Kosslick, Schweiger und die DFFB – Berliner business as usual

 

Drei vorweihnachtliche Nachrichten, die mehr Aufsehen erregen sollten:

  1. Dieter Kosslick soll trotz aller Kritik weitermachen wie bisher, und Kritik kann er eh nicht nachvollziehen.

  2. Til Schweiger kriegt kurz vor knapp eine Förderung aus Restmitteln für einen Dreh, der schon im Januar startet, immerhin 1,2 Millionen Euro.

  3. Die DFFB-Studenten kapitulieren vor ihrem neuen Leiter Jan Schütte, der entgegen der Akademie-Statute vom DFFB-Kuratorium eingesetzt wurde und die Statute nun konsequenterweise selbst ignoriert, um ohne Mitsprache der Studenten zu regieren.

Berliner business as usual also.

Der bestätigte regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der gleichzeitig selbst für die Kultur zuständig ist, steht für eine Filmpolitik, bei der demokratisch ist, was massenkompatibel ist. Ganz nach dem Prinzip Daddy knows best: Schweiger für alle, Berlinale für alle. Am Steuer sitzen sozialdemokratisch kompatible Mehrheitsbeschaffer, die Gremienerfahrung als Kompetenz nutzen und zu gefallen wissen. Folgt man dieser Logik, dann ist eine Mitsprache Betroffener nicht nur unerwünscht, sondern auch überflüssig.

Die Fragen bleiben:

  1. Gab es eine Ausschreibung für die Berlinale-Leitung? Wurden Filmexperten für die Beurteilung der Kandidaten gehört? Wurden Konditionen an die Vertragsverlängerung von Kosslick geknüpft?

  2. Was hat unsere Gesellschaft von der Überweisung von Restmitteln an eine Produktion, die das Geld offenbar gar nicht nötig hat? Was ist damit gefördert?

  3. Wieso sanktioniert der Berliner Senat die Zustände an der DFFB? Weil er sie selbst hat verkommen lassen?

Antworten ausdrücklich erbeten.

Kommentare zu „Kosslick, Schweiger und die DFFB – Berliner business as usual“


Chris55

Ich möchte die Liste ergänzen: Warum unterstütz der Tagesspiegel unter der Leitung der Kulturredakteurin Christiane Peitz den neuen Direktor Jan Schütte mit einseitigen Artikeln? Dort darf dieser ungeniert behaupten, dass es sich beim Akademischen Rat um ein "beratendes" und nicht um ein "entscheidendes" Gremium handelt. Außerdem wird so getan, als sei es Schüttes Verdienst, dass die dffb wieder auf Kurs sei. Als Beweis dienen so viele Festivalteilnahmen "wie noch nie" beim Max-Ophüls-Festival. Jan Schütte ist noch nicht lange genug Direktor, um die erwähnten Produktionen inhaltlich mit begleitet zu haben. Er schmückt sich also mit fremden Federn. Abgesehen davon ist diese Form von Personalisierung von Erfolgen höchst fraglich und ist das Gegenteil von inhaltlicher Filmkritik. Was für Maßstäbe für "Erfolg" werden hier zugrunde gelegt? Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Jan Schütte verordnet, dass einzelnen Dozenten im Abspann der studentischen Filme nicht mehr für Ihre Unterstützung gedankt werden darf, angeblich weil alle Mitarbeiter gleichermaßen an der Produktion beteiligt seien. Wichtiger dürfte jedoch sein, dass sein Name in diesem Zusammenhang seltener erwähnt worden wäre als die von anderen. Der gestern im Tagesspiegel veröffentliche Artikel zur dffb ist leider nicht namentlich gekennzeichnet. Es wäre interessant zu erfahren, wer der Autor des Aritkels ist, damit dies auf Verbindungen und Verpflichtungen hin untersucht werden kann.

