„Verstören und bereichern“

Interview mit Ulrich Seidl

Ulrich Seidl über Liebe, Glaube, Hoffnung und das Kino als Ticket zur Hölle und zum Paradies.

critic.de: Herr Seidl, welche Entwicklungen erfuhr die Grundidee Ihrer Paradies-Trilogie in den vergangenen vier Jahren, die Sie daran arbeiteten?

Jesus, du weißt

Ulrich Seidl: Mein Filmemachen ist dadurch geprägt, dass sich ununterbrochen Dinge ändern können und man nicht lediglich ein Drehbuch exekutiert. Die Idee zu dem Filmprojekt war zunächst einmal das Thema Tourismus. Ich hatte dazu bereits vor vielen Jahren ein Drehbuch geschrieben und wollte einen Episodenfilm über massentouristische Vorgänge machen. Für mich war vor allem der weibliche Sextourismus interessant, der in unserer Gesellschaft noch mehr als der männliche tabuisiert wird. Dann hatte ich noch dieses Religionsthema in der Schublade. Ich habe vor Jahren den Film Jesus, du weißt gedreht und bin dabei auf diese Geschichte der Wandermutter Gottes gestoßen. So war die Glaubens-Episode geboren. Die dritte ist ein Lolita-Thema, das ich schon immer mal am Theater inszenieren wollte. Mit diesen drei Frauengeschichten und 90 Stunden gedrehtem Material saß ich dann im Schneideraum. Zunächst habe ich einen sechsstündigen Film gemacht, aber sehr schnell gesehen, dass dieser Film den Zuschauer überfordert.

Und so wurden aus einem Filmvorhaben drei Filme ...

Paradies Liebe 03

(Lacht) Ja. Meines Wissens hat es das noch nie gegeben: Jemand beginnt mit einem Film und endet mit drei Filmen. Das geht natürlich nur, wenn man nach einer bestimmten Arbeitsmethode vorgeht. Normalerweise werden Filme so gemacht, dass ein Drehtag ganz präzise und genau geplant ist. Sie müssen Drehbuchseite für Drehbuchseite exekutieren, und dann ist nach sechs bis acht Wochen der Film abgedreht. Sie haben wenige Möglichkeiten, sich zu korrigieren. Sie können nicht mehr zurück. Dadurch, dass ich chronologisch drehe, kann ich mir Unterbrechungen leisten. Das heißt, wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gebe ich mir die Zeit, anderen Ideen nachzugehen, anderes zu finden und das Gedrehte zu verwerfen. Wenn man nach dieser Methode vorgeht, ist das ein Prozess, der voranschreitet und bei dem Sie die Chance haben, die Dinge und ihre Richtung zu lenken.

Die drei Filme laufen unter einem großen Titel: Paradies. Was ist das für ein Paradies-Begriff, der diese drei Filme bündelt?

Paradies Liebe 02

Ich bin in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen. Für mich war das Paradies ein Sehnsuchtsort, aber ein himmlischer Ort. Also eher etwas, dass man nicht auf Erden erreicht, sondern mit dem man belohnt wird, wenn man brav ist und seine Bestimmung erfüllt. Das hat mir der Glauben beigebracht. Wenn man nicht gläubig ist, dann schaut das natürlich anders aus. Dann sucht man das Paradies auf Erden.

Das Paradies ist für mich also zunächst einmal ein biblischer Begriff, der einen Sehnsuchtsort beschreibt. Es ist aber ebenso ein Begriff, der in der Tourismusbranche strapaziert wird. Man könnte es so sehen, dass meine Filme Sehnsuchtsfilme sind. Ich zeige und erzähle von Menschen, die auf der Suche nach Erfüllung ihrer Wünsche, das heißt, auf der Suche nach dem Paradies sind. Dieses Paradies schaut für jeden Einzelnen von uns möglicherweise anders aus – eben beispielsweise Liebe, Glaube oder Hoffnung.

Wer vom Paradies erzählen will, muss auch die Hölle kennen?

