„Alles andere ist nur Berichterstattung.“

Interview mit Bahman Ghobadi zu Schildkröten können fliegen

Der 1968 im kurdischen Gebiet des Iran geborene Regisseur Bahman Ghobadi erlebte den ersten Golfkrieg (Iran/Irak 1980-1988) aus eigener Perspektive. In Schildkröten können fliegen erzählt Ghobadi nun die Geschichte von elternlosen Kindern im kurdischen Teil des Iraks, die versuchen sich im Chaos des bevorstehenden dritten Golfkriegs (2003) zurechtzufinden. Ghobadi entwirft das einzigartige Porträt einer Krisenregion, die sich in einem Übergangsstadium zwischen Zerfall und Neuanfang mit einer ungewissen Zukunft befindet. Im Interview mit critic.de betont der Regisseur den kurdischen Charakter des Films, äußert sich zur Rezeption westlicher Zuschauer und der Darstellung von Gewalt im Kino.

critic.de: Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen, die Sie in Schildkröten können fliegen erzählen?
Bahman Ghobadi: Zwei Wochen nach Saddams Sturz hielt ich mich im Irak auf. Ich wollte die Situation für mich persönlich einfangen und habe mit meiner Digicam ein paar Aufnahmen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch nicht über irgendwelche Geschichten nachgedacht. Parallel dazu hatte ich in Teheran angefangen einen neuen Film zu entwickeln. Aber als ich im Irak Zeuge der Situation und des Leides der Menschen wurde, habe ich mich entschlossen die Arbeit in Teheran zu unterbrechen und meine Energie voll und ganz auf diesen neuen Film zu konzentrieren. Daraufhin habe ich sofort angefangen gemeinsam mit meiner Crew im kurdischen Teil des Landes drei Monate lang nach Darstellern und Schauplätzen zu suchen, sowie alles für die Produktion vorzubereiten. In diesen drei Monaten entstanden fünfzig Prozent des Drehbuchs, alles andere kam dann mit der Zeit und vieles hat sich erst während der Dreharbeiten vor Ort ergeben.

Sie haben mit Menschen gedreht, die physisch und seelisch enorm gelitten haben. Besteht noch Kontakt zu den Kindern?
Ich habe eine emotionale Bindung zu den Kindern aufgebaut und persönlich ein großes Interesse daran zu erfahren, wie ihr Leben weiterverläuft. Ich war schon dreimal wieder im Irak und habe sie besucht. Avaz Latif, die Hauptdarstellerin [spielt das Mädchen Agrin, Anm. d. Red.], hat großes Interesse für Film gezeigt. Sie hat durch meine Unterstützung bei einem Regionalfernsehsender im kurdischen Teil des Iraks die Möglichkeit bekommen etwas zu lernen und wird vielleicht demnächst dort Fuß fassen. Ich habe sie und ihre Familie auch finanziell unterstützt. Das blinde Kleinkind wurde operiert und kann heute wieder sehen. Soran Ebrahim [spielt den Jungen Satellit, Anm. d. Red.] hat sich ebenfalls sehr für das Filmemachen interessiert. Ich habe ihn weitervermittelt, damit auch er etwas in dieser Richtung lernen kann. Auch mit Ayoub Ahmadi, mein Hauptdarsteller aus Zeit der trunkenen Pferde, habe ich noch Kontakt. Er hat mir in einigen Filmen assistiert.

Haben Sie bei der Konzeption und bei den Dreharbeiten von Schildkröten können fliegen berücksichtigt, dass ein internationales Publikum den Film sieht, oder wurde der Film für ein kurdisches Publikum gemacht?
Wenn ich einen Film drehe, ist mir am Wichtigsten zu zeigen, was für mich die Wahrheit ist. Natürlich liegt mir auch etwas daran diesen Film international zu zeigen, weil Leid, Leben, Liebe, Hass und Verzweiflung für mich globale Themen sind. Wichtig ist, dass viele Menschen den Film sehen, egal wo. Möglichst viele Zuschauer sollen sich die Probleme im Irak auf diesem Weg vergegenwärtigen und so mitbekommen, was da für ein Leid herrscht.

