Brinkmanns Zorn Director’s Cut

Mit der DVD-Edition von Brinkmanns Zorn führt Harald Bergmann seine kongeniale Bearbeitung von Rolf Dieter Brinkmanns Material fort und wendet sie auch auf Super-8-Filme, Arbeitsbücher und Collagen des Schriftstellers an.

Vita brevis, ars longa – das kurze Leben des 1940 geborenen und bereits 1975 bei einem Verkehrsunfall in London zu Tode gekommenen Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann eignet sich perfekt zur Legendenbildung. Gehörte Brinkmann doch einer Riege von Autoren an, die dem Literaturbetrieb der Bundesrepublik ebenso skeptisch gegenüberstanden wie der Sprache als Ausdrucksmittel überhaupt. Aus dieser fundamentalen Skepsis heraus hat er sich den modernen Massenmedien Illustrierte, Film und Radio zugewandt, um Fetzen der seiner Meinung nach durch Ausdrucksklischees und stereotypen Vorstellungen verstellten Wirklichkeit habhaft zu werden. Der Literatur den Rücken kehrend ist Brinkmann armiert mit Super-8-Kamera oder mit Mikrophon in der Hand Ende der sechziger Jahre losgezogen, um jenseits sprachlicher Abstraktionen und Versteinerungen Momenteindrücke realen Lebens zu konservieren und den Avantgardetraum der Einheit von Kunst und Leben zu träumen.

Stimmen, Verkehrslärm, Entengeschnatter hat Brinkmann gesammelt, Blicke aus dem Fenster der Kölner Wohnung, Szenen aus dem Zusammenleben mit seiner Frau Maleen und seinem Sohn Robert hat er ebenso festgehalten wie seine Hasstiraden auf die Tristesse der Rheinmetropole oder Einblicke in seine Sexualität. Durch den Zusammenschnitt von Alltagsgeräuschen, sprachkritischen Reflexionen und Musik oder durch rasante Sequenzen, montiert aus Illustriertenfotos, verwackelten Filmbildern und unscharfen Großaufnahmen hat Brinkmann das Zustandekommen von Gedanken und Vorstellungen veranschaulichen wollen. Zwischen 1967 und 1975 ist auf diese Weise ein visuelles und akustisches Archiv entstanden, das in seinem fragmentarischen Charakter großen Spielraum für Interpretationen und Fortschreibungen lässt.

Harald Bergmann hat mit seinem 2006 uraufgeführten, hoch gelobten Kinofilm Brinkmanns Zorn eine Hommage an den flanierenden Dichter verwirklicht, in dem er dessen Super-8- und Tonbandaufnahmen audiovisuell bearbeitet. Dabei hat Bergmann Brinkmanns Schnittverfahren der im Nachlass befindlichen Filme, Collagen, Arbeitsbücher und Tonbänder zum Stilprinzip seiner filmischen Annäherung erhoben. In der nun vorliegenden dreiteiligen DVD-Edition werden neben dem Kinofilm auch die Super-8-Filme, Arbeitsbücher und Collagen in Bergmanns kongenialer Bearbeitung veröffentlicht. Brinkmanns amateurhaften Super-8-Filmen hat der Regisseur einen Soundteppich unterlegt. Auf diese Weise werden Brinkmanns Erkundungen der Sensibilität, seine teils naiv, teils gewollt wirkenden Versuche mit dem gestischen Potential der Kamera, dem Wechsel von Stimmungen, von Tempo und Rhythmus der Einstellungen, seine Vermischung von Genrezitat und Spontaneität trotz mancher im Rückblick bemüht erscheinender Avantgardismen unauffällig aktualisiert.

Dass es Bergmann weniger um eine möglichst authentische filmische Dokumentation der Krisenjahre des Schriftstellers geht als um eine freie Bearbeitung der nachgelassenen Dokumente und eine fiktionale Annäherung an die Persönlichkeit des Autors, zeigt sich gerade in der Adaption der Arbeitsbücher und Collagen Brinkmanns aus den Jahren 1971-73. Hier lässt er zu den auf der Leinwand zu lesenden Tagebuchtexten neben Eckhard Rhode als Rolf Dieter Brinkmann Rainer Sellien als dessen Freund Henning John von Freyend auftreten. Rhode und Sellien spielen an gleichem Ort – einer einsamen Mühle unweit des Hunsrückdorfes Longkamp – alle jene Verrichtungen und Unternehmungen der beiden nach, die Brinkmann akribisch notiert hat. Anders als in psychologisch motivierten Dokufiktionen werden bei Bergmann jedoch Modellsituationen von Erfahrungen vorgestellt, die von den Schauspielern genauso distanziert modellhaft interpretiert werden – diese die Gattungsgrenzen von Text und Film sprengende Aktualisierung von Erfahrungsmöglichkeiten, die Engführung von Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn bezeichnet dabei exakt den Einsatz, den Bergmanns Film wagt.

Die Verschränkung von Zeitebenen hat Bergmann bereits in seinem Kinofilm angewandt. Dort wechselt er abrupt zwischen der Rekonstruktion von Brinkmanns gelebter Zeit um 1970 zur Gegenwart der gefilmten Zeit, deren Identität durch die Figur des Schauspielers und die Einheit des Ortes hergestellt wird. Indem Bergmann die Plätze aufsucht, die Brinkmann mehr als 40 Jahre zuvor durchstreift hat oder durchstreift haben könnte, und sie auch in ihrer Gegenwärtigkeit zeigt, konfrontiert er Brinkmanns damalige Eindrücke mit einer Gegenwart, die in ihren alltäglichen Erscheinungen eine größere Beharrlichkeit und Konstanz aufweist als die jähe Vergänglichkeit empfundener Momente der Erfahrung. Die scheinbar bruchlose Wiederholbarkeit der visuellen und akustischen Eindrücke Rolf Dieter Brinkmanns, die Harald Bergmann so kunstvoll wie realitätsnah zelebriert, ist das eigentlich Überraschende und Provozierende an seiner filmischen Biographie.

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