Hier ein Kommentar an den Tagesspiegel, der dort sicher nicht veröffentlicht wird: Dieser Artikel bezieht eine sehr einseitige Position. Bitte nutzen Sie ihre guten Kontakte zum Direktor der dffb, um sich die Statuen des "Akademischen Rates" (AK) zu besorgen. Dort sind die Aufgaben des Gremiums juristisch eindeutig geregelt und festgelegt. Der AK ist ein Gremium in dem die Leitung, Dozenten und Studenten der Akademie drittelparitätisch vertreten sind. Entscheidungen werden in diesem Gremium mit einfacher Mehrheit gefällt. Auch die Aufgaben sind festgelegt: Nach §7(1) "entscheidet" der AK über folgende Punkte: Inhalt und Methoden des Unterrichts und Freigaben von Filmen der Studenten für öffentliche Vorführungen. Nach $7(1)c)hat der AK das "Recht" dem Direktor die Berufung von Dozenten vorzuschlagen. Die Betonung liegt hier auf "Recht". Damit der AK nicht durch undurchsichtige und kurzfristige Aktionen mit neuen Dozenten überrascht werden kann ist im $7 (3) die Klausel eingefügt worden, dass die "Beteiligung" des AK bei der Neubesetzung von Stellen "rechtzeitig" zu erfolgen hat. Außerdem "wirkt" der AK bei der Aufstellung des jährlichen Wirtschaftplanes mit. Mit diesen Fakten ist leicht nachzuweisen, dass es sich beim AK nicht nur um ein "beratendes" Germium handelt, wie Jan Schütte von Ihnen zitiert wird. Nur "bei Stimmgleichheit muss erneut abgestimmt werden. Bei nochmaliger Stimmgleichheit entscheidet die Stimme des Vorsitzenden". Vorsitzener des AK ist Jan Schütte als Direktor der dffb. Dieser hat dieses Gremium faktisch demontiert. Was nicht passt, wird passend gemacht. So ist auch die Stellungnahme von Schütte zu verstehen, dass die Stimmung an der Akademie gut sei. Es ist schade, dass sie dies ohne weitere Recherche so publizieren.


Frédéric Jaeger

Danke, Chris55, für die Ergänzungen und Ausführungen. Vor allem die genauen Statute kannte ich nicht, wusste nur in der Tat davon, dass der Akademische Rat ein Entscheidungsgremium sei. Es ist befremdlich, dass Schütte zugibt, den AK nur als beratendes Gremium wahrzunehmen - und damit faktisch schon seine eigene Schuld eingesteht in der Beschneidung der demokratischen Rechte der Studenten.


Lutz Granert

Als regelmäßiger Berlinale-Besucher seit 2009 kann ich nur zur diesem Punkt wirklich etwas beitragen. Dabei muss man sich mehrere Dinge vor Augen halten.

1.) In Berlin als Zentrum dieser Kultur hat sich inzwischen eine Mannigfaltigkeit von Filmfestivals etabliert, so dass selbst eine Kuriosität wie das "Porn Film Festival" regelmäßig seine Zuschauer findet. Die Anzahl der verkauften Tickets spielt also Kosslick in die Karten - was aber nicht sein Verdienst oder jener der Programmatik, sondern der eines enorm kulturinteressierten Publikums ist.

2.) Eine Auszeichnung auf der Berlinale hat mal etwas bedeutet, war international renommiert. Aufgrund von gerade einer Handvoll um den Goldenen Bären konkurrierenden Wettbewerbsfilmen (16 im Jahre 2011), die allesamt zuvörderst formal in ihrer Auswahl einem politischen Credo betonter Internationalität und kultureller Brisanz, nachgelagert dem Prädikat "großartiges Werk" unterliegen, nahm die Wichtigkeit dieser Auszeichnung für einen Film deutlich ab. Die Berlinale hat mit vielen internationalen Premieren von Filmen "großer" Regisseure mal in der A-Liga der Filmfestivals mitgespielt, inzwischen ist er mit Geheimtipps, Independentfilmen und Nischenfilmen, die jährlich gewinnen, in der B-Liga angekommen.

3.) Die Reaktion von "großen Filmemachern" darauf ist bezeichnend: Sie sparen ihre Filme zur internationalen Premiere in Cannes oder auch Venedig auf, die zudem im Jahr auch einfach besser terminiert liegen. Die Attraktivität für andere "große" Filmemacher nimmt mangels "Glamour-Faktor" auch dadurch ab.

4.) Nur ein Bruchteil der Wettbewerbsfilme der Berlinale erhält hinterher in Deutschland einen regulären Kinostart. Auch ein Indiz dafür, dass eher die Kultur-Marke "Berlinale", als die Filme selbst für das Massenpublikum interessant sind.






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