auf der über die Rachgier Scarlets meditiert wird.

Schmerz wird in wilde Zerstörung umgemünzt

Das Jenseits ist weite Ödnis. Wer hier abermals stirbt, löst sich auf und wird Asche im Wind. Eine Treppe in den Himmel soll es irgendwo geben, an dessen Ende das „nimmerendende Land“ warte, das Paradies. Bevölkert ist die mal felsige, mal sandige, mal hüglige, mal bergige Wüste von Menschen aus allen Zeitaltern, die nicht realisiert haben, dass sie nicht mehr leben. Sie fürchten sich instinktiv vor dem Nichts, das nach dem (neuerlichen) Ableben folgen soll. Sie streben nach Macht und haben einen Kult um die Versprechungen des nimmerendenden Landes erschaffen, in das nicht jeder aufsteigen dürfe. Im Endeffekt ist es also so, dass sich auch die Jenseits-Menschen drangsalieren, töten und ausgrenzen – aus Angst, Gier und Verblendung.

Das Jenseits ist kein Ort der Ruhe, sondern eine kriegerische Hölle, in der sich die Menschen gegenseitig Wölfe sind und nur der Stärkere überlebt. An der Spitze der martialischen Gemeinschaft steht König Claudius – gestorben irgendwann nach Scarlet, aber Zeit spielt im Jenseits keine Rolle – mit seinen Schergen, die nur auf Scarlet gewartet zu haben scheinen. In der Folge stehen sich also erneut zwei Mächte gegenüber, die sich gegenseitig aus dem Weg räumen wollen, die den Schmerz, der in ihrem Herzen wohnt, in Zerstörung ummünzen – und die sich kaum voneinander unterscheiden.

Mit Trippelschritten in Richtung Seelenheil

Bis zu diesem Punkt folgt Scarlet dem Grundkonflikt von Shakespeares Stück, wenn auch mit deutlich anderen gestalterischen Mitteln. Doch Hosoda, das wird schnell klar, geht es auch darum, einen Weg aus der Gewaltspirale zu weisen. Einen verstorbenen Rettungssanitäter, der aus unserer Gegenwart stammt, macht er zu Scarlets Weggefährten. Dieser versorgt die Wunden jener Kämpfer, die ihn gerade noch umbringen wollten und die von Scarlet brutal außer Gefecht gesetzt wurden. Dem archaischen Töten und der Rücksichtslosigkeit stellt er auf diese Art einen naiven, modernen Altruismus entgegen. Und noch ein weiteres mahnendes Symbol gibt es: Die Eskalation der Gewalt ruft immer wieder eine Art strafende Gottheit auf den Plan, einen Drachen, der in einem Meer am Himmel auftaucht – tatsächlich erscheint dann eine Wasseroberfläche in der Höhe – und die gerade Kämpfenden per Blitz aus dem Verkehr zieht.

Scarlet entpuppt sich schließlich als protoreligiöses Epos, das ganz offen der Erlösung zustrebt – doch diese Erlösung müssen sich die Hauptfiguren hart erkämpfen. Scarlet scheint die Lektionen, die der Film für sie bereithält, einfach nicht verstehen zu wollen: Jede moralische Erkenntnis kaut sie in wortreicher Banalität durch und nur in Trippelschritten bewegt sie sich auf die Rettung ihrer Seele zu. Scarlets mühsames Läuterungsdrama liegt dem Film dadurch bleiern im Magen. Doch der Gegenpol, die rettende Medizin wird zum Glück mitgeliefert: Der Sanitäter besitzt nur eine minimale Hintergrundgeschichte und kann dadurch ballastfreier handeln als Scarlet, ist immer die flexiblere, unberechenbarere Figur. Klar, auch er bekommt im Plot seinen klaren Zweck zugewiesen, und doch stellt er der moralischen Überfrachtung des Films eine wohltuende Portion Luftigkeit entgegen.

Der Wahnsinn überwältigt die Methode

Die erzählerische Dualität scheint Hosoda letztlich näher am Herzen zu liegen als der Hamlet-Stoff. In seinen Filmen wechseln die Figuren stets zwischen zwei Welten, wie eben hier zwischen Diesseits und Jenseits. In Belle ging mit diesem Weltenwandertum auch ein Wechsel zwischen den Stilen einher, zwischen gezeichneten und digitalen Bildern. In Scarlet beschränkt sich Hosoda nun nicht auf nur zwei Realitäten und zwei Erzählmodi, sondern der Film zersplittert förmlich in einem Wust aus Stilen und Atmosphären. Es ist Hosodas gewagtestes und experimentierfreudigstes Werk.

Das Diesseits wird hier in Zeichnungen dargestellt und besteht aus zwei Schichten – die Figuren befinden sich sichtlich nicht auf einer Ebene mit den Hintergründen. Das Jenseits hingegen ist mal digitales waste land, in dem die Öde der Landschaft auch noch unschön animiert ist, mal fantastische Bilderwelt. Das „nimmerendende Land“ ist mal naiver, bunter Massenflashmob in einer blassen Innenstadt, mal ein Gemälde von esoterischer, traumhaft schöner Erhabenheit. Mal ist die Bilderwelt des Films erfüllt von expressivem Wahnsinn, mal von Bildschirmschonergefälligkeit, mal sieht es nach großer Kunst aus, mal nach DIY-Optik – als säßen wir plötzlich in einem neuen Film des Rentnerdigitalfilmers und Meisters der naiven Kunst Bruno Sukrow. Der Wahnsinn ist hier nicht, wie in Hamlet, ein Teil der Erzählung, sondern er ist zum bestimmenden Prinzip des Erzählens geworden.

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