"Wuthering Heights" - Sturmhöhe – Kritik

In Wuthering Heights spielt Emerald Fennell den Klassiker von Emily Brontë in einem Puppenhaus nach. Das Campige, das in ihrem Film steckt, kann sie dabei nie wirklich umarmen. Sex und Perversion bleiben künstlerische Geste und ironischer Spaß.

Wie die meisten Verfilmungen von Emily Brontës Wuthering Heights konzentriert sich Emerald Fennells Version auf die tragische Liebesgeschichte von Cathy Earnshaw (hier: Margot Robbie) und Heathcliff (hier: Jacob Elordi) und lässt die morbiden Nachwehen außen vor. Von einer Reise bringt Cathys Vater den Straßenjungen Heathcliff mit, er und Cathy wachsen gemeinsam auf, sie lieben sich. Doch dann heiratet Cathy Edgar Linton (hier: Shazad Latif), angezogen von dessen Status und Reichtum. Heathcliff rächt sich, indem er verschwindet und nach Jahren reich zurückkehrt – als amouröser Racheengel, der Cathy fortan auf verschiedenste Weise provoziert. Mehr als alles andere treibt beide ihr Stolz an, weshalb der melodramatische Sturm kommen muss. So weit, so bekannt.

Von Ambivalenzen befreit

Im Anwesen der Lintons steht in Fennells Wuthering Heights nun ein überdimensionales Puppenhaus, das diesem Anwesen nachempfunden ist. Edgars Schwester Isabella (Alison Oliver) begrüßt ihre frischgebackene Schwägerin, indem sie dieser eine ihr nachempfundene Puppe überreicht. Bald sehen wir Cathy und Isabella vor dem Puppenhaus, in dem ihre Puppen-Ebenbilder ihrerseits vor einem Puppenhaus stehen. Für die Handlung hat dieser Moment nur eine minimale Bedeutung (als der Hass sich auszubreiten beginnt, findet Cathy ihre Puppe mit ausgestochenen Augen wieder). Zentraler ist, dass sich der Film hier selbst reflektiert.

Dieses Wuthering Heights wirkt nämlich, als spiele jemand in einem Puppenhaus den Klassiker nach. Auch weil die Handlung von vielen der Ambivalenzen des Originals befreit ist und sich wie ein grobes Gedächtnisprotokoll anfühlt, das alles auf den einfachsten Nenner bringt. Die Figuren sind auf ihre Funktionen heruntergebrochen – Edgar ist nur reich und nicht liebenswert; Cathy schlicht unentschieden zwischen Leidenschaft und Rationalität; Isabella ein verschüchterter Nerd, der sich danach sehnt, mal richtig rangenommen zu werden. Und sie alle reden, als wären sie Newsticker ihrer Emotionen und Motivationen, als müssten sie unentwegt absichern, dass auch ja alle alles verstehen.

Vor allem aber sieht das alles auch nach Puppenspiel aus. Es greifen zwar nun nicht gerade riesige Hände ins Bild, um die Schauspieler zu bewegen. Doch die überdimensionierten, nur minimal möblierten, von expressiven Farben und Mustern durchzogenen Räume erinnern lediglich an echte Lebenswelten. Das Moor wirkt wie für eine Modelleisenbahn angelegt, die Schauspieler erscheinen darin wie geschrumpft. Und nicht zuletzt ist der Look der Darsteller selbst Puppen nachempfunden – gerade bei den Frauen. Margot Robbie erscheint lange Zeit fahl geschminkt, mit jeder Menge Rouge auf den Wangen, und steckt in absurd extravaganten Kleidern. Wie in Barbie (2023) scheint sie mehr lebendig gewordene Spielfigur als Mensch – und sie spielt es auch so; beschränkt auf generische Gesichtsausdrücke.

Sadomaso-Spiele in der Scheune

Puppenspielerin Emerald Fennell erfüllt dabei das Klischee eines Mädchens, das mit seinen Figuren erste sexuelle Gehversuche unternimmt. Die literarische Vorlage bietet ihr hierfür nur das Korsett. Haben wir das Reden über Gefühle erst einmal hinter uns gelassen, scheint in Wuthering Heights immer wieder ein lüsterner Erotikfilm durch. In dem steht die wohlhabende Lady auf den Stallburschen, dessen verschwitzter muskulöser Körper ihr Dinge verspricht, die ihr die zugeknöpfte viktorianische Hochkultur nicht bietet. Und auch Fennell wirkt in diesen Momenten wie befreit.

Gerade in der ersten Hälfte sind Rücken der zentrale Fetisch des Films: bei der Arbeit schwitzende, vernarbte Männerrücken; von Korsetts zusammengequetschte Frauenrücken. Durchgängig im Mittelpunkt stehen Körper und Körperflüssigkeiten: Urin, der sich in einer Hose ausbreitet, Speichelfäden zwischen zwei Lippenpaaren, Hände über Mündern und Augen, ein von einem Leinensack verhüllter Mund, in dem ein Schrei erstickt. Sadomaso-Spiele werden durch einen Spalt in einer Scheune beobachtet, probehalber ausprobiert, vollständig genossen. Mehr noch als Fennells Vorgänger Saltburn (2023) oder der gerade auch erst in den Kinos gestartete The Housemaid (2025) ist der Film von Sex und vom Ausleben der ungeheuren Gefühle besessen.

So sinnlich wie das Kneten von Teig

Es ist nur ein wenig schade, dass das Kneten von Teig dabei das Sinnlichste ist, was Fennell zu bieten hat. Das mag einerseits an Elordi und Robbie liegen, spielt der eine seinen ruppigen Primitivling doch vor allem als Holzklotz und die andere ihre verzogene Verlorene als abgeklärtes Püppchen. Das Hauptproblem ist aber, dass Fennell die Soapopera, die sich hier so oft entfaltet, nie als solche umarmt. Sondern dass sie Kunst zu machen vorgibt, wobei sie nachahmt, was sie bei anderen als Kunst verstanden hat. Die Einstellungen sind oft so manieriert wie bei Wes Anderson, die grotesken Bildinhalte erinnern an Tim Burton und Cathys Leben im goldenen Käfig ihrer Wohlstandsehe sieht in der entsprechenden Montage wie von Sofia Coppola übernommen aus.

Cathys Zimmer in Lintons Anwesen wurde von ihrem Ehemann so gestaltet, dass die Wände wie Vergrößerungen ihrer Haut scheinen. Adern leuchten durch die hautfarbene Tapete, Sommersprossen prangen darauf. Ein Zimmer umgeben von lebendiger Haut: eine Idee wie aus einem Cronenberg-Film. Gemacht wird damit nichts. Es bleibt ein schönes, künstlerisches Gimmick. Wie diese Haut bleiben Sex und Perversion in dem Film künstlerische Geste oder ironischer Spaß.

Fennell kommt aber mit Nachdruck zum Sex zurück – Heathcliff und Cathy werden gar mit einer heißen Affäre beschenkt, die den Wahnsinn der Vorlage zügelt, aber Fennell sichtlich am Herzen liegt. Und das lässt die Szene wirken, als wollte hier dringend etwas durchbrechen, das aber noch nicht den richtigen Ausdruck gefunden hat. Das noch in einem sich fremd anfühlenden Korsett steckt. Was Wuthering Heights bei allem Camp, bei allem doch durchscheinenden Gefühlen und bei aller Lust eher halbgar erscheinen lässt.

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