White Snail – Kritik
In Minsk sucht die junge Masha nach einer Zukunftsperspektive. Mit einem genauen Blick für die Dinge und Gesten des Alltags erzählt White Snail vom Leben in der Diktatur und der permanenten Spannung zwischen Selbstinszenierung und Selbstauslöschung.

Masha will weg. Wohin – das weiß die Protagonistin (Marya Imbro) in Elsa Kremsers und Levin Peters White Snail wohl selbst nicht so genau. Hauptsache weg, raus aus Minsk, raus aus der belarussischen Tristesse aus Repression und Langeweile, raus aus diesem Leben ohne Möglichkeiten, ohne Zukunft. Viele Optionen hat Masha nicht: Die Versprechungen ihres Vaters, sie zusammen mit der Mutter zu sich nach Polen zu holen, glaubt sie schon lange nicht mehr. Die Model-Schule, die sie besucht, winkt mit der Aussicht auf eine Karriere in der chinesischen Fashion-Industrie. Ihre Chancen stehen nicht schlecht: Masha ist groß und grazil, den kühlen, neurasthenischen Model-Blick beherrscht sie perfekt, ihre Haltung und ihr Gang sind makellos.
Neben den Laufstegen im fernen China lockt aber noch eine weitere mögliche Exit-Option. Welche, das verraten Kremser und Peter gleich in der Eröffnungssequenz ihres Films: Wir sehen Masha mit einer Plastiktüte über dem Kopf rücklings auf ihrem Bett liegen, das Gesicht frontal der Kamera zugewandt. Mit jedem Atemzug zieht sich der Kunststoff enger an ihre Haut. Ein Selbstmordversuch – und nicht der letzte in diesem Film. Mode und Tod, Selbstinszenierung und Selbstauslöschung, Oberfläche und Transzendenz: in diesen Spannungsfeldern vollzieht sich Mashas Drama.
Mit viel Ruhe führen Kremser und Peter in dieses Drama ein, zeigen Masha bei ihren Versuchen, klarzukommen und zu funktionieren – bis der so sanfte wie geheimnisvolle Misha (Mikhail Senkov) in ihr Leben tritt. Oder richtiger: Masha in seines. Misha verdient sein Geld als Obduktionsassistent, ist eigentlich aber Künstler, der seine beruflichen Erfahrungen mit Tod und Gewalt nach Dienstschluss in opulente Ölgemälde übersetzt. Unter einem Vorwand gelingt es Masha, ihn dazu zu bringen, ihr einen Einblick in die Leichenhalle zu gewähren, in der er arbeitet. Kurz darauf ist sie regelmäßig sein Gast. Eine zarte Liebesbeziehung entspinnt sich.
Elegant und unaufgeregt

Mit White Snail präsentieren Kremser und Peter – nach ihren gefeierten Dokumentarfilmen Space Dogs (2019) und Dreaming Dogs (2024) – ihre dritte gemeinsame Regiearbeit und ihren ersten gemeinsamen Spielfilm. Motivisch knüpft das Duo darin an vieles an, was auch schon in den beiden vorangegangenen Projekten (über den Alltag von Moskauer Straßenhunden) eine Rolle spielte: Außenseiterfiguren (menschliche und tierische), Leben in der (postsowjetischen) Diktatur, Existenzen am Rand einer von Stagnation und Perspektivlosigkeit geprägten Gesellschaft; diesmal nicht in Moskau, sondern in Minsk. Dass dieser „Blick in den Osten“ in White Snail niemals Seidl-haft voyeuristisch oder exotistisch gerät, verdankt sich vor allem der eleganten Kameraarbeit von Mikhail Khursevich, der Mashas und Mishas Beziehung atmosphärisch dicht und zugleich sympathisch unaufgeregt in Szene zu setzen weiß – mal nüchtern sozialrealistisch in matten, entsättigten Farben, mal slick und urban mit scharfen Kontrasten und glitzernder Minsker Skyline. Aufgebrochen wird dieses strenge visuelle Konzept des Films nur einmal gegen Ende, wenn wir in einem irritierend schönen, magisch-realistischen Exkurs die titelgebenden weißen Schnecken (die sich Masha aus Beauty-Gründen hält) beim nächtlichen Liebesspiel im Wald beobachten dürfen.
Dokumentarisches und Fiktionales – diesen Gegensatz verhandelt White Snail auch auf Ebene seines Casts: So sind Marya Imbro und Mikhail Senkov nicht nur Laien-Darsteller*innen, die in dem Film ihr Schauspiel-Debüt geben, sondern spielen darin überdies auch mehr oder weniger sich selbst. Imbro modelt, seitdem sie 16 ist, zuletzt war sie vor allem auf Shows im asiatischen Raum zu sehen; Senkow hat zwanzig Jahre lang begleitend zu seinem Malereistudium an der Minsker Kunstakademie in einer Leichenhalle gearbeitet, bevor er sich als Künstler einen Namen machte. Die Gemälde, die wir in White Snail sehen, stammen von ihm. Kremser und Peter schöpfen die dokumentarischen Möglichkeiten, die sich ihnen durch die besonderen professionellen Backgrounds ihrer Hauptdarsteller*innen eröffnen, voll aus. Immer wieder taucht der Film in die Arbeitsrealitäten seiner Protagonist*innen ein – etwa, wenn er Masha ausgiebig beim Catwalk-Training oder bei ihren Beauty-Routinen zeigt oder wir Misha beim Präparieren einer Leiche oder einer Leinwand über die Schulter schauen dürfen.
Erkundungen der Oberfläche

Darüber, was genau im Inneren seiner beiden Hauptfiguren vor sich geht, erfahren wir in White Snail nur wenig. Einmal entbrennt zwischen ihnen ein Streit. Misha unterstellt Masha, nur nach einem willigen Helfer für ihre Selbstmord-Pläne zu suchen. Masha nennt Misha talentlos und larmoyant. Der Disput (der wenig überraschend in eine erste intensivere emotionale Annäherung zwischen den beiden mündet) markiert den dramaturgischen Höhepunkt des Films. Woher Mashas Todessehnsucht rührt, was sie von Misha will, ob er mehr ist als nur eine Projektionsfläche für ihre suizidalen Fantasien: All diese Fragen lässt der Film klugerweise offen. Statt das Innenleben seiner Figuren psychologisch auszuleuchten, blickt er diskret auf die Dinge und Gesten, die ihren gemeinsamen Alltag bestimmen – und delegiert den Rest an die Zuschauer*innen.
White Snail gewinnt seine Wahrheit aus dem behutsamen Abtasten von Oberflächen, nicht aus psychologischen deep dives. Für dieses Abtasten nimmt sich der Film viel Zeit. „I don't like to wait too long, bring it on and bring it strong”, heißt es in dem Song House on Fire der australischen Singer-Songwriterin Sia, den Masha in einer grandios beklemmenden Karaoke-Szene in der zweiten Filmhälfte performt. Warten auf eine Intensität, von der man nicht weiß, ob sie eine*n verzehren oder mit neuem Leben erfüllen soll: Von dieser Ungeduld erzählt White Snail mit viel Feingefühl und Empathie, ohne sich davon selbst aus der Ruhe bringen zu lassen.
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