Haben Sie von solchen Geschichten selbst gehört, wie von der des Mädchens Agrin? Wann arbeiten sie mit Fiktion und wann erzählen sie von der Realität?
Es gab tatsächlich solche Situationen. Mir ist jedoch wichtig im Film drei Zeiten zu zeigen: Zuerst die Vergangenheit, in der das Mädchens vergewaltigt wird, was sie bis heute traumatisiert hat. Dann die Gegenwart, das heißt die Geschichte des blinden Babys und die damit verbundenen Probleme. Die Zukunft eröffnet sich in den Visionen des Jungen, der keine Arme mehr hat. Er sieht den Krieg kommen. All das entspricht der Realität. Ich hätte in Agrins Lage genauso den Tod gewählt. Ich hätte mir ebenfalls den Frieden gewünscht, weil ich den Tod für viele Menschen dort, für die Kinder, die ich porträtiere, als Erlösung sehe, die erst dann endlich Frieden haben. Agrin steht für die gesamte Region, in der die Leute Vergewaltigungen satt haben, unabhängig davon welcher Regierung sie unterstehen. Der Tod wäre besser für sie, als das Dahinvegetieren und sich von anderen beherrschen zu lassen.

Warum haben Sie in Schildkröten können fliegen auf explizite Gewaltdarstellungen, wie die Gräueltaten der irakischen Armee, oder auf Folgeerscheinungen von Gewalt, beispielsweise die durch Minen und Bomben verstümmelten Leichen verzichtet?
Ich verachte Gewalt und möchte sie in meinen Filmen auch nicht zeigen. Ich versuche Gewalt nicht zu verherrlichen. Man muss nicht mit der Kamera direkt draufhalten und noch mehr Blut zeigen. Ich denke, dass der Zuschauer auch durch kleine symbolische Elemente begreift, was passiert. Natürlich könnte ich das gesamte Leid von A bis Z zeigen, aber dann würde sich jeder erbrechen und keiner könnte im Saal sitzen bleiben. Hier in Europa und in den westlichen Ländern sowieso nicht, denn das würde über das ertragbare Maß hinausgehen und wäre schon fast pervers. Würde ich zum Beispiel in das Tsunami-Gebiet fliegen und dort eine Dokumentation über eine Familie und ihr Leid drehen, hätte niemand Lust sich das anzuschauen. So viel Elend ist nicht zu ertragen. Aber würde Hollywood einen Film darüber machen, würden die Kinos aus allen Nähten platzen, weil die Leute Special Effects und spektakulären Sound mögen. So können sie die Realität leichter ertragen. Man geht nicht ins Kino, um noch mehr Leid zu sehen, sondern um leichte Kost vorgesetzt zu bekommen. Das ist schade, denn die Leute verschließen ihre Augen vor der Wahrheit. Auch das, was man im Fernsehen von all den Naturkatastrophen, die passieren, sieht, ist ja nicht die hundertprozentige Realität. Einiges davon ist wahr, alles andere ist nur Berichterstattung.

Inwiefern waren öffentliche Stellen in die Produktion des Films involviert?
Von staatlicher Seite habe ich nie Hilfe bekommen, egal von welchem Land. Das wollte ich auch nicht, aber es hat mich nicht daran gehindert, meinen Film in diesen Ländern zu zeigen. Jedoch wurde ich von einem kurdischen Minister im Irak und noch von anderen Personen gezielt unterstützt. Ohne deren vielseitige Hilfe wäre es mir nicht möglich gewesen, den Film so kraftvoll zu erzählen. In Arbil und Silemani [Städte im Norden und Nord-Osten des Iraks, Anm. der Red.] läuft der Film auch gerade.

Gab es von offizieller Seite eine Abnahme des Films und wurden Änderungswünsche geäußert?
Nein, der Film wurde nach meinen Vorstellungen verwirklicht. Sobald ich merkte, dass in meinem Film eingegriffen werden sollte, habe ich das unterbunden.

