Mysteriös, willensstark, aus dem Jenseits – Die Französische Filmwoche Berlin 2016
Macht sich Olivier Assayas absichtlich lächerlich? Treffen die Dardennes’ ins Herz Europas? Wir dokumentieren Artikel von vier jungen Bloggern, die die Französische Filmwoche Berlin 2016 begleitet haben.

Schuld und Sühne
Der Film „Das unbekannte Mädchen“ der Brüder Dardenne fragt nach Schuldigen und ersucht deren Erlösung
Eine Schnellstraße. An diese anschließend, Menschenleben. Der Kaffee wird mit Nescafémischung im Topf gekocht, ein Mann leidet unter einem unbehandelten entzündeten Bein, weil im Krankenhaus sein Pass verlangt wird, Mütter mit Alkoholproblemen, Kinder mit stressbedingten Magenverstimmungen. Dies ist das Milieu, auf das die Brüder Dardenne in ihrem neuen Film „Das unbekannte Mädchen“ den Blick richten. Dazwischen steht die junge Ärztin Jenny Davin, gespielt von der französischen Schauspielerin Adèle Haenel, die auf die glamourösere Stelle in einer Gemeinschaftspraxis verzichtet und stattdessen eine Praxis für Kassenpatienten übernimmt.
Eine Stunde nach Dienstschluss klingelt es an der Tür. Dr. Davin raunzt ihren Praktikanten an, er solle jetzt nicht öffnen, so komme er nie zum Schlafen und sowieso sei er schon zu unkonzentriert. An der Tür das Mädchen, das am nächsten Tag tot am Fluss aufgefunden wird – ermordet.
Das unbekannte Mädchen könnte noch leben, hätte Davin die Tür geöffnet, ist die Ärztin überzeugt. Was nun folgt, bestimmt den ganzen Film: Ein Versuch der Wiedergutmachung und der Beruhigung des eigenen Gewissens. Dr. Davin beginnt auf eigene Faust nach der Identität des Mädchens zu suchen, wird bedroht und auch von der Polizei zurechtgewiesen, dass sie die Ermittlungen nur erschwere. Das aber gerade sie letztlich diejenige ist, bei der die Zeug*innen ihr Gewissen erleichtern, da sie der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt, ist geradezu ironisch.
Die Brüder Dardenne haben einen stillen Film geschaffen. Im Fokus stehen die beiden Frauen, die Ärztin und das ermordete Mädchen, dessen Foto Davin immer wieder Menschen zeigt. Während die Tote in der immer gleichen angstvollen Mimik des Fotos verhaftet bleiben muss, changiert auch Haenel als Dr. Davin kaum in ihren Gesichtsausdrücken. Sie brilliert als wenig lächelnde, ernste Ärztin, die genau weiß, dass in ihrem Beruf starke Emotionen fehl am Platz sind. So wird der Film auch getragen von Stille. Es gibt keine Musik, nur das Rauschen der Schnellstraße, das schwere Atmen von Patient*innen und natürlich die Klingel, die die Stille jedes Mal wie ein böses Omen zerreißt. Am Ende ist es sie, die Klingel, die die Lösung bringt und damit die Läuterung.
Eine bedrückende Milieustudie, die ins Herz des zeitgenössischen Europas trifft, das die Tür lieber geschlossen hält und später mit den Konsequenzen leben muss.
Magdalena Beyer

