Winter in Sokcho – Kritik
In einer verschneiten, südkoreanischen Küstenstadt trifft eine junge Frau auf einen stoischen französischen Maler. Winter in Sokcho erzählt von unverhoffter menschlicher Nähe, von kleinen Verwandlungen und der Last idealisierter Körperbilder.

Wenn man genau hinsieht, ähnelt die Bergkette mit ihren spitzen Erhebungen und plötzlich abfallenden Kurven tatsächlich dem schuppenbesetzten Rücken eines Drachen. Zumindest kann Yan Kerrand (Roschdy Zem) dieses Bild noch am leichtesten erkennen. Bei den anderen Gestalten, die sich in den Bergumrissen verstecken sollen, muss er länger hinschauen, bis er sie tatsächlich sieht – während Soo-Ha (Bella Kim) problemlos die verschiedenen Figuren aus lokalen Legenden ausmachen kann. Normalerweise gehört die Reiseführung nicht zu Soo-Has Aufgaben als Rezeptionistin, Köchin und Putzkraft einer Pension im stillen Fischerort Sokcho an der südkoreanischen Küste. Doch für diesen ungewöhnlichen Gast – einem schweigsamen, zuweilen unhöflichen, französischen Maler, der den Ort auf unbestimmte Zeit für Inspiration aufgesucht hat – erweitert sie ihr Aufgabenfeld gerne. Bevor die beiden weiter über das Bild eines fliegenden, in den Himmel strebenden Fisches reden können, das sich in den Bergen für sie eingezeichnet hat, greift Yan kurz aber bestimmt nach Soo-Has frierenden Fingern. Seine Geste schwebt unsicher irgendwo zwischen plötzlicher Väterlichkeit und romantischer Nähe. Soo-Ha blickt ihn neugierig an.
Verwandlungen im Kleinen

Passend zum fliegenden Fisch als Mischwesen zwischen Himmel und Meer, setzt sich Winter in Sokcho, das Spielfilmdebüt des französisch-japanischen Regisseurs Koya Kamura, aus schwankenden Spannungen zwischen Nähe und Distanz zusammen. Soo-Ha und Yan gehen zusammen essen und reden über ihre Familien, doch kurz darauf zieht sich Yan in sein kleines Zimmer zurück und möchte nicht bei der Arbeit gestört werden. Soo-Ha wiederum sucht wiederholt seine Nähe, ohne selbst zu wissen, was genau sie zu ihm zieht. Naheliegend wäre die Vermutung, dass Yan ihr zu einer Projektionsfläche für eine noch unverarbeitete Abwesenheit wird – denn Soo-Has Vater war ein französischer Fischer, der ihre koreanische Mutter, eine Fischhändlerin, vor ihrer Geburt verlassen hat. In Yans hartem Blick, den Zem in ausgewählten Momenten mit Zärtlichkeit zu füllen weiß, vermengt sich für Soo-Ha der exotisierte Fremde und die väterliche Ersatzfigur mit dem mysteriösen Künstler.
Kamura ergründet die Annäherung der beiden sowie die Gespräche, die Soo-Ha mit anderen Figuren führt, in einem wohlig zurückgenommenen Erzähltempo, das sowohl für die schneebedeckte Kleinstadtlandschaft als auch für zwischenmenschliche Details Zeit findet. Besonders oft interessiert sich die Kamera von Élodie Tahtane dabei für die Handarbeit der Figuren: wie Soo-Ha in der Pensionsküche rasch Zwiebeln kleinschneidet, wie ihre Mutter (Park Mi-hyeon) den lokalen Fugu-Tintenfisch so präzise ausnimmt und zerkleinert, dass seine giftigen Teile entfernt und er zur Delikatesse wird. Es sind Akte der bewussten Verwandlung im Kleinen, die den Film motivisch durchziehen und die mit Yans Zeichenkunst dadurch gleichgesetzt werden, dass dessen Momente kreativer Tätigkeit mit genau den gleichen fokussierten Nahaufnahmen gefilmt werden.
Kulinarische Kunstvorstellungen

