Weltreise für Daheimgebliebene: Globians Welt & Kultur Dokumentarfilmfestival 2008
Globians Dokumentarfilmfestival 2008
Globetrotter mit kleinem Geldbeutel können sich freuen. Denn in den kommenden Tagen braucht es lediglich eine Fahrkarte nach Potsdam, um für einige Stunden auf Weltreise zu gehen.

Vom 8. bis 17. August zeigt das 4. Globians Dokumentarfilmfestival im Alten Rathaus der Stadt 120 Dokumentarfilme aus den verschiedensten Ecken der Welt. In der Fülle des Angebots finden sich viele meist klassische Fernsehreportagen – Dokumentationen, die für die Leinwand gemacht sind und ein echtes Filmerlebnis bieten, scheinen hingegen eher die Ausnahme zu sein.
Der Name des „Globians world & culture Documentary Film Festival“ ist Programm und verweist zugleich auf die Zielgruppe der Veranstaltung. „Globians“ sind laut Festivalwebsite Menschen mit „einem globalem Verständnis der Kulturen, Geschichte, Politik und des Lebens auf der Erde“, die einen nachhaltigen Lebensstil bevorzugen. Entsprechend weit ist die inhaltliche Bandbreite der Beiträge. Gezeigt werden Filme zu globalen Themen wie kulturelle Identität, soziale Ungerechtigkeit, Urbanisierung oder Migration.

Einen Schwerpunkt bilden in diesem Jahr aus gegebenem Anlass Dokumentationen über China und Tibet. Zur Eröffnung des Festivals, das zeitgleich mit den Olympischen Sommerspielen in Peking begann, wurde so auch der halbstündige Film The Olympic Project von Maryann Towne gezeigt. Die amerikanische Produktion dokumentiert ein Grundschulprojekt, das den Schülern die olympische Idee näher bringen und ihr Verständnis anderer Kulturen fördern soll. Die wohlwollende Absicht den Termin zu würdigen hat dem Festival jedoch zu einem peinlichen Start verholfen. The Olympic Project ist nicht nur formal unspektakulär, sondern beweihräuchert völlig unkritisch den auf Folklore ausgerichteten landeskundlichen Unterricht der amerikanischen Grundschule.

Einer sportlichen Höchstleistung fernab von Olympia widmet sich der Film Across the Plateau, der eine 7-köpfige Gruppe chinesischer Pensionäre auf einer Radtour quer durch China zum Everest Base Camp begleitet. Neben den Strapazen, die eine solche Reise mit sich bringt, zeigt der 95-minütige Film die karge Schönheit des chinesischen und tibetischen Hochlands und gibt Einblicke in das Leben der Radfahrer. Durch Interviews erfährt der Zuschauer nach und nach Einzelheiten über ihren persönlichen Hintergrund, ihr Leben im maoistischen China und ihre Motivation, sich im Alter einer sportlichen Herausforderung zu stellen. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Landschaftsaufnahmen und Gesprächssituationen ist dem Regisseur Zhang Zeming ein stimmungsvolles Dokuroadmovie gelungen, das China von seiner alltäglichen Seite beleuchtet und damit in krassem Kontrast zu den Schreckensszenarien steht, die die westlichen Medien gerne über das Land zeichnen.

Lohnenswert für geschichtsbewusste „Globians“ ist The Last Atomic Bomb von Robert Richter. Der eineinhalbstündige Film nimmt sich dem Gedenken an den Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki an und begleitet eine Überlebende bei ihrer Aufklärungsreise über den Globus. In Begleitung junger Friedensaktivisten besucht die Zeitzeugin zum 50. Jahrestag des Ereignisses Schulen in Ländern mit Atomwaffenbesitz, um den Jugendlichen eine Vorstellung von der atomaren Zerstörungskraft zu geben. Ein dazu verwendeter Vergleich steht am Anfang des Films und lässt den Zuschauer im weiteren Verlauf nicht mehr los. Der Ton des Aufpralls einer kleinen Metallkugel symbolisiert hier die gesamte Zerstörungskraft der im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Waffen. Mit geschlossenen Augen lauschen die Schüler im nächsten Moment dem Geräusch, das – im Vergleich zur einzelnen Metallkugel – für das Zerstörungspotential aller heute vorhandenen Atomwaffen steht: ein nicht enden wollender Strom herunterprasselnder Kugeln ertönt. Neben solch starken Momenten entfaltet der Film seine Wirkung vor allem durch eine gekonnte Verwebung des Erfahrungsberichts der alten Dame mit Footage aus amerikanischen und japanischen Archiven.

Die mittellangen Filme des Festivals sind teils weniger ausgefeilt und können in vielen Fällen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie für den flüchtigen Blick des Fernsehzuschauers produziert wurden. Häufig zeichnen sie sich durch überflüssige Kommentare aus, die in Einzelfällen Anlass zum Fremdschämen geben. So wird wie etwa in The Water Bearer von Radio Canada aus einem eigentlich interessanten Bericht über gelungene Entwicklungszusammenarbeit in Indonesien eine Peinlichkeit, bei der man sich am Liebsten die Ohren zuhalten will. Der paternalistische Duktus des ethnografischen Films scheint sich hartnäckig im heutigen Fernsehjournalismus zu halten. Schade, dass die Selbstreflexion, die den wissenschaftlichen und künstlerischen Diskurs über das Dokumentarische seit Jahrzehnten kennzeichnet, noch immer von so wenigen Praktikern berücksichtigt wird.

Dass die Dokumentarfilme allem Anschein nach eher nach inhaltlichen als nach formalen Kriterien ausgesucht wurden, ist nicht immer von Vorteil für das Festival. Denn was als Offenheit gedacht ist, kommt schnell als Beliebigkeit daher. Sympathisch ist wiederum, dass keine Preise vergeben werden und alle Filme gleichberechtigt nebeneinander stehen. So finden auch Debüts und Low-Budget-Filme ihren Weg auf die Leinwand und deren Macher ein Diskussionsforum mit Gleichgesinnten. Denn der Austausch unter den Filmemachern ist eines der wichtigsten Ziele des Globians, das sich als Festival „von Filmemachern für Filmemacher“ versteht.
Für das nicht professionalisierte Publikum kann der Besuch des Festivals bei der Unübersichtlichkeit des Programms und bei einer Fülle von über 100 Filmen hingegen kaum mehr als ein Griff in die Wundertüte sein. Am Besten, man macht es wie auf Weltreise: sich treiben und überraschen lassen.
Vom 1. bis 8. September wird eine Auswahl an Filmen des Festivals im Babylon Mitte in Berlin wiederholt.







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