Personal Shopper: Kristen Stewart wartet auf ein Zeichen aus dem Jenseits
Nach Vampiren und Werwölfen trifft Kristen Stewart im neuen Film von Olivier Assayas auf Geister. Doch handelt sich keinesfalls um eine klassische Geistergeschichte, Personal Shopper erinnert stattdessen eher an eine Mischung aus Thriller und Satire mit übernatürlichen Elementen.
Womit ganz konkret Geister gemeint sind, die regelmäßig erscheinen. Einerseits wirken die dafür eingesetzten Effekte ziemlich unprofessionell und ziehen die Handlung ins Lächerliche. Andererseits vermittelt Kristen Stewart die Geschichte von Maureen sehr glaubhaft. Maureen kümmert sich in Paris um die Garderobe eines internationalen Stars, weil dieser keine Zeit dafür hat. Eine Tätigkeit, der sie nur nachgeht, um über die Runden zu kommen und die sie im Grunde hasst. Womit sie sich eigentlich beschäftigen will, ist etwas ganz anderes: Sie ist nämlich ein sogenanntes Medium und wartet auf ein Zeichen ihres kürzlich verstorbenen Zwillingsbruders, um endlich mit der Tragödie seines Todes abschließen zu können.
Assayas’ Inszenierung schwankt zwischen Ernsthaftigkeit und Satire, was durchaus ungewöhnlich ist und ihm gut gelingt. Es bleibt unklar, ob er diese Geschichte auf eine ironische oder eher ernsthafte Weise rüberbringen möchte.
Mit Kristen Stewart als Hauptdarstellerin dürfte Olivier Assayas vermutlich ein großes Publikum erreichen. Das Drehbuch scheint auf sie zugeschnitten zu sein. Sie spielt Maureen mit dem erschöpften Gesichtsausdruck, den man von ihr kennt und neigt dazu, alle Bewegungen in die Länge zu ziehen. Dies verleiht dem Film die Spannung, die er braucht, damit der Zuschauer den Kinosaal nicht verlässt. Tatsächlich zieht sich der erste Teil des Films in die Länge.
Wirklich einzigartig ist aber, dass er mit sehr wenig Text auskommt und überwiegend mit SMS-Nachrichten arbeitet. Ein unbekannter Absender treibt Maureen und auch den Zuschauer fast in den Wahnsinn. Er muss alle Nachrichten lesen, um der Handlung zu folgen. Es sind aber vor allem die Geräusche, die das Absenden und Ankommen der SMS signalisieren, die nach einer gewissen Zeit unerträglich werden. Wer den Film aber nicht zu Ende schaut, verpasst einen brisanten Abschluss à la Woody Allen. Denn das Rätsel der Nachrichten wird schließlich auf eine intelligente und brutale Art gelöst.
Anastasia Bauer

Le parc: Mysteriöser Realismus
Als befände man sich selbst auf einem Rendezvous: Damien Manivels Le parc erzählt die Geschichte eines ersten Treffens zwischen einem Jungen und einem Mädchen verblüffend echt. Doch kaum ist es dunkel geworden, wird es bizarr.
Das erste Date. Eine Situation, in der sich fast jeder schon einmal befunden hat. Ein Junge sitzt auf einer Bank, wartet nervös. Dann kommt ein Mädchen. Sie begrüßen sich, fragen, wie es dem anderen geht, wo sie wohnen, dann unangenehmes Schweigen, keiner sagt etwas. Plötzlich sitzt man mit den beiden auf der Bank, überlegt, was man an ihrer Stelle sagen könnte. Während die beiden durch den sonnigen Park streifen, sich langsam näher kommen, fiebert der Zuschauer mit ihnen mit. Hat der andere überhaupt Interesse? Wie soll man sich ihm annähern?
Le parc ist ein Film, der nicht dadurch spannend ist, dass ständig etwas Neues passiert, sondern durch seinen Realismus, durch den ein hoher Grad an Identifikation erreicht wird. Dies gelingt nicht nur durch das authentische Drehbuch, sondern auch durch das nuancierte Spiel der Laiendarsteller Maxime Bachellerie und Naomie Vogt-Roby. Kein Blick, keine Geste wirkt zu viel.
Auch die Führung der Kamera beschränkt sich auf das Notwendigste. Es gibt wenige Einstellungen pro Szene, doch es sind nie zu wenige. Kamerafahrten gibt es nur eine. Dann, wenn der Parkwärter und das Mädchen in einem Boot sitzen und im Vollmond den Fluss des Parks entlangfahren. Die beiden begegnen sich, als er den Park schließen möchte. Sie läuft rückwärts vor ihm weg, nach einer Weile beginnt er Tai-Chi zu machen, die beiden tanzen, er trägt sie.
Dieser Wandel zum Mysteriösen, von so realistisch handelnden zu skurrilen Figuren verwundert. Dennoch fällt es nicht schwer, sich auf die neue Dimension einzulassen. Der Park, der noch vorher ein sonniger, romantischer Ort war, wird zu einem zwielichtigen, bizarren Areal und die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.
Le parc ist ein Film, der seinen Schauspielern viel Raum gibt und es schafft, trotz der geringen Mittel, die zur Verfügung standen, den Zuschauer in den gleichermaßen lebensnahen und mysteriösen Film zu ziehen.
Sophie de Frenne