Yan und Soo-Ha besuchen zusammen einen Laden für Malutensilien. Yan streift durch die Regale und beginnt, die Oberfläche des Papiers und der Pinsel körperlich zu testen – er verspeist eine Papierecke, leckt an Pinseln und kostet von der Tinte, was Soo-Ha gleichermaßen befremdet und fasziniert. In solchen Momenten verschränkt Winter in Sokcho Körperlichkeit und Kunst. Für Yan kann gute Kunst nur dann entstehen, wenn sie gleich eines gut vorbereiteten Gerichts mit Zutaten angefertigt wird, die auf den Körper der schaffenden Person abgestimmt sind. Diese Gleichsetzung von Kunst und Kochen ist in sich nicht neu, wird aber so subtil und nebenbei eingefügt, dass sie dem Film eine leichtfüßige Präzision verleiht.
Yans Blick auf die Welt und seine daraus hervorgehenden Tuschezeichnungen werden für Soo-Ha zu einem Imaginationsraum, in dem sie ihren eigenen Unsicherheiten begegnet. Auch wenn sie in der Pension das Kochen als Kunst ernst nimmt, ist sie selbst nicht am Verzehr der Ergebnisse interessiert. Ihre Mutter (Park Mi-hyeon) weist sie wiederholt darauf hin, mehr zu essen, doch Soo-Ha hat Angst vor einer wachsenden Körperfülle, die ihrer Ansicht nach von anderen negativ bewertet würde. Diese Angst wird verstärkt durch ihren Freund Joon-oh (Gong Do-yu), der Model in Seoul werden möchte und der ihr empfiehlt, sich Gesichtsoperationen zu unterziehen. Dadurch könne sie sich den Schönheitsstandards der Großstadt anpassen und dann könne sie mit ihm dort hinziehen. Der psychische Stress, den diese Standards in Soo-Ha auslösen, wird in einer inszenatorisch klugen Kombination aus Kunst und Körperbildern in kurzen, animierten Sequenzen visualisiert. Weiße Linien schweben vor einem schwarzen Hintergrund und fließen immer wieder zu Körperumrissen zusammen, die so groß und breit werden, dass sie das Filmbild zu sprengen drohen.
Yan kehrt dafür mit Chipstüten beladen aus dem Supermarkt zurück und entgegnet auf Soo-Has Hinweis bezüglich seiner schlechten Ernährung nur mit einem stoischen „Man lebt nur einmal.“ Diesem Muster folgen die meisten ihrer Gespräche: Auf Soo-Has Kontaktversuche folgt eine mal mehr, mal minder brüske Ab- oder Zurechtweisung, mit der Yan sich bemüht, auf der Ebene einer oberflächlichen Urlaubsfreundschaft zu bleiben. Trotzdem kommt es immer wieder zu Momenten emotionaler Verbindung – und genau hier offenbart sich ein Schwachpunkt von Winter in Sokcho. Denn die Atmosphäre einer wachsenden menschlichen Vertrautheit zwischen Yan und Soo-Ha, auf die der Film abzielt, stellt sich nie wirklich ein. Dafür bleibt Yan als Figur schlicht zu eindimensional: Er besitzt abseits seines Künstlerdaseins keine prägnanten Eigenschaften und verkommt dadurch zu einem bloßen Stichwortgeber für Soo-Has persönliche Entwicklung. Diese allzu durchsichtige Drehbuchmechanik wird jedoch aufgewogen von Bella Kims nahbarem Schauspiel, das Soo-Has innere Konflikte emotional authentisch darzustellen weiß. Sie spielt Soo-Has Offenheit als idealistischen Glauben daran, dass Ehrlichkeit immer mit Ehrlichkeit beantwortet werden sollte. Sie glaubt, zu Recht, dass Fische fliegen können.
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