Berlinale-Impressionen - Zwei Jurymitglieder berichten
Zehn Tage privilegierte Gäste des größten deutschen Filmfestivals: Zum Abschluss der Berlinale präsentieren wir Eindrücke von zwei jungen Juroren.
Miriam Leonardi und Daniel Nehm, Mitglieder der deutsch-französischen Jugendjury Dialogue en perspective, einer Initiative des Festivals gemeinsam mit TV5Monde und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, liefern uns ihre Impressionen.
Sie sind wieder da.
Beim Frühstücksbuffet im Hotel triffst du sie zum ersten Mal. Gierig stürzen sie sich auf Brötchen und Kaffee und während sie zwischen deftigem Nussaufstrich und Diät- Marmelade hin- und herschwanken, baumelt über ihrem Hemd die Karte. Der Badge, wie diese unter den Kennern bezeichnet wird. Es gibt sie in verschiedenen Farben, und wer sich im Vorfeld damit beschäftigt hat, kann daran die Wichtigkeit der Person erkennen.
Am Tisch hängen sie mit krummem Rücken über mehreren Kaffeetassen gleichzeitig und tippen in ihre Laptops. Wer neben sich einen Platz findet, legt behutsam seine prall gefüllte, rote Tasche ab und entnimmt ihr die Bibel für die nächsten zehn Tage. Das Programmheft. Konzentriert blättern sie darin und umkreisen - scheinbar beliebig - Seite für Seite mehrere Filme mit rotem Filzstift.
Auch verschwindet ab und zu ein selbstgeschmiertes Brötchen - gehüllt in eine Serviette - in der roten Berlinale-Tasche. Als Ausrede gilt, dass man nicht wisse, um welche Zeit man das erste Häppchen vorgesetzt bekomme.
Auf dem Weg zum ersten Film beeilen sie sich, dort vorbeizukommen, wo sich die Berge von Flaschen Selters auftürmen, an denen man sich großzügig bedienen darf. Also überall dort, wo die göttliche Gattung der „Akkreditierten“ Zutritt hat. Im Film stehen sie nach einer gefühlten halben Stunde auf und verlassen räuspernd den Saal. Schließlich hat man ja noch anderes zu tun.
Abends setzen sie sich dazu. Zu wem sie sich setzen dürfen, entscheidet die Farbe des Badges, ihre Überredungskunst oder der Wille der Türsteher. Die haben übrigens auch Badges.
Small Talk mögen sie eigentlich nicht. Sie warten lieber darauf, dass die Dame oder der Herr mit dem Häppchen-Silbertablett an ihnen vorbeiläuft. Man würde dann ganz unauffällig nochmals zugreifen. Vielleicht würde man auch fragen, was es denn diesmal gäbe, um den Eindruck zu erwecken, noch nie davon genommen zu haben. Im Hotel angekommen, leeren sie ihre Taschen, ordnen die gesammelten Visitenkarten fein säuberlich und notieren auf der Rückseite zwei Stichworte zur dazugehörenden Person. Zur Erinnerung. Wer sich davon trennen kann, legt den Badge feierlich auf den Nachttisch. Griffbereit für die nächste Mission.
Die Akkreditierten sind da. Und dieses Mal bin ich eine von ihnen.
Miriam Leonardi
Berühmt für fünfzehn Sekunden
Erinnerungen an den letzten Berlinale-Tag
„In Zukunft wird jeder Mensch für 15 Minuten berühmt sein.“ (Andy Warhol)
Lange haben wir uns auf diesen Moment vorbereitet. Innerlich haben wir schon vorher jede Bewegung, jede Geste, jeden Blick zigmal durchgespielt. Sieben ganz normale Kinoliebhaber werden feierlich über den roten Teppich schreiten, ab und zu innehalten, kokett in die zahllosen Kameras blinzeln, das Blitzlichtgewitter lustvoll über sich ergehen lassen.
Es ist soweit. Die ersten drei Schritte, schwerelos. Alles ist rot in rot und wunderbar grell. Sekunden vergehen. Dann, plötzlich und unheilverkündend ertönt das sonore Brummen einer Luxuslimousine. Irgendjemand ruft: „It’s Tilda!“ Schlagartig wenden sich alle Objektive von uns ab. Mit einer eleganten Drehung betritt Tilda Swinton den roten Teppich und plötzlich ist nur noch sie da. Völlig unbemerkt von den Kameras verschwinden wir leisen Schrittes im Berlinale-Palast.
Ein paar Stunden später, die Berlinale nähert sich ihrem Ende. Der mittlerweile graurote Teppich ist wie leergefegt, die Stars verschwunden. Es ist still und kalt. Ein paar vereinzelte Schneeflocken irren durch die Luft. Wir feiern unsere 15 Sekunden Ruhm bei einem Nachtspaziergang durch den Palast, bei einem Glas mittelmäßigen Sekt und Erdnüssen. Und wieder spüren wir im Nacken den strengen Blick von Tilda Swinton, die von einer großformatigen Fotografie auf uns herabblickt.
Daniel Nehm













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