Marie Curie, Portrait einer willensstarken Rebellin
Malerisch und zugleich feministisch ist das Porträt der französisch-polnischen Wissenschaftlerin, das Marie Noëlle mit ihrem Film Marie Curie zeichnet. Die Regisseurin will die „üblichen Repräsentationen“ Marie Curies hinter sich lassen und eine „sinnliche Seite“ hervorbringen, die sonst verborgen bleibt.
Schwarz gekleidet, mit Hüten auf dem Kopf und Zigarren in der Hand laufen sie wie eine Horde Büffeltiere am Strand. In ihrer Mitte Marie Curie (Karolina Gruszka), die entschlossen nach vorne schreitet und die „Männerherde“ anführt. Ihre roten Haaren glänzen in der Sonne, der Wind poltert und das Meer tobt.
Diese Szene resümiert viel von Marie Noëlles Vorhaben, das sie mit ihrem neuen Film Marie Curie verfolgt: das Bild einer starken Frau vermitteln, dabei „die ‚Weiblichkeit’ suchen“ und das Ganze in einem Rahmen setzen, der Bilder entstehen lässt, die an impressionistische Gemälde erinnern. In der Tat gelingt es dem Film diese malerischen Elemente immer wieder so einzusetzen, dass der Zuschauer gefesselt die wunderschönen Bilder betrachtet und sich dabei überlegt, an welches bekannte Gemälde ihn diese Szene nun erinnern könnte.
Die feministische Seite des Porträts wird zu Beginn vor allem mittels der Hartnäckigkeit und dem Durchhaltevermögen der Figur dargestellt, die Marie Curie als eine verbissene Forscherin erscheinen lässt, die kaum Zeit für etwas anderes als ihre Arbeit hat. Die Konsequenz dieser Inszenierung Marie Curies ist, dass der Zuschauer nur sehr langsam Sympathie für die Figur entwickeln kann und der Einstieg in den Film deswegen nicht leicht fällt. Das kalte Bild wird im Laufe des Films aber mit der sich entwickelnden Liebesbeziehung zwischen Marie Curie und Paul Langevin immer mehr aufgetaut. Gegen Ende des Films wird Karolina Gruszka sogar völlig nackt auf dem Bett liegend dargestellt. Marie Curie verliert so ihre Introvertiertheit, die sie zu Beginn des Films noch charakterisierte. Doch geht mit dieser Szene, die den Körper der Frau als einziges Objekt hat, nicht auch ein bisschen der feministische Ansatz verloren?
Für Marie Noëlle stellt diese Szene im Gegenteil die Möglichkeit dar, ein anderes Bild von Marie Curie zu präsentieren, das sie von ihrer „sinnlichen Seite“ zeigt. Die Regisseurin will das konventionelle Bild der Wissenschaftlerin mit solchen Elementen „brechen“. Eine Entscheidung, die zwar insgesamt sehr gelungen ist, jedoch ein paar Erwartungen nicht erfüllt. Das Engagement Marie Curies, wie etwa während des Ersten Weltkriegs, hätte angeführt werden können, um ihre Überzeugungskraft besser darzustellen.
Das Bild, das am Ende in Erinnerung bleibt, ist das einer modernen Frau, die ihrer Zeit, gesellschaftlich und wissenschaftlich, voraus war. Es bleibt das Bild einer Visionärin, die Wissenschaft mit Kreativität und Gedankenfreiheit assoziierte. Ein Gedanke, der für aktuelle Debatten hoch interessant ist und den Marie Noëlle zurecht in den Vordergrund ihres Filmes stellt.
Raphaël Schmeller
Mehr Artikel von den Bloggern finden sich auf dem Blog der Französischen Filmwoche
Der Blog ist ein Projekt des Deutsch-Französischen Jugendwerks und des Institut français Deutschland.








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