Im Presseheft sagen sie, dass Sie sich vom iranischen Film unterscheiden wollen. Können Sie sagen, was den kurdischen Film ausmacht?
Ich bin zwar Kurde, aber ich bin gleichzeitig Iraner und ich habe mein Handwerk dort gelernt. Es gibt also einen großen iranischen Einfluss in meiner Arbeit. Es ist aber für mich wichtig, diesen Film als kurdischen Film in die Kinos zu bringen, weil es sich durch und durch um eine kurdische Produktion mit kurdischer Thematik handelt. Der iranische Film hat sich bereits etabliert, er braucht mich nicht mehr. Ich sehe es als meine Pflicht, mich den Kurden anzunehmen und sie zu unterstützen. Ich möchte mich für dieses Land mit 40 Millionen Menschen, das als solches nur in meiner Phantasie existiert und noch keine eigene Kinolandschaft hat, einsetzen.

Werden Ihre Filme auch in kurdischen Gebieten der Türkei gezeigt?
Demnächst wird der Film in der Türkei anlaufen, hoffentlich mit großer Resonanz, auch in den kurdischen Gebieten, obwohl es dort nicht so viele Kinos gibt. Ich rechne jedoch mit großen politischen Problemen. Ich habe vor, am 25. Mai mit meinen Schauspielern in die Türkei zu gehen und mit Interviews und Pressekonferenzen für meinen Film zu werben.

Können sie sich vorstellen, kurdische Filme zu drehen, die nicht im heutigen Irak oder Iran spielen, sondern in der heutigen Türkei?
In meinem nächsten Film geht es tatsächlich um Kurden in der Türkei und er wird auch dort gedreht. Ich möchte von den aktuellen Problemen der dort lebenden Kurden erzählen.Ich möchte keine Geschichtsstunde aus meinen Filmen machen, sondern mich zeitgenössischen Stoffen widmen. Der Film handelt von Musik und Musikern, gleichzeitig auch von den Schwierigkeiten als Kurde in der Türkei Fuß zu fassen.

Wie in Ihrem Film Zeit der trunkenen Pferde (2000) stehen auch in Schildkröten können fliegen die Kinder im Mittelpunkt der Handlung. Liegen Ihnen Geschichten mit Kindern besonders gut?
Die Mehrzahl der Filme, die ich gemacht habe, handelte nicht von Kindern. In diesem Fall war ich vor Ort, habe das Leid gesehen und wie die Erwachsenen es ertragen. Die Kinder hingegen waren absolut verloren, sie waren die wirklichen Opfer. Ich habe mich erst dort entschlossen, sie in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, weil sie für mich die Zukunft dieser Region darstellen. Die Erwachsenen haben verloren oder gewonnen, jedenfalls ist ihr Leben vorüber. Die Kinder aber können noch etwas verändern. Wie in Zeit der trunkenen Pferde sind sie es, die die Zukunft aufbauen können.

Ist Schildkröten können fliegen für ein junges Publikum geeignet?
Es ist auf jeden Fall ein Kinderfilm. Ich finde, wenn Kinder erfahren, dass es etwas anderes gibt als nur den schönen Sonnenschein, dann verstehen sie auch, wie andere Menschen leben und wissen das, was sie selber haben, mehr zu schätzen. Das Problem ist nur, dass heutzutage die Leute das Leid von anderen nicht ertragen wollen und auch Kinder sind da sehr ungeduldig. Der Film kann vielen Kindern beibringen, was einige ihrer Altersgenossen ertragen müssen und sie können dadurch viel lernen.
Meine persönliche Auffassung ist, dass nach einer schweren wieder eine gute Zeit kommt. Zum Beispiel haben Ihre Eltern und Großeltern in einer ganz anderen Situation gelebt als Sie jetzt. Ein unbeschwertes Leben in Frieden gab es während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, wie auch in den unmittelbaren Folgezeiten, in Deutschland nicht. So war es ebenfalls in Japan nach dem Krieg, aber danach ging es aufwärts. Das ist in Kurdistan nun hoffentlich genauso. Viele Sachen müssen sich ändern, manchmal mit Gewalt, damit man dort eines Tages in Frieden und vielleicht einmal in einer Situation, wie man sie in Europa vorfindet, leben kann.

Bahman Ghobadi wurde während des Gespräches von Frau Azita übersetzt.

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