Paradies Glaube 02

Himmel und Hölle liegen offensichtlich sehr nahe zusammen. Das sieht man auch immer wieder in der bildenden Kunst. Ich glaube, der Mensch hat Abgründiges in sich, das in Situationen, in denen er keine Verantwortung mehr trägt, herauskommt. Dann kommt das Böse zu Tage. Kino sollte also im besten Sinne beides sein. Tor zum Himmel und zur Hölle. Es würde ja nichts bringen, wenn man dem Menschen nur die Hölle zeigt und sie dadurch nur desillusioniert und deprimiert. Aber was es auf der anderen Seite für mich auch nicht bringt, ist den Zustand nur zu bestätigen und beschönigen. Mir geht es schon darum, die Menschen zu verführen, sie gewisse Realitäten und Wahrheiten erkennen zu lassen, die sie beschäftigen. Ich versuche mit meinem Kino den Menschen etwas mitzuteilen, im Sinne einer Bereicherung, auch wenn es zunächst eine Verstörung ist. Ich habe immer wieder von Kritikern gelesen, es sei schwer, den Film anzusehen, „aber man muss ihn gesehen haben“. Das macht es aus. Es ist nicht eine Unterhaltung, die dann einfach vorbei ist.

Ist Ulrich Seidl ein Gotteslästerer?

Paradies Glaube 01

Ist er eigentlich nicht, nur der Vorwurf lautet so. Die Szene aus Paradies: Glaube, die in diesem Zusammenhang genannt wird, ist eine Masturbationsszene mit einem Kruzifix. Diese ist im Sinne der Handlung, im Sinne der Hauptfigur, richtig. Dass es für andere Leute, für christliche Leute, verstörend ist, ist etwas anderes. Das ist keine Gotteslästerung. Ich mache mich nicht darüber lustig, sondern erzähle etwas, von dem ich glaube, dass das erstens in der Realität passiert und zweitens für den Film auch etwas ist, dass man erzählen sollte.

In Paradies: Liebe spielen Sie mit Klischees. Es gibt Sandstrände, Palmen und einen fast unwirklich blauen Himmel ...

Das ist das Bild, das die Tourismusbranche vom Paradies Urlaub zeichnet. Der Tourismus hat unglaubliche Ausmaße angenommen, und jeder Mensch im Westen ist wenigstens einmal im Jahr ein Tourist. Sehnsuchtsträume dürften offensichtlich alle von uns haben, und jeder muss versuchen, das in seinem Urlaubsort zu finden – was natürlich schwachsinnig ist. Es ist in allenfalls eine Flucht aus dem Alltag, um irgendwie in einen Zustand zu kommen, den man eben landläufig als paradiesisch bezeichnet.

Und darin ist dieser Ort ja dann wiederum dem Kino sehr ähnlich.

Das stimmt. Das Kino ist ja auch ein Ort der Reise, ein Ort, wo man immer wieder etwas erfährt über menschliches Leben. Und es ist auch ein Ort, an den man sich für zwei Stunden begibt, um abgelenkt zu sein, um unterhalten zu werden – in welcher Form auch immer – und aus der Realität zu flüchten.

Um die Fiktion als Realität zu erleben?

Paradies Glaube 04

Mit Sicherheit sogar. Das führt auch sonst nicht zu den Ergebnissen, die ich mir erwarte. Dass die Welt, die ich hier erspiele, so authentisch ist, dass man als Zuschauer oft nicht weiß, ist das jetzt Realität, ist das jetzt Fiktion? Das will ich erreichen. Der Film muss die Qualität haben, dass er mich hineinzieht in eine Welt, die hier erzählt wird. Wenn das nicht gut ist, was ja oft der Fall ist, dann bin ich nicht drinnen.

Wann glauben Sie nicht mehr an einen Film?

(Lacht) Wenn der Film schlecht ist.

Warum glauben Sie ans Kino?

Kino kann ja nur entstehen, wenn man erstens daran glaubt und zweitens sehr konsequent daran arbeitet.

Video-Interview mit Ulrich Seidl auf cine-fils.com

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