No Mercy – Kritik
Machen Frauen die härteren Filme? Isa Willingers Dokumentarfilm No Mercy geht dieser Frage in Gesprächen mit Regisseurinnen wie Catherine Breillat, Monika Treut und Ana Lily Amirpour nach – und schafft ein vielstimmiges Mosaik, in dem Raum für Widerspruch und Kontroverse bleibt.

Wer erinnert sich noch an Romance? Ein Film mit unscheinbarem Namen, der in seinem Erscheinungsjahr 1999 für Kontroversen sorgte. Auch im abenteuerlustigen französischen Arthouse-Kino hatte man selten so harten, unverstellten Sex gesehen. Dazu ein trostloser Plot, verlorene Figuren und eine eisige Atmosphäre, die dem Titel vollends spottet. Als Hauptdarstellerin Caroline Ducey 2024 in ihrer Autobiografie von einem sexuellen Übergriff am Set berichtete und Regisseurin Catherine Breillat dafür die Verantwortung gab, war der Film endgültig in den Untiefen der Kinogeschichte angekommen.
Catherine Breillat kann als Gegenentwurf zum Klischee gelten, weibliche Regisseurinnen würden nur Blümchenfilme drehen – süß, vielleicht tiefsinnig, aber harmlos. Breillats Filme, aber auch die von Monika Treut, Ana Lily Amirpour oder Valie Export inspirierten die deutsche Regisseurin Isa Willinger dazu, der gegenteiligen Hypothese nachzugehen, die sich außerdem auf eine Behauptung der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova stützt: Frauen drehen die härteren Filme. Willingers Dokumentarfilm No Mercy ist – wie auch die Filme der unerschrockenen Muratova – ein Mosaik verschiedener Stimmen und Gesichter geworden. Und ein angenehm offener Raum für Widerspruch und Kontroverse.
Den Hoden abgeklemmt

Virginie Despentes ist die erste Regisseurin, die Isa Willinger in ihrem Film aufsucht – stilecht in einem abgerockten Pariser Café. Die Autorin gehört zum französischen Punk, ist locker drauf und doch wütend. Mit der Verfilmung ihres eigenen Romans Baise-moi (deutsch für „Fick mich“) sorgte Despentes 2000, ein Jahr nach Romance, für die nächste französische Kinokontroverse. Zwei Frauen rächen sich auf brutale Weise am gewalttätigen Patriarchat: Wer grabscht oder catcallt wird abgeknallt. Das alles in ruckelnden Handkamerabildern. Schnitte und Kamerabewegungen folgen den Tritten und Schlägen der Frauen. Im Interview erzählt Despentes von ihrer eigenen Vergewaltigung. Ihre filmische Antwort darauf wurde nur zögerlich akzeptiert. Ihr wurde geraten, danach besser nachdenkliche, also unkritische Arthouse-Filme produzieren. Despentes lacht schelmisch, während ihr das Neonlicht der Bar ins Gesicht strahlt.
Anders Catherine Breillat: Isa Willinger besucht sie in ihrer schicken Wohnung, wo sich die 78-jährige elaboriert gegen die Kinotradition und Kerle wie Godard wendet, den „Kino-Papst“, wie sie ihn spöttisch nennt. Dann spricht auch sie über eine Vergewaltigung – eine, die dem Angreifer allerdings misslungen ist, weil er daran scheiterte, ihr die kompliziert zugeknüpften Klamotten auszuziehen. Breillat nutzte ihre Chance und klemmte ihm die Hoden ab. Danach degradierte sie ihn zu ihrem folgsamen Schoßhündchen. Die schwarzhumorige Erzählung klingt wie ein Plot aus Breillats Filmen, die immer wieder komplex ausgehandelte Machtverhältnisse demonstrieren. Wer darin wen missbraucht, ist nicht immer klar.
Rache, die Verkehrung der Gewaltordnung, spielt in No Mercy immer wieder eine Rolle, ist aber letztlich nur eines unter mehreren Themen des Films. Die postulierte Härte sucht Isa Willinger auch in Gesten des Widerstands: Hart oder besser gesagt unnachgiebig sind Filme von Frauen nicht zuletzt in ihrem unbedingten Willen zur Autonomie in einer noch immer von (weißen) Männern dominierten Filmbranche. Das beweisen Regisseurinnen wie Céline Sciamma, Alice Diop und Marzieh Meshkini. Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen ist ein besonders prominentes Beispiel für diese Unnachgiebigkeit. Eine Malerin und die von ihr porträtierte Adlige wechseln neugierige, bald sehnsuchtsvolle Blicke. Männer oder ein auf klassische Weise sexualisierender Blick kommen im Film nicht vor, der Blick auf den Frauenkörper bleibt der einer Frau. Bei der französischen Regisseurin Alice Diop und der iranischen Kamerafrau und Regisseurin Marzieh Meshkini bleibt außerdem der kolonial-westliche Blick draußen. Das kann hart oder zumindest herausfordernd sein, für alle, die europäisches oder US-amerikanisches Kino gewohnt sind. Und vor allem für die, die sich gegen einen Wandel in der Filmgeschichte sträuben.
Mit Charisma gegen das Patriarchat

Gegen den Doku-Mainstream sträubt sich auch Isa Willinger. Statt einer klaren Dramaturgie zu folgen, montiert sie die unterschiedlichen Interviews teils assoziativ aneinander, teils auf Zuruf, wenn eine Regisseurin das Werk einer anderen kommentiert. Der lockere, nicht immer bierernste Zugang ist bei einer so reizvollen wie widerspruchsreichen These nötig. Den teils angenehm persönlichen, teils phrasenhaft-nachdenklichen Voice-Over der Regisseurin hätte es hingegen nicht unbedingt gebraucht.
Das Charisma vieler der Interviewten, allen voran der US-amerikanisch-iranischen Regisseurin Ana Lily Amirpour, trägt den Film problemlos. Ein Kommentar wie der, dass ihre „mad films“ wie der Vampir-Noir A Girl Walks Home Alone at Night oder der Endzeit-Western The Bad Batch nur von „mad people“ finanziert werden konnten, gibt dem schweren politischen Subtext etwas Leichtigkeit – und weckt Hoffnung, dass harte, weil unkonventionelle Filme von Frauen selbst in patriarchalen politischen Systemen wie dem von Trump auch in Zukunft ihre Finanzierung finden werden.
Zu unserem Special über Catherine Breillat geht